Gesellschaft : Der Schleuser aus Sibirien

Viele Flüchtlinge, die in EU-Länder wollen, werden über das Mittelmeer gebracht. Das besorgen Seeleute im Auftrag von kriminellen Banden. Ein Kapitän berichtet.

Andrea Di Nicola Giampaolo Musumeci
Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Irak kommen über das türkische Mittelmeer nach Griechenland.
Flüchtlinge aus Afghanistan und dem Irak kommen über das türkische Mittelmeer nach Griechenland.Foto: Imago

Aleksandr ist Seemann. Der Kapitän stammt aus Sibirien und hat für türkische Menschenhändler gearbeitet. Hellblaue Augen, schlauer Blick. Die Männer, die die Boote steuern, also die Drecksarbeit machen, sind für die Organisationen im Flüchtlingsgeschäft unverzichtbar. Aleksandr war Schleuser. Er hat alles riskiert. Zu vier Jahren und acht Monaten Haft wurde er in Italien verurteilt, weil er illegal Flüchtlinge über das Mittelmeer gebracht hat:

Ich bin in Sibirien geboren, in der Nähe von Irkutsk, 1971. Dort habe ich 18 Jahre gelebt, dann musste ich zum Militär. Ich war 15 Jahre in Wladiwostok, im äußersten Osten von Russland, gegenüber von Japan, bin dort auf die Marineschule gegangen. Als die Sowjetunion zusammenbrach, sind alle dem Kapitalismus hinterhergehechelt. Alle wollten das große Geld machen. Ich wollte lieber Skipper werden: Mit 24 war ich schon Kapitän. Der Staat war damals am Ende, es gab keine Regeln, keine Polizei mehr, keinen Zoll. In Wladiwostok wimmelte es nur so vor Verbrechern. Hätte ich zu jener Zeit Geld scheffeln wollen, wäre ich heute ein toter Mann.

Anfangs habe ich die Boote der Marineschule gefahren, dann kamen die Reichen, die neuen Kapitalisten. Damals lief das so: Sobald einer Milliardär wurde, kaufte er sich eine Jacht. 1993 wurde der Rubel ja Monat für Monat weniger wert. Man musste das Geld auf der Stelle ausgeben, wenn man keine Verluste machen wollte. Als dann Putin an die Macht kam, hat sich die Situation drastisch verändert: Es gab weniger Geld und weniger Arbeit. Ich bin nach Sibirien zurückgegangen, unter anderem, weil meine Mutter alt und kränklich war. 2010 musste ich mir eine Arbeit übers Internet suchen, hatte meine Anzeige auch an ein ukrainisches Portal weitergeleitet. Und darüber habe ich kurz vor Weihnachten ein interessantes Jobangebot gekriegt.

Man hat mich über Skype kontaktiert, und ich musste so etwas wie ein Einstellungsgespräch absolvieren. Der Mann, mit dem ich gechattet habe, saß in der Ukraine. Später habe ich erfahren, dass er zu der Organisation gehörte, er war eine Art Wandschirm zwischen dem Organisator und dem Skipper. Der Skipper darf ja möglichst nichts über den anderen wissen. Weil dem Boss dann nichts passieren kann, wenn Polizei und Staatsanwaltschaft das Boot hochnehmen. Die Organisatoren bleiben immer im Verborgenen.

Erst einmal wollten sie eine Kopie von meinem Pass. Ich habe sie per E-Mail geschickt: Sie hatten also meine Anschrift, mein Foto, alles. Bei einem zweiten Gespräch haben sie mich dann mit Fragen bombardiert: Rauchst du? Nein, ich rauche nicht. Trinkst du? Nein, ich trinke nicht. Nimmst du Drogen? Wie ist dein Gesundheitszustand? Sie sind offen zu mir gewesen. Sie haben gesagt: „5000 Dollar für eine Fahrt.“ Ich habe ja gesagt. Einen Vorschuss habe ich nicht verlangt.

Dann informiert mich der „Vermittler“, wieder über Skype, dass sie mir ein Flugticket von Sibirien nach Kiew zahlen. Ich frage: Warum gerade in die Ukraine? Er sagt, weil er dort sitzt und mich persönlich kennenlernen will. Außerdem, sagt er, soll ich noch ein zweites Mitglied für die Crew rekrutieren, einen Assistenten.

Ich spreche einen Freund aus Nachodka in der Nähe von Wladiwostok an, mit dem mich ein unvergessliches Erlebnis verbindet: Wir haben einmal ein Segelboot auf drei lange Kufen montiert und sind mit 120 Stundenkilometern übers Eis gejagt! Er sagt sofort zu. Der Vermittler zahlt unsere Flüge. Ich bleibe mehrere Tage in der Ukraine. Der Vermittler spricht perfekt Russisch. Er ist Türke, kennt aber unsere Kultur, sogar unsere Comics, beruhigt mich: Ich solle mir keine Sorgen machen. Er spricht von zwei seetüchtigen Schiffen, das eine acht, das andere fünfzehn Meter lang. Von höchstens zehn Personen, die wir an Bord nehmen. Je mehr Fahrten ich mache, desto mehr würde dabei rausspringen.

Er ist um die 40, ein stämmiger Mann mit riesiger Wampe. Und einem hässlichen Gesicht, aber intelligentem Blick. Die Nase ist groß und krumm. Seine Haut olivfarben. Ich denke sofort, der ist ganz schön auf Zack. Am Ende waren wir beinahe Freunde. Ich habe sogar seinen wahren Namen erfahren, Ahmed. Er lebt nicht in der Türkei, weil ihn die Polizei dort im Visier hat.

Er sagt: „Du fliegst nach Istanbul. Da kommt jemand und gibt dir das Geld.“ Wer, das sagt er nicht. Er besorgt mir ein Ticket, reserviert ein Hotelzimmer im Sultanahmet-Viertel, in der Nähe der Blauen Moschee. Mein russischer Freund ist schon im Hotel. Alles komplett bezahlt. An der Rezeption gebe ich meinen Pass ab, nenne meinen wirklichen Namen. Dann zieht sich die Sache hin: Ich bleibe mehrere Monate in Istanbul, ohne auch nur einmal zu fahren. Nach einer Weile schicke ich meinen Freund wieder nach Hause und rekrutiere zwei neue Crewmitglieder. Zwei Frauen: eine Freundin von mir und meine Verlobte. Noch immer passiert nichts. Nach ein paar Wochen schicke ich die Frauen zurück.

Ich würde das Boot trotzdem fahren, sage ich, allein. Wenn ich frage, wann es endlich losgeht, sagt der Vermittler: „Morgen, morgen“, „in einer Woche vielleicht“, „wir haben Probleme, weil gerade 120 Leute ertrunken sind, die Polizei hat die Kontrollen verstärkt.“ Dann fahre ich endlich nach Bodrum, dort kriege ich ein marodes Holzboot, noch dazu mit einem Motor, der nicht anspringt. Ein Scheißboot, sage ich. Der Vermittler sagt: „Wir nehmen 65 Leute mit.“ – „Was?“ Ich koche vor Wut. Und er: „Reg dich lieber über andere auf!“ Ich sage, dass ich in dieses Wrack garantiert nicht einsteige. Sie müssen mindestens den Motor und die Geräte, GPS-Gerät und so, in Schuss bringen. Das ist Wahnsinn, sage ich, so viele Leute da reinzupferchen. Der reinste Wahnsinn.

Glücklicherweise hört er auf mich. Also brauchen wir ein besseres Boot: noch mal zwei Monate Warten! Auf der Suche nach dem Boot fahre ich quer durch die Türkei. Die Tage vergehen, aber sie zahlen alles: Hotel, Verpflegung, Reisekosten. Dann finde ich endlich das passende Boot: neun Meter lang, 31 000 Euro. Kein Problem, sagen sie. Ich fliege von Istanbul nach Marmaris. Eine Stunde Flug. Ich komme zum Hafen, gehe an Bord, fahre aufs Meer. Es ist sieben Uhr abends, April 2011. Ich nehme Kurs auf Griechenland.

Obwohl ich mich draußen auf dem Meer unglaublich frei fühle, bin ich eigentlich ihre Geisel. Ich habe das Boot auf meinen Namen gemietet, sie haben mich in der Hand. Wenn ich abhaue, zeigen sie mich wegen Diebstahls an. Sie verfolgen meinen Kurs genau, alle zwei Stunden muss ich meine Koordinaten durchgeben. Sie wollen alles wissen, die Leute von der Organisation.

Lange Zeit ist die Fahrt schwierig. Es herrscht starker Wind, es stürmt. Weil das der Motor nicht durchhält, beschließe ich, näher an die Küste zu fahren. Sage und schreibe drei Mal muss ich den Anker werfen: eine 70 Meter lange Metallkette mit großen Kettengliedern. Ich bin mutterseelenallein. Es ist eiskalt, der Wind peitscht; wo ich hingucke, Wasser. Aber das Boot stoppt nicht. Erst beim dritten Versuch sitzt der Anker fest. Ich bin erschöpft, klettere unter Deck, versuche, ein paar Stunden zu schlafen. Mein Boot liegt bei einer kleinen griechischen Insel. Ich schließe die Augen und wache erst auf, als es hell wird: drohend über mir eine orthodoxe Kirche. Zeit, zu verschwinden.

Nach einer Woche und einem fürchterlichen Sturm erreiche ich Lefkada. Ich habe zwei Nächte geschlafen, wenn überhaupt. Alle 20 Minuten musste ich den Horizont kontrollieren. Ich bleibe drei Tage auf der ionischen Insel. Über Western Union schickt mir der Organisator 2000 Euro. Davon kaufe ich ein Schlauchboot mit Motor, als Beiboot. Am Telefon krieg ich zu hören: „Wenn du nicht 31 Leute mitnimmst, hast du ein echtes Problem.“

Er sagt mir, ich soll den Hafen von Lefkada verlassen und über Nacht an der Reede warten. Übermorgen würden sie mir sagen, wo ich die Kunden an Bord nehmen kann. Die Koordinaten, die sie mir geben, führen mich an eine felsige Küste. Kein Dorf, kein Hafen, kein gar nichts. Es ist Nacht, stockdunkel. Ich fahre näher heran, klebe fast an der Klippe, berühre schon die Felsen. Da kommen die Bastarde an Bord, wie Billardkugeln kullern sie blitzschnell unter Deck. Tum, tum, tum! Sie huschen vorbei, hören nicht auf meine Anweisungen, keiner spricht Englisch. Schwupp, sind sie drin. Genau 31. Alles Männer. Die meisten zwischen 17 und 25. Afghanen und Iraker. Einer hat ein Handy. Vielleicht hält er den Kontakt mit den Chefs.

Sie wollen nach Sizilien, aber ich setze mich durch: „Zu weit und zu gefährlich.“ Ich nehme Kurs auf Apulien. Ich fahre mit vier Knoten, mit Segel und Motor. Wir brauchen zwei Tage. Die Flüchtlinge bleiben unter Deck, der Schwerpunkt muss unter Wasser bleiben. Sie müssen da drinnen bleiben, und wenn sie kotzen. Wenn jemand an Deck kommt, laufen wir voll Wasser und krepieren. Ich kenne da keine Gnade, sie müssen die Klappe halten. Die Flüchtlinge fangen an zu beten. Ich bin ihre einzige Hoffnung. Ich hätte auch einem von denen das Ruder in die Hand drücken, das Schlauchboot nehmen und umkehren können. Aber der Typ bin ich nicht, der das Leben von Menschen aufs Spiel setzt. Das wäre ja ein Verbrechen.

Als wir in italienischen Gewässern sind, schalte ich alle Lichter am Boot aus. Wir sind in Küstennähe. Absolute Stille, pechschwarze Nacht, es ist nichts zu hören, nur das Rauschen der Wellen und leises Motorbrummen. Dann drehe ich mich um und sehe direkt vor mir einen riesigen Drachenschädel: das Patrouillenboot vom Zoll, sie fahren auch ohne Beleuchtung.

Ich stelle den Motor ab. Sie kommen näher. Ich schreie, dass mein Funkgerät nicht funktioniert. Sie sagen auf Englisch: „Bleiben Sie stehen, keine Bewegung!“ Und ich: „Okay, okay.“ Sie legen langsam bei. Der Steuermann ist der reinste Dilettant, so was von ungeschickt. Ich rufe rüber, er soll’s sein lassen, ich komme ran. Sie befehlen mir, zu bleiben, wo ich bin. Keine Manöver! Sie kommen an Bord, fragen, ob ich keine Papiere habe. Ich sage, doch, alles in Ordnung. Hätte ich so getan, als besäße ich keine Papiere, wäre ich auf der Stelle ein illegaler Flüchtling gewesen und nicht etwa als Schleuser verurteilt worden. Solche Spielchen sind nichts für mich. Ich bin ein Seewolf, ein Profi. Die Flüchtlinge haben Glück gehabt, sie haben Italien ja erreicht.

Der Text ist ein leicht gekürzter Vorabdruck von Andrea Di Nicola und Giampaolo Musameci, „Bekenntnisse eines Menschenhändlers“ (Kunstmann Verlag 2015, 208 Seiten, 18,95 Euro).

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