Im Rest Belgiens interessiert man sich kaum für die Deutschsprachigen

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Deutschsprachige Minderheit in Belgien : Die Grenzgänger von Eupen
Karikaturistin Valentine Lilien.
Karikaturistin Valentine Lilien.Foto: Ivo Mayr

Valentine Lilien, 24, hat Platz genommen an einem der Tische, die Kellnerin schenkt ihr hausgemachte Limonade ein. Durch die offene Terrassentür weht ein Aroma von Kuhstall und Wiesen ins Innere. Früher war das Gebäude eine Scheune. Dann, nach dem Krieg, als entlang der Grenze viel geschmuggelt wurde, ein Kaffeegeschäft.

Lilien ist ein Kind des Grenzlands. Aufgewachsen ist sie in Eupen, ihre frankofonen Eltern schickten sie zu den Pfadfindern, da sollte sie Deutsch lernen. Die Schule absolvierte sie zweisprachig, wie das hier üblich ist. Und doch bleibt ihr manches fremd: „Fritten und Champagner, das geht nicht zusammen“, sagt sie und verzieht das Gesicht. Die Kombination erinnert sie an morgendliche Sektempfänge, die ihr einfallen, wenn man sie nach typisch deutschen Eigenschaften der Gegend fragt. Und was ist hier belgisch? „Beim Feiern geht es nicht so geordnet zu, da sind die Leute relaxter.“

Valentine Lilien kommt derzeit nur noch am Wochenende nach Eupen, wenn sie ihre Eltern besucht. Seit dem vergangenen Jahr wohnt sie in Brüssel. Irgendwann will sie vielleicht zurückkehren, sie mag die Natur und die Ruhe hier. Vorläufig aber geht sie den Weg der meisten Jungen: raus, nach Liège oder Brüssel. Oder nach Deutschland.

Die Provinz und die belgische Hauptstadt – Lilien kennt beide Welten. Im Rest Belgiens hätte man kaum Interesse an den Deutschsprachigen, erzählt sie, die Brüsseler wüssten gar nichts über die Minderheit. Als Karikaturistin arbeitet sie für die frankofone Wirtschaftszeitung „L’Echo“ ebenso wie für die Website des deutschsprachigen Rundfunksenders BRF. „,L’Echo‘ ist zwar ein sehr seriöses Blatt, aber was schwarzen Humor angeht, kann ich dort deutlich weiter gehen“, erklärt sie. „Beim BRF mögen sie das nicht so.“

Die Grenze hat Lilien „10 000 Mal überquert“. Möchte sie Sushi essen, fährt sie nach Aachen, wenn es arabische Speisen sein sollen, nach Liège. Aber wirklich zu Hause fühlt sie sich eben zwischen beiden Städten. „In Aachen halten die Fußgänger an einer roten Ampel an. In Liège nicht.“ Und in Eupen? Lilien lächelt. „Bleiben sie stehen.“

Zurück ins Eupener Zentrum. Im „Café Columbus“ hängt ein Porträt der belgischen Königsfamilie an der Wand. Gleich daneben findet sich ein Poster der „Roten Teufel“, wie die belgische Fußballnationalmannschaft genannt wird. Alain Brock – der Mann, der das Public Viewing organisiert hat – erholt sich bei einem Starkbier am Tresen, wo neben der „Sport-Bild“ die lokale deutschsprachige Zeitung „Grenz-Echo“ ausliegt.

Brock erzählt aus seinem Leben, das er komplett in Eupen verbracht hat. Er war Bankdirektor und Karnevalsprinz, heute arbeitet er im Stadtmarketing und ist Chef des lokalen Fanclubs der „Roten Teufel“. „Bei der jüngeren Generation sieht man weniger Ressentiments gegen Deutschland“, sagt er. Seine eigenen Kinder würden sogar zur deutschen Nationalmannschaft halten. Und bei Spielen des DFB-Teams gebe es schon ein paar mehr Zuschauer in den Eupener Kneipen als bei denen anderer Mannschaften.

„Wenn es um Klubfußball geht, sind die meisten sowieso Fans von Teams aus Nordrhein-Westfalen“, sagt Brock. Die Mannschaften aus dem Nachbarland sind dann doch attraktiver als der städtische Zweitligist AS Eupen.

Vor dem „Café Columbus“ fahren Autos vorbei, aus deren Fenstern belgische Fahnen hängen. Sie steuern hinaus aus der Stadt. Bevor es auf die Landstraße geht, muss der Korso unter einer Eisenbahnbrücke hindurch. Neben die Bücke hat jemand „1. FC Köln“ auf den grauen Stein gesprüht. Zwei Mal.