"Ich versuche, so entspannt wie möglich zu sein"

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Diagnose: Leukämie : „Ich sterbe nicht früher, wenn ich über das mögliche Sterben spreche“
Foto: Mike Wolff
Ihre Diagnose lautet Leukämie, sie spricht darüber, möchte aber nicht erkannt werdenFoto: Mike Wolff

Ihre Wohnung liegt im fünften Stock, steile Treppen, sogar wir waren nach dem Hochsteigen heftig am Schnaufen und ...

... für mich wird das zunehmend schwieriger. Wenn ich im Zelltief bin, also immungeschwächt von der Chemotherapie, ist das kaum nach oben zu schaffen. Eine kleine Wohnung im Parterre oder mit Aufzug irgendwo, das wäre traumhaft für mich. Ist aber wohl nicht zu bezahlen, ich kann ja nicht mehr voll arbeiten.

Bei Krebs ist das Vokabular arg militärisch. Es geht um „Kampf“, ums „Besiegen“, da werden vom Arzt „schwere Geschütze aufgefahren“, mit denen er Zellen „bombardiert“. Reden Sie auch so?

Ich kämpfe ja gar nicht, ich lehne mich zurück, versuche, so entspannt wie möglich zu sein, begebe mich in die Obhut der Ärzte und lasse die für mich kämpfen. Ich sehe auch keinen Feind, ich scheue diese Begriffe, denn: Sollte es mit mir nichts mehr werden, dann möchte ich nicht eine sein, die verloren hat. Das habe ich eben nicht.

Der verstorbene Schriftsteller Wolfgang Herrndorf, der Krebs hatte, nannte seinen Blog „Arbeit und Struktur“. Sind das zwei wichtige Elemente?

Absolut. Arbeit gibt mir das Gefühl, noch etwas im Griff zu haben. Und mit Patienten zu arbeiten, bringt mir Spaß. Ich mache das auch gut, bilde ich mir ein.

Die Leute kommen mit Depressionen, Ängsten, Problemen in der Partnerschaft, Traumata oder Essstörungen zu Ihnen. Denken Sie nie, bleibt mir mit eurem Kram weg, ich hab schon genug Leiden am Hals?

Ich finde es eher beruhigend, mit dem Leid anderer konfrontiert zu sein. Ich bin dann nicht nur auf mich konzentriert. Am Anfang hatte ich tatsächlich Angst: Kann ich noch eine gute Psychologin sein, messe ich das Leid der anderen nur noch an meinem? Etwas viel Schlimmeres als meinen aktuellen Zustand kann ich mir kaum vorstellen. Empfinde ich also das – komisches Wort – Alltagsleid von Patienten, ihre Probleme mit Kindern oder Ehepartnern, nur noch als Bagatelle? Nein, es geht gut, ich kann meine Patienten und ihre Nöte ernst nehmen.

Sie sagten vorhin, Sie seien religiös. Gibt Ihnen das Trost, einen Halt?

Nicht wegen einer Perspektive von Ewigkeit. Es gibt ja gläubige Krebskranke, die sagen, das nehme ihnen die Angst vor dem Tod. Mir macht es den Tod nicht erträglicher, weil ich sehr am Leben hänge, und wenn es nach mir geht, möchte ich es noch eine ganze Weile auskosten. Doch ich denke auch, hier im Leben mutet mir Gott schon nichts zu, was ich nicht aushalten kann.

Was ist denn die schrecklichste Vorstellung für Sie?

Mit total starken Schmerzen ganz alleine zu sein. Aber da kann man ja vorsorgen. Und wovor ich mich bei der Chemotherapie fürchte, ist das Erbrechen. Ich sitze da mit mehreren Kranken in einem Raum, die müssen sich auch mal übergeben, das steckt mich richtiggehend an. Ich fühle mich dann wie ein Häufchen Elend.

Wir reden übers Sterben, dabei arbeiten Sie fleißig an Ihrer akademischen Karriere, ein echtes Zukunftsprojekt. Ist das mit Hoffnung verbunden?

Was wäre denn die Alternative? Ich kann mich doch nicht hinsetzen und warten, bis ich tot bin.

Ihr Vortrag im Hospiz hatte den Titel „Sterben für Anfänger“. Ist das Humor oder Galgenhumor?

Ich war immer schon humorvoll, da ist nichts aus der Krankheit entstanden. Das habe ich mir auch zu Beginn vorgenommen: den Humor und die Selbstironie nicht zu verlieren. Ich glaube, man kann solche Entscheidungen bewusst treffen. Es wird einem durch die Krankheit nichts aus den Händen gerissen, ohne dass man sich wehren kann. Ich möchte auch, dass meine Freunde oder Freundinnen mit ihrem Liebeskummer zu mir kommen, dass mich das noch erreicht und berührt. Ich habe auch, drittens, entschieden zu versuchen, glücklich zu sein. Das mindert nicht die Traurigkeit und die Verzweiflung, die sind genauso da.

Gestatten Sie sich diese Gefühle vor anderen?

Ja.

Auch Jammern?

Schwierig, damit habe ich große Mühe.

Wut?

Ja, aber nicht auf Menschen. Auf die Krankheit, auf das Schicksal, auf etwas, was ich nicht habe. Und was hilft bei Wut am besten? Geschirr zerdeppern, einen Bleistift zerbrechen. Aber insgesamt bin ich gelassener geworden.

Ärzte beantworten ungern die Frage: Wie lange habe ich noch? Oft können sie das gar nicht beantworten. Fragen Sie ab und an?

Ich frage nicht. Denn wenn die Antwort wäre, noch drei Monate, hätte ich sofort den Druck: Was muss ich jetzt noch alles schaffen!? Es ist nicht so entscheidend, ob es sich um sechs Monate handelt oder um zwölf. Ich weiß selbst, es ist wahrscheinlich, dass wir nicht von Jahren sprechen.

Sie haben gleich zwei sogenannte Sterbebegleiter vom Hospiz. Warum?

Das hat eine Freundin vorgeschlagen, die dachte, das würde mir gut tun, ich lebe ja allein. Ich meinte, was habe ich denn mit einem Hospiz zu tun? Sie sagte, es geht gar nicht zwingend ums Sterben, die begleiten auch chronisch Kranke. Das war völlig gelogen. Doch hätte sie Sterbebegleitung gesagt, hätte ich gesagt, nee, mache ich nicht.

Das Wort erschreckt, es klingt so endgültig.

Ja, aber im Kontakt mit den beiden hat es seinen Schrecken verloren. Ich habe gemerkt, ich sterbe keine Minute früher, nur weil ich eine Sterbebegleiterin habe. Man stirbt auch nicht früher, wenn man über das mögliche Sterben spricht.

Wie muss man sich das erste Treffen vorstellen – wie ein Blinddate?

Ganz genau. Ich habe die Tür aufgemacht und wusste, das passt, ein instinktives Gefühl. Das war vom ersten Moment an sehr vertraut. Wir gingen zusammen spazieren, und es stellte sich rasch heraus, auch das Hospiz hatte mich angeschwindelt.

Bitte?

Das Hospiz hat einen ambulanten, ehrenamtlichen Dienst, da bin ich zum Kennenlernen hingegangen. Die wollen wissen, wie sind die Voraussetzungen? Man muss schwer krank sein und im günstigsten Fall irgendwann sterben. Man darf auch Wünsche äußern. Ich wollte ganz klar eine ältere Frau. Eine mit Erfahrung, mit sich, mit dem Leben, mit dem Sterben. Gleichaltrige kenne ich genug. Und es sollte intellektuell passen, kein Hochschulabschluss erforderlich, aber jemand, der mir an Reife eher überlegen ist. Die sagten, Frau haben wir, aber nur Ende 30. B. ist Anfang 30, hat sich dann herausgestellt, doch das spielte vom ersten Moment an keine Rolle mehr. Umgekehrt hatte man ihr nicht gesagt, dass die Begleitung von mir eine längere Sache werden kann, sie kam mit dem Glauben, das dauert wie üblich sechs Wochen, vielleicht zehn. Eineinhalb Jahre sind es jetzt.

Ein etwas älterer Mann ist auch mit im Boot.

B. war mal sechs Wochen weg und meinte, eine Art Vertretung täte gut, seitdem habe ich auch M. an der Backe. Ich treffe sie einzeln, jede Woche so zwei Stunden. Hier bei mir, wenn ich im Zelltief bin, sonst gehen wir ins Kino, essen was, spazieren. Es ist nett, doch wir verlieren nie aus den Augen, weshalb wir uns treffen. Oft stößt einer von ihnen das Thema an: Was gibt es noch zu regeln? Muss ich etwas klären? Habe ich Angst vor etwas und schiebe es vor mir her?

Zum Beispiel?

Patientenverfügung. Testament. Hatte ich alles nicht. Beerdigung. So ein Sterben muss sich ja nicht lange ankündigen. Sollte ich noch mit jemandem sprechen? Will ich einen eigenen Nachruf schreiben? Das steht ganz oben auf meiner To-do-Liste. Es ist ja vielleicht ganz hilfreich für Angehörige und Freunde, zu hören, wie ich mich selbst gesehen habe, an was ich mich erinnere, was für ein Bild von mir bleiben soll. Ich möchte natürlich neben meinem Bruder beerdigt werden. Und da ich ein eher positiver Mensch bin, sollte auch bei der Beerdigung die Stimmung so sein. Es sollte deutlich werden, dass nicht nur alles schrecklich und grausam war.

Eine Frau, die sich im Hospiz als Sterbebegleiterin engagiert, hat Nachrufe gesammelt, die Sterbenskranke auf sich selbst geschrieben haben. Viele notierten: Ich wünschte, ich hätte den Mut gehabt, mein eigenes Leben zu leben. Ich wünschte, ich hätte mir erlaubt, glücklicher zu sein ... Es war das große Bereuen.

Ich würde unterscheiden zwischen Dingen, die ich bereue, und denen, die ich verpasst habe. Darüber rede ich auch mit B. und M. Es ist beruhigend und ein schönes Fazit, festzustellen, dass ich nichts im Leben groß bereue. Fast alles würde ich wieder so machen. Klar, ich hätte gerne Kinder bekommen, eine Familie gegründet, doch ich bin nun mal mit 22 Jahren krank geworden. Nicht meine Schuld. Ich habe deshalb für mich beschlossen: Dann will ich wenigstens die Kinder meiner Freunde babysitten, wann immer ich kann.

Fehlt Ihnen die Liebe?

Ich würde sie mir wünschen, ich finde, ich habe noch viel zu geben, auch Liebe. Nur, wer von Verstand wird sich auf mich einlassen, nicht wissend, wie lange es mich noch gibt?

Sie sagten in Ihrem Vortrag, Sie würden das Schreckliche schrecklicher erleben und das Schöne schöner. Wie meinen Sie das?

Es ist alles für mich intensiver geworden. Wir kennen das ja aus dem Alltag, je zerbrechlicher etwas ist, desto kostbarer wird es. Das ist mit dem Leben nicht anders.

Der Autor Fritz J. Raddatz ist jüngst in die Schweiz gefahren, um sich beim Sterben helfen zu lassen. Der 83-Jährige wollte über sein Ende selbst entscheiden.

Undenkbar für mich, einfach weil ich zu feige bin. Ich will diese Entscheidung gar nicht treffen, ich müsste ja ständig nachdenken, reicht es jetzt, wann verliere ich meine Würde, geht die schlechte Phase wieder vorüber? Dieser Druck würde mich irre machen.

Es gibt in letzter Zeit sehr viele Bücher über das Sterben, manche sehr erfolgreich wie „Das Schicksal ist ein mieser Verräter“. Haben Sie eine Erklärung dafür?

Das rutscht langsam aus der Tabu-Ecke heraus, wird präsenter, lockert sich. Weil eben Betroffene offen damit umgehen wie Wolfgang Herrndorf, dem man ja quasi beim Sterben zugeguckt hat. Ich habe mich in vielem erkannt, etwa als er seinen Organspende-Ausweis im Portemonnaie entdeckt und direkt in den Papierkorb befördert, er denkt, mit meinem Körper ist eh nichts mehr anzufangen. So habe ich das auch gemacht. Andererseits ist er sarkastischer und zynischer als ich, ich glaube, er konnte schlecht mit Mitgefühl umgehen. Mir ist Mitleid auch mal ganz recht.

Sie haben auch Dissens mit Ihren Sterbebegleitern. Die wollten mit Ihren Eltern reden, Sie sind dagegen.

Meine Eltern sind überfordert mit meiner Erkrankung, wenn dann noch jemand von außen kommt, könnte das vorwürfig wirken. Ich muss mich damit arrangieren.

Ihr Zwillingsbruder starb vor fünf Jahren bei einem Autounfall, Sie beide sind die einzigen Kinder und ...

... deshalb kann ich die Reaktion meiner Eltern – sie wollen meine Situation nicht an sich ranlassen – auf der rationalen Ebene auch verstehen. Die Zeit, hoffe ich, wird es schon richten. Sein Tod war für mich die schlimmste Erfahrung meines Lebens, ich habe meinen Bruder sehr geliebt, wir hatten ein enges Verhältnis. Da habe ich einen großen Teil von mir selbst verloren.

Denken Sie daran, ihn wieder zu sehen?

Bestimmt. Ich gehe fest davon aus, dass er irgendwo auf mich wartet. Mit einem Bier, und ich bringe das Feuerzeug mit und mache es auf.

Ab und an besuchen Sie das stationäre Hospiz, einfach so. Wieso gehen Sie dem nicht aus dem Weg?

Es mag absurd klingen, aber der Ort tut mir gut. Ich trinke einen Kaffee, quatsche mit den Pflegern, spiele Mensch-ärgere-dich-nicht, ich lese, unterhalte mich mit dem Seelsorger. Alles ist so selbstverständlich, ich fühle mich dort erleichtert. Wenn Sie als Gesunde dahin gehen, nehmen Sie das aus einer anderen Perspektive wahr. Sie empfinden es als schrecklich, weil da plötzlich Krankheit auftaucht, Schmerz, es geht um das Sterben. Doch das ist alles bei mir eh schon vorhanden, mich schockt das nicht mehr. Das Personal ist total liebenswürdig und gibt mir das Gefühl, sie helfen mir, den Berg zu bewältigen, der da vor mir steht. Ich verstehe mich auch mit einigen der Patienten sehr gut, das ist allerdings eine zweischneidige Sache, von denen sterben halt eine Menge.

Wie geht es mit Ihrem alten Freundeskreis?

Nach der Diagnose war die Anteilnahme groß, ich wurde mit Genesungskarten überhäuft. Das hat nachgelassen, das Leben der anderen läuft ja weiter, in diesem Alter passiert unheimlich viel. Die können nichts dafür, dass es bei mir anders ist.

Wenn jemand stirbt, steht im Hospiz eine Kerze vor der Tür. Da ist der Tod sehr konkret.

Er verliert auch seine Bedrohlichkeit, wenn man das häufiger sieht. Der Tod erlebt seine Normalisierung, würden Psychologen sagen.

Im Zimmer des Toten wird im Hospiz ein Fenster geöffnet, damit die Seele entweichen kann.

Das ist mir zu esoterisch, ein fürchterliches Ritual. Ich habe schon gesagt, bei mir bleibt das Fenster gefälligst zu! Meine Seele bleibt doch nicht an einer Glasscheibe hängen.

Es fällt schon extrem auf, wie gut gelaunt Sie erzählen, wie zugewandt Sie sind. Waren Sie schon immer so?

Ich glaube, ja.

Der Tod ist das große ungelöste Rätsel der Menschheit. Sind Sie der Entschlüsselung näher gekommen?

Wir wissen nicht, was danach passiert, wir können auf keine Erfahrungen zurückgreifen. Mir macht das trotzdem keine Angst. Ich vermute, es wird unvorstellbar cool sein, dort, wo wir dann sein werden – eine ganz eigene Dimension. Ich melde mich dann.

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