"Ich war immer viel zu vernünftig in meinem Leben"

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Diagnose: Leukämie : „Ich sterbe nicht früher, wenn ich über das mögliche Sterben spreche“
Foto: Mike Wolff
Ihre Diagnose lautet Leukämie, sie spricht darüber, möchte aber nicht erkannt werdenFoto: Mike Wolff

Gibt es etwas Spezielles, das Sie sich noch unbedingt gönnen wollen?

Ich habe eine To-do-Liste. Da stehen nicht so extravagante Wünsche wie Weltreisen drauf, eher kleine Sachen: auf der Spree paddeln, im Casino Geld verspielen, Drogen nehmen, ein Flug mit dem Airtrike, so einer Art Ultraleichtflugzeug, Motorrad fahren. Aber auch: ein Buch schreiben. Ich will lernen, eine Bierflasche mit dem Feuerzeug zu öffnen. Es kann auch etwas sein, was ich schon hunderte Male gemacht habe, aber hundert Mal unbewusst. Jetzt möchte ich es mit einer anderen Wahrnehmung wiederholen. Kinderkarussell fahren zum Beispiel, das habe ich schon geliebt, als ich klein war.

Was haben Sie bereits erledigt?

Motorrad, den Flug, die Drogen. Ich war immer viel zu vernünftig in meinem Leben, da habe ich gedacht, Drogen brauche ich mal.

Und?

Ich wollte das nicht allein machen, also musste eine Freundin herhalten, wir haben uns auf Haschisch geeinigt und Kekse gebacken, weil die Ärzte meinten, das sei bei meiner Lunge günstiger. Hervorragend. Alles war sehr farbintensiv, sehr leicht. Sie sehen ja, ich habe viele Plüschtiere in meinem Zimmer, die waren grellbunter als bunt. Und ich hatte so das Gefühl, ich durchschaue die Welt – wirklich großartig. Aber damit war es auch okay, ich muss es nicht noch mal haben.

Der todkranke „Spiegel“-Reporter Jürgen Leinemann benutzte in seinem Buch „Das Leben ist der Ernstfall“ das Wort „Lebensrest“, ein kostbares Gut. Denken Sie manchmal, Sie dürften diese Zeit nicht mit unnützen Tätigkeiten verschwenden?

Gerade wenn man so krank ist, braucht man ganz viel von den banalen Sachen. Ich stelle es mir schrecklich vor, wenn alles von existentieller Bedeutung oder nur noch unfassbar schön wäre, das könnte ich nicht aushalten. Ich brauche viel Normalität, schaue jedes Fußballspiel von meinem Heimatverein an, entweder auf Sky, oder ich fahre die drei, vier Stunden mit der Bahn zu den Heimspielen. Ich gehe dort ins Stadion, seit ich vier Jahre alt bin.

Ihr Klub steht weit hinten in der Tabelle und macht Ihnen wenig Freude.

So ein Spiel kann bis heute entscheiden, ob ich mich glücklich fühle oder nicht. Tja, ich habe gehofft, dass ich keinen Abstieg mehr mitmachen muss in meinem Leben.

In der Region, in der Sie aufgewachsen sind, hießen in der DDR und heißen bis heute Fußballvereine „Wismut“, und Wismut steht für den Abbau von Uran. Sehen Sie einen Zusammenhang mit Ihrer Erkrankung?

Leukämie ist eine eher seltene Krebsart, die Inzidenz beträgt etwa fünf von 100 000, und doch sind aus meiner Schulklasse drei von 20 daran erkrankt. Das ist schon auffällig.

Sie haben kräftige Haare, lachen, gestikulieren beim Erzählen mit den Armen, Sie wirken gar nicht krank. Ist das vorteilhaft?

Ich bin ganz froh, wenn man mich so wahrnimmt und nicht nur als eine Sterbende. Es gibt dieses in der Gesellschaft verankerte Bild vom Krebspatienten, der ist kahlköpfig, abgemagert, kann sich kaum auf den Beinen halten. Das sieht man tatsächlich auf jeder onkologischen Station – aber nicht nur. Ich habe auch gesunde Anteile. Andererseits werde ich permanent überschätzt. Selbst enge Freunde sind überrascht, wenn ich beim Spazieren nach 500 Metern sage: Geht’s ein wenig langsamer? Das ist kein Problem, entscheidend ist, darüber zu sprechen.

Erinnern Sie sich an den Moment der Diagnose?

Frühjahr 2011, am 26. März. Ich hatte mich wochenlang schlapp gefühlt, war schon beim Staubsaugen schnell kaputt, dazu kamen hohes Fieber und blaue Flecken an den Beinen. Die Hausärztin hat mich in die Notfallambulanz geschickt, die hat geahnt, das ist nicht nur eine Grippe. Die Ärzte haben ein großes Blutbild gemacht, und da sah man gleich, es ist Leukämie.

Das wurde Ihnen so gesagt?

Nein, das ist etwas ungünstig gelaufen. Es gab so verschwörerische Blicke unter den Ärzten, ich bin auf der Liege ständig weggeschlafen und sagte mal, ich hätte nächste Woche an der Uni eine Prüfung, da meinte einer, ich solle ab jetzt lieber in Monaten denken und mich auf der Station soundso melden. Ich stieg dann aus dem Fahrstuhl und da stand: Onkologie, Palliativmedizin. Ich war mir sicher, das ist eine Verwechslung, das kann nicht sein! Doch, doch, hieß es, die Ambulanz habe schon angerufen, alles Weitere morgen früh. Da lag ich nun im Bett und dachte: Das hat wohl mit Krebs zu tun, na vielen Dank.

Welche Schulnote geben Sie diesen Medizinern?

Fünf minus. Doch der Onkologe am Morgen war sehr freundlich und klar: Reden wir nicht herum, es ist akute Leukämie, den Subtypus bestimmen wir mithilfe einer Knochenmarkpunktion. Wir beginnen morgen mit der Behandlung, es ist fünf vor zwölf. Die Heilungschancen liegen bei 50 Prozent.

Ein Schock.

50 Prozent, ist das eine gute oder schlechte Nachricht? Ich konnte es gar nicht einordnen oder fassen. Ich habe eine Münze genommen, okay, Kopf ist Sterben und Zahl ist Überleben, ich warf fünf Mal, es ging 4:1 fürs Sterben aus. Ich habe die Münze weggelegt und geweint.

Gehören Sie zu den Kranken, die wie wild im Internet recherchieren, oder ist Ihnen Unwissenheit lieber?

In den ersten Wochen ging es mir körperlich so schlecht, da war durch die harten Medikamente nur selige Benommenheit. Das ist später einer klaren Betrachtung gewichen. Ich weiß alles über meine Krankheit, mehr als jeder Durchschnittsarzt, ich lasse mir viel erklären, ich lese viel, ich habe im Schnelldurchgang ein halbes Medizinstudium absolviert. Aber ich stelle nie infrage, was die Ärzte tun, ich habe da großes Vertrauen.

Viele sind unsicher und versuchen es auch mal bei Wunderheilern und mit obskuren Tinkturen.

Das habe ich nie gemacht. Ich bin ein gläubiger Mensch, es ist schon alles so, wie es sein soll.

Was macht einen guten Arzt aus?

Er lässt sich ein, fährt nicht nur sein Pauschalprogramm ab, spürt, was braucht der Patient jetzt gerade. Er nimmt sich Zeit und beantwortet auch Fragen, die gar nicht gestellt werden, denn ich bin ja auch mal überfordert vom Wust der Informationen. Mir ist Ehrlichkeit wichtig, ich habe gesagt, wenn ich rauskriege, dass mir etwas verschwiegen wird, gibt es Ärger.

Und eine gute Krankenschwester?

Ich lag mit einer starken Schleimhautentzündung im Mund da und litt an Appetitlosigkeit. Bei einer Visite rutschte mir raus, ich hätte Lust auf Himbeeren. In ihrer Mittagspause ging Schwester Sylvia in den nächsten Supermarkt und brachte mir welche. Was für eine großartige Geste. Unglaublich, was das bewirkt. Warum tun Sie das?, fragte ich. „Es soll Ihnen nicht an profanen Dingen mangeln, Sie stecken in der größten Krise Ihres Lebens“, war die Antwort. Da wusste ich, hier bin ich richtig.

Macht Sie das Nichtstun im Krankenhaus mürbe, wenn das Hirn kreist und kreist ...?

Wenn es einem richtig schlecht geht, man voll mit Schmerzmitteln und Antibiotika-Infusionen ist, hört das Nachdenken komplett auf und wird zum Dösen und Dämmern. Unerträglich finde ich das normale Krankheitslevel. Da wartet man nur die Zeit runter, und ein Leben, das aus Warten besteht, finde ich blöd.

Bei der Diagnose nannte der Arzt eine Heilungschance von 50 Prozent, die ist mittlerweile deutlich gesunken. Steigt in diesem Maße Ihre Verzweiflung?

Nein, denn das würde im Umkehrschluss bedeuten, bei 70 Prozent würde die Verzweiflung entsprechend abnehmen. So ein linearer Zusammenhang existiert nicht. Wer Krebs hat, hat immer Angst, zu den Prozent zu gehören, die es nicht schafft. Angst ist ständig da.

Und was machen Sie damit?

Ich versuche, sie mir schönzureden. Sie einfach da sein zu lassen. Angst reduzieren zu wollen, funktioniert nicht. Es hilft mir auch, wenn die Therapeutin sagt, die Angst hat eine Berechtigung, man muss nichts gegen sie tun. Angst ist nur ein Gefühl.

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