Die Blockflöte als Folterinstrument : Verpfeift euch!

Alle Jahre wieder quält uns die Blockflöte mit ihrem schrillen Ton und dem schwefligen Geruch. Das muss aufhören! Ein Hilferuf

Nicht nur Klausi (rechts) ist genervt: Mutter Beimer aus der „Lindenstraße“ im Kreise ihrer Lieben.
Nicht nur Klausi (rechts) ist genervt: Mutter Beimer aus der „Lindenstraße“ im Kreise ihrer Lieben.Foto: WDR

Bitte nehmen Sie sich kurz Zeit und spüren den folgenden Klängen nach: Das Kreischen des Zahnarztbohrers. Das Quietschen von Besteck auf Porzellan. Das Warnsignal eines Transporters im Rückwärtsgang. Ein ungeöltes Gartentor. Fingernägel auf einer Tafel.

Warum ich Ihnen diese Qualen zumute? Als Aufwärmübung, um Ihre zarten Gehörschnecken nicht unvorbereitet der Weihnachtszeit auszusetzen. Denn Sie werden ihr unausweichlich begegnen. In Fußgängerzonen, in Krippenspielen oder unter dem eigenen Weihnachtsbaum – der Mutter aller Lärmbelästigungen: der Blockflöte.

Evolutionswissenschaftler gehen davon aus, dass Geräusche, die vom menschlichen Ohr als besonders unangenehm wahrgenommen werden, im Frequenzbereich der Warnschreie von Makaken liegen. Die Erklärung: Vor Millionen von Jahren sollen diese Töne unsere Vorfahren in Alarmbereitschaft versetzt, den Körper instinktiv in eine Abwehrhaltung gebracht haben. In anderen Worten: Der Hass auf Blockflöten ist ein Ausweis evolutionären Fortschritts.

Mir raubte das Holzblasinstrument im zarten Alter von sieben Jahren die musikalische Unschuld. Zugegeben, kurze intime Momente hatte es auch vorher schon gegeben. Da war das selbst gebastelte Kazoo aus einer Klopapierrolle und Butterbrotpapier. Oder das einsaitige Banjo aus einer Teebüchse. Doch das waren nur kurze, unverbindliche Flirts in der musikalischen Früherziehung.

Ein oraler Mehrgenerationenaustausch

Als jedoch das Mundstück einer Blockflöte das erste Mal meine Lippen berührte, ahnte ich: Hier kündigt sich das erste schicksalshafte Beziehungsverhängnis an. „Probier es doch einfach mal aus!“, ermunterte mich meine Mutter in der Tradition von Helga Beimer aus der „Lindenstraße“.

Aufgeschnappte Ratschläge älterer Mitschüler für die erste Knutscherei schossen mir durch den Kopf. Das Wichtigste sei: Augen zu. Doch wohin mit der Zunge? Und wie weit öffne ich meinen Mund? Knabbernd, saugend, zart, fordernd oder doch zurückhaltend? Ich atmete tief ein, atme tief aus: fiiiiiiiiiiiiep.

Für den Erstkontakt hatten meine Eltern das Erbstück einer befreundeten Familie geliehen. Bei einem Zungenkuss werden ungefähr 80 Millionen Bakterien ausgetauscht. Doch das hier war eine bedeutend unappetitlichere Angelegenheit: ein oraler Mehrgenerationenaustausch. Mein feuchter Atem hauchte jahrelang abgelagerten Schichten von Nahrungsresten und totem Gewebematerial Leben ein.

Zu Weihnachten ein musikalischer Gruß meiner Uroma

Das modrig-holzige Bouquet verwandelte sich im Abgang in ein aasiges Aroma. Eine Note von Schwefel strömte aus den Öffnungen der hölzernen Röhre. Als würde ich mir mit den Vorbesitzern einen Zahnzwischenraumreiniger teilen. Mein vom Ekel entstelltes Gesicht konnten selbst meine Eltern nicht mitansehen. Vorerst war das Experiment Blockflöte beendet.

Dann kam Heiligabend. Auf dem Wunschzettel: ein Laubsägekasten, ein ferngesteuertes Auto, eine Carrera-Rennbahn. Unter dem Weihnachtsbaum: ein kleines, längliches Paket. Darauf ein musikalischer Gruß meiner Uroma. Darin meine eigene Mollenhauer-Sopranflöte aus Birnbaumholz. Fortan sollte es also keine Ausflüchte mehr geben. Die Höllenpforten waren geöffnet.

Als Ausbilderin zum Dienst an der Schallwaffe wurde Miriam, die Tochter des Dorfpfarrers auserkoren. Und weil die Langeweile einer Blockflöte bekanntlich nur von der eines Flötenduos übertroffen wird, stellte man mir meinen besten Kindergartenfreund als Schicksalsgefährten zur Seite.

Die Zahl Sieben hat die Menschheit schon immer fasziniert

In seinem Roman „Tristanakkord“ beschreibt der Schriftsteller Hans-Ulrich Treichel die erste Stunde im Blockflötenunterricht: „Die Mahnung der Lehrerin, die Mundwinkel einerseits fest verschlossen und andererseits doch beweglich zu halten, führte bei (…) den meisten der Mitschüler zu starr verschlossenen Mundwinkeln, durch die sich irgendwann ein nicht mehr zu kontrollierender Speichelfluss seinen Weg nach draußen suchte.“ Dieses Gesabber jedoch beim Gegenüber zu beobachten, war die schwierigste Übung.

Die Zahl Sieben hat die Menschheit schon immer fasziniert. Uralte Zahlenmystik. Die sieben Todsünden. Die sieben Weltmeere. Die sieben Weltwunder. Ein Buch mit sieben Siegeln. Das verflixte siebte Jahr.

An diesem ersten Tag im Pfarrhaus stellte sich mir das Mysterium des Lebens in Form von sieben Löchern. Ein jämmerliches Fiepen und Quietschen. Warum die tapfere Miriam für diese akustische Marter lediglich zehn Mark die Stunde nahm, ist mir noch heute rätselhaft. Warum wir überhaupt bezahlten, schier unbegreiflich.

Das älteste archäologisch nachgewiesene Instrument?

Der Glaube unserer Lehrerin an die Missionierung, er war unerschütterlich. Als Pfarrerstochter war sie mit der Geschichte des christlichen Martyriums vertraut. Also litten wir zusammen um des Bekenntnisses willen.

Es soll sie ja wirklich geben, jene Menschen, die stolze Abonnenten des Blockflöten-Fachmagazins „Windkanal“ sind, die zu den Klängen von „Der Fluyten Lust-hof“ von Jacob von Eyck durch ihr heimisches Musikzimmer tänzeln und zu berichten wissen, dass sogar der große Johann Sebastian Bach in seinen Brandenburgischen Konzerten Blockflöten als Soloinstrumente einsetzte. Menschen, die bei jeder aufkeimenden Kritik ausführen, dass Flöten nun mal die ältesten archäologisch nachgewiesenen Musikinstrumente der Menschheit sind. Als ob der Verweis auf 43.000 Jahre alte Flügelknochen eines Gänsegeiers fortwährende Peinigung unschuldiger Seelen legitimieren könnte.

Endlich Ruhe!
Endlich Ruhe!Illustration: Hau Le

Was die Freunde des Instruments dabei aber meist unterschlagen: Die Blockflöte ist ein musikevolutionärer Zombie, der eigentlich längst seine ewige Ruhe neben Drehleier und Schalmei auf dem Instrumentenfriedhof der Geschichte verdient hätte. Als im 18. Jahrhundert der Kampf der Aufklärung gegen die Folter erfolgreich war, verschwand mit der Streckbank und den Daumenschrauben nämlich auch die Blockflöte als Geisel der Menschheit.

Es waren dann ewiggestrige Deutsche, die sie im 20. Jahrhundert der wohlverdienten Vergessenheit entrissen und ihre Kanonisierung in der bürgerlichen Musikpädagogik vorantrieben. Bis der Wiedergänger in Gestalt einer Plastikversion für 7,50 Euro über die Discounter das letzte Kinderzimmer erobert hatte.

Im 21. Jahrhundert, schrieb der Journalist Rainer Meyer einmal, sei die Blockflöte die Kalaschnikow unter den Musikinstrumenten: enorme Durchdringkraft, unverkennbares Geräusch, unverwüstlich, billig zu beziehen und auch in Kinderhänden richte sie schon maximalen Schaden an.

Die Blockflöte, geschaffen den kindlichen Geist zu brechen

Vergebliche Warnungen. Bei uns war die Weihnachtszeit fortan Blockflötenzeit. Auftrittsmöglichkeiten ergaben sich vor allem dort, wo Menschen nicht fliehen konnten: im örtlichen Altenheim oder vor der betagten Verwandtschaft.

Durch das Wohnzimmerfenster zeichneten sich am Schlittenhang die bunten Flecken der Schneeanzüge meiner glücklichen Mitschüler gegen das Weiß ab. Ich aber stand vor dem Notenständer. Über dem Gewirr aus Linien und Vorzeichen prangte in großen Lettern: „Was soll das bedeuten“.

Eine mehr als berechtigte Frage. Der verabredete Deal mit meiner Mutter: einmal fehlerfrei von vorne bis hinten durchspielen. Doch wie die Motivation aufrechterhalten, wenn es schon in der zweiten Zeile lautet: „Ich weiß wohl, es geht erst um Mitternacht rum“.

An diesem Tag wurde mir klar: Die Blockflöte wurde einzig dafür geschaffen, den kindlichen Geist zu brechen. Ein Instrument, sie zu knechten, sie alle zu schinden, ins Dunkel zu treiben und ewig zu binden. Durch die komplexe Atemtechnik und Koordination wird jede menschliche Regung konsequent unterdrückt. Junge Delinquenten können seit Jahrhunderten ein Lied davon flöten.

Versteinerte Gesichter, freudloser Ausdruck, gequälte Blicke

Der niederländische Künstler Hendrick Cornelisz van Vliet hielt bereits 1640 in einem großformatigen Ölgemälde den Blockflötenunterricht von Michiel van der Dussen und seinen Söhnen fest. Gebieterisch weist der Vater auf das Notenblatt. Versteinerte Gesichter, freudloser Ausdruck, gequälte Blicke.

Kein Wunder: Das Spiel der Blockflöte bedeutete stundenlanges Verharren in einer unnatürlich angestrengten Position. Erschlaffende Kinderärmchen, die das Instrument nur noch mit Mühe im Winkel von 45 Grad vom Körper weghalten können.

Selbst der Blockflötenprofessor Peter Holtslag von der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg gestand einmal, die Flöte sei eines der „heikelsten Instrumente für Kinder überhaupt. Es verlangt eine Feinmotorik von Fingern, Zunge, Mund und Atem, die es sehr schwierig macht, einen wirklich angenehmen Klang herzustellen.“

Wäre die aufgeklärte Gesellschaft wirklich am Kindeswohl interessiert, sie hätte längst ein striktes Blockflötenwerbeverbot erlassen. Immerhin, es gibt Hoffnung: Die Zahl der Blockflötenschüler sinkt hierzulande seit Jahren stetig.

Mein Bruder und ich hatten einen perfiden Plan ausgeheckt

Irgendwann bekam ich dann meine erste Gitarre. Lange Zeit lag meine Mollenhauer danach unbeachtet in einer Schublade. Ihr letzter aktiver Einsatz erfolgte an einem Nikolaustag, an dem die Kinder in Nordhessen traditionell Gedichte an den Haustüren aufsagen und mit Süßigkeiten belohnt werden. Mein Bruder und ich hatten einen perfiden Plan der Selbstermächtigung ausgeheckt. Wir würden die Erwachsenenwelt mit ihren eigenen Waffen schlagen.

Die Quittung für jahrelang erlittene musikalische Zwangsmaßnahmen: kalkulierte, emotionale Nötigung. Vergleichbar mit jener urbanen Legende, dass südamerikanische Musiker die Panflöte als postkoloniale Vergeltung in westlichen Fußgängerzonen anwenden.

Blau gefrorene Fingerchen umklammerten ein letztes Mal das Birkenholz. Eine Tür nach der anderen öffnete sich. Im Lichtkegel eine herzergreifende Darbietung. Wortlos hielt mein Bruder den Beutel auf. Ich atmete tief ein, atmete tief aus: fiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiiep.

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