"Eine Perversion unserer Welt"

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Die Galeristin Monika Sprüth über ihre Fußballleidenschaft : „Ich gehe ins Stadion, um zu observieren“
Fußballfan Monika Sprüth
Fußballfan Monika SprüthFoto: Thilo Rückeis

Kunst wie Fußball sind heute auf dramatische Weise kommerzialisiert.

Beide sind ganze Wirtschaftszweige geworden. Ich denke, für die Kunst war die Entwicklung noch schädlicher. Es gibt viele Ähnlichkeiten. Wenn Sie sehen, wie junge Talente zu schnell vermarktet werden. Im Fußball war es früher so, dass 22-Jährige aus Südamerika hierher geholt wurden, die hatten schon eine bestimmte sinnvolle Sozialisation als Straßenfußballer erlebt. Jetzt kommen sie als Kinder nach Deutschland. Seitdem Kunst auch ein Investment ist, werden junge Künstler früh vermarktet und angehalten, für den Markt zu produzieren. So nimmt man ihnen die Chance, sich in Ruhe weiterentwickeln zu können, ihren künstlerischen Weg zu finden. Für die Entwicklung junger Talente in Fußball und Kunst scheint mir mehr Ruhe und Unaufgeregtheit extrem wichtig zu sein.

Gerade ist der Franzose Paul Pogba für die Rekordsumme von 105 Millionen Euro von Juventus Turin zu Manchester United gewechselt. Empört Sie das?

Ich finde es fragwürdig, wenn ein junger Spieler frühzeitig aus seinem gewohnten Umfeld herausgerissen wird. So wie Leroy Sané, der für 50 Millionen Euro von Schalke zu Manchester City wechselte.

Wird für Spieler wie für manche Kunstwerke zu viel bezahlt?

Ja, es ist eine Perversion unserer Welt.

Früher war Fußball vielen zu proletarisch.

Das stimmt. Das müssen Sie sich mal vorstellen: Ich, die ich immer Fußballfan war, habe meinen Sohn zum Hockey geschickt! Allerdings hat er nach der WM in Amerika 1994, er war sechs, gesagt: Ich will nicht mehr zum Hockey, sondern zum Fußball.

Haben Sie auch mal gespielt?

Nein, ich habe nie aktiv eine Sportart betrieben.

Interessiert Sie Frauenfußball?

Das ist ein wunder Punkt. Ich habe ein ganz schlechtes Gewissen, weil ich mich damit nicht so gut auskenne. Dabei finde ich Frauenfußball extrem wichtig. Besonders weil ich meist mit Männern über Fußball rede, und da die unglaublichsten Vorurteile gegenüber weiblichen Spielern existieren.

Mit Ihrer 1983 eröffneten Galerie waren Sie Vorreiterin für Künstlerinnen – in einer Zeit, als die Szene fest in Männerhand war.

Ich bin es, sagen wir mal, geschickt angegangen. Die erste Ausstellung nur mit Frauen habe ich erst 1985 gemacht, nachdem meine Galerie bereits eine gewisse Akzeptanz hatte. Laut meinen männlichen Kollegen war ja die Benachteiligung der Künstlerinnen keine Frage des Geschlechts – die machten angeblich schlechte Kunst. Dass die Lobby der Männer im Kunstmarkt viel größer war, wurde nicht berücksichtigt. Es ist meiner Geschäftspartnerin Philomene Magers und mir daher sehr wichtig, Künstlerinnen zu unterstützen und ihnen eine weltweite Sichtbarkeit zu geben – wenn sie gut sind! Weibliche „role models“ sind nach wie vor sehr wichtig in unserer Gesellschaft.

Sehen Sie sich selbst auch als Vorbild?

Das weiß ich nicht. Ich weiß nur, dass sich etwas verändert hat in den vergangenen 30 Jahren: Künstlerinnen sind sichtbarer im Kunstmarkt und in den Museen. Doch wir müssen vorsichtig sein, denn nur Frau sein alleine macht noch keine bedeutende Künstlerin. Ein wichtiges Kunstwerk muss in Form und Inhalt höchste Ansprüche einlösen.

Sie sind jetzt in einem Alter, in dem andere in Rente gehen – stattdessen machen Sie mit Philomene Magers in L.A. eine riesige Galerie auf. Was treibt Sie?

Mich treibt gar nichts. Philomene und ich spüren eine Verantwortung für die Künstler, die wir vertreten. Und uns ist klar, dass eine weltweite Akzeptanz nicht möglich ist, wenn man eine Galerie nur in Deutschland hat. An Amerika führt kein Weg vorbei.

Und warum L.A.?

Zwei unserer wichtigsten Künstler – John Baldessari und Barbara Kruger – baten uns, ihre Heimatstadt in Erwägung zu ziehen. In Los Angeles gibt es die besten Kunsthochschulen des Landes. Die Stadt ist nicht so wettbewerbsorientiert und neurotisch wie New York, es geht nicht nur darum, wer der Größte und Stärkste ist. Das teuerste Kunstwerk gilt nicht immer gleich als das bedeutendste.

Gibt es Fußballer, die in Ihre Galerie kommen?

Einige. Viele gute Fußballer sind auch Menschen, die sich für mehr als nur den Ball interessieren. Zum Beispiel Lilian Thuram oder Michael Ballack, der eine hervorragende Sammlung hat. Auch Günter Netzer und seine Frau Elvira.

Fußballern wird, sobald sie vom Spielfeld kommen, ein Mikro unter die Nase gehalten, dann sollen sie erklären, was sie gerade gemacht haben...

… schrecklich, ich will es meist gar nicht hören.

Sollten Künstler ihr eigenes Werk interpretieren?

Nein, das ist nicht ihre Aufgabe. Es geht ja darum, was das Werk beim Betrachter auslöst. Die bedeutende Kunstkritikerin der „New York Times“, Roberta Smith, will mit den Künstlern gar nicht reden. Sie schaut sich die Ausstellung an, und siehe da: Bei ihr kommt immer was sehr Vernünftiges raus.

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