Die Geschenkkolumne : Das Trinkgeld sollte reine Kür sein

Legt man dem Wirt im englischen Pub was hin? Was ist mit dem Concierge im Pariser Hotel? Beim Trinkgeld handelt es sich um eine besonders knifflige Gabe.

Kein Tip für den Kellner? Aufzustehen, ohne was dazulassen, erfordert schon Mut.
Kein Tip für den Kellner? Aufzustehen, ohne was dazulassen, erfordert schon Mut.Foto: imago/Panthermedia

Neulich im ICE von Köln nach Berlin. Einen Cafe Crème geholt, macht 3,20 Euro. Ein bisschen mehr hingelegt. Der Kellner denkt, man habe sich verzählt. Doch, soll so sein. Er wirkt verblüfft, fast verdattert. „Das vergessen die meisten“, haucht er mehr, als dass er es sagt. Aus lauter Freude legt er einem gleich zwei Deckel für den Transport des Pappbechers hin, bückt sich und zieht eine kleine Packung Oreo-Kekse unter der Theke hervor. „Noch was Süßes für Sie.“

Das hat mich richtig gerührt: dass einer sich über ein paar Groschen (warum gibt’s für dieses Wort eigentlich kein Äquivalent in Cents?) so freut. Und dass er meint, mir auch was Gutes tun zu müssen. Als wäre seine Freude nicht Freude genug. Ist das nicht eigentlich das Wesen des Geschenks: bedingungslos zu sein? Auf beiden Seiten. Nichts zu fordern, nichts zu erwarten?

So weit die reine Lehre. Die Wirklichkeit sieht mal wieder komplizierter aus. Mit Präsenten kann man Menschen schön unter Druck setzen. Und beim Trinkgeld handelt es sich um eine besonders knifflige Gabe.

Insbesondere in den USA. Freunde von Freunden, Amerikaneulinge, kehrten vor Jahrzehnten in einem neu-englischen Restaurant ein und hinterließen Trinkgeld nach deutschem Maßstab. Als die Bedienung das sah, rannte sie den beiden auf den Parkplatz nach, als hätten sie die Zeche geprellt. Aus ihrer Sicht hatten sie das auch. In den Vereinigten Staaten bekommen Servicekräfte allenfalls einen lächerlichen Lohn, müssen leben vom „tip“. Früher waren das 15 Prozent der Rechnung, inzwischen gelten 20 als Pflicht. Also echt. Das hat mit Schenken nichts mehr zu tun.

Mir fehlt die Lässigkeit einer gräflichen Tante

Dabei heißt das englische Wort „tip“ eigentlich Spitze oder Kuppe. Mit anderen Worten: Das Trinkgeld sollte der Zuckerhut sein, die reine Kür. Was die Sache keineswegs einfacher macht. Ohne festen Satz muss man dann jedes Mal von Neuem überlegen, was wohl angemessen wäre. Im Verhältnis zum Preis, zum Aufwand, zur Freundlichkeit ... Oh, Gott. Dabei soll man beim Schenken nicht rechnen, das ist Gift für die Großzügigkeit. Wie oft hab ich mich schon vorher gewunden und hinterher geärgert, weil ich das Gefühl hatte, der netten Kellnerin zu wenig, der pampigen zu viel gegeben zu haben. Statt aufzustehen, ohne was dazulassen. Aber das erfordert schon richtig Mut.

Und dann, siehe oben, die interkulturellen Differenzen. Legt man dem Wirt im englischen Pub was hin, wo sich jeder sein Bier selbst an der Theke abholt? Was ist mit dem spanischen Taxifahrer? Oder dem Concierge im Pariser Hotel? Der wird bestimmt vergessen. Das hat mir mal jemand an der Rezeption erzählt, dass die Hotelgäste seit Beginn der Kartenzahlung dort nicht mehr aufrunden. Ich schreib mir manchmal einen Zettel, damit ich daran denke, dem garantiert mies bezahlten Zimmermädchen vor der Abreise was hinzulegen.

Dazu kommt das soziale Gefälle, das man mit dem Trinkgeld markiert. Ich bin der Herr und Du die Bedienung. Mir fehlt die Lässigkeit der gräflichen Tante einer Freundin, die wusste, wie man das macht. Von verarmtem Adel, konnte sie sich einen Schlafwagen nicht leisten. Also gab sie dem Schaffner bei Antritt der Reise von Wien nach Paris immer, ganz nonchalant, ein großzügiges Trinkgeld. Der sorgte dafür, dass sie das Liegewagenabteil ganz allein für sich bekam, allenfalls noch mit einem anderen weiblichen Passagier teilen musste. Nach der reinen Geschenkelehre allerdings grenzt das fast an Bestechung.