Die Geschenkkolumne : Ein Dackel in meinem Regal

Schenken heißt Erinnerungen schaffen. Manche Präsente sind so originell, dass sie den Gebenden für immer mit dem Empfänger verbinden.

Schenken stärkt Beziehungen. Dabei kommt es nicht auf den Geldwert der Gabe an, sondern auf die Geschichte dahinter.
Schenken stärkt Beziehungen. Dabei kommt es nicht auf den Geldwert der Gabe an, sondern auf die Geschichte dahinter.Foto: imago/PhotoAlto

Auf die Frage: Bist du ein Hunde- oder ein Katzen-Mensch?, gibt es für mich nur eine Antwort – weder noch. Ich bin ein Mensch-Mensch. Es gibt kein anderes Wesen, das mich so interessiert und fasziniert und immer wieder überrascht.

Nicht zuletzt mit Präsenten. Können Tiere eigentlich schenken? Ich würde sagen: Nee. Was zu essen vielleicht, aber das wird verputzt und dann schnell vergessen. Ich weiß, ich weiß, Anthropozentrismus ist nicht mehr angesagt. Aber wer außer einem Menschen kann so individuelle, originelle Präsente machen, schön verpackt, die den Gebenden für immer mit dem Empfänger verbinden?

So was wie meinen Dackel. Aus braunem Glas. Ein pflegeleichtes Tier, muss nicht Gassi gehen und ich nicht hinter ihm herwischen. Still und stubenrein steht er im Regal. Ich hab’ es sehr lieb, das lustige Kerlchen. Uschi hat ihn mir geschenkt, als ich vor 30 Jahren an die Spree zog. Als Berlin noch nicht deutsche Hauptstadt, aber deutsche Hundehauptstadt voller Tretminen war. Tütchen gab’s nicht und selbst wenn – es hätte sie niemand benutzt. Der Berliner von damals war Anarchist. Ein bisschen war Uschi das auch.

Ihr Willkommensgruß hat mich amüsiert und gerührt, wir kannten uns ja kaum, wurden erst später Freundinnen. Der Dackel steht in meinem Berlin-Regal, vor Sven Regeners „Herr Lehmann“. Das passt. Immer, wenn ich den Hund sehe, und das ist jeden Morgen, auf dem Weg zum Lüften, muss ich an meinen glücklichen Umzug und an Uschi denken, die 2010 starb.

Die ideale Geschenk-Kombination

Schenken heißt ja immer Erinnerungen schaffen, egal, ob es sich um ein Objekt oder etwas Immaterielles wie eine Reise handelt. Mit dieser Idee spielt die amerikanische Künstlerin Roni Horn in ihrem herrlichen Fotobuch „The Selected Gifts 1974–2015“. Darin präsentiert sie auf riesigen Seiten jeweils ein Geschenk, das sie bekommen hat: zwei kleine Hackbällchen in Tomatensauce, Virginia Woolfs „Orlando“, eine Kugel, ein rosa Stoffherzchen, ein Würfel, ein Tintenfisch auf einem Bett, noch eine Kugel, eine Armbanduhr, Familie-Feuerstein-Figuren ... Profane, was den Geldwert angeht, meist völlig nichtige Dinge, die ihre Bedeutung allein durch die Erinnerung bekommen, die Roni Horn mit ihnen verknüpft. Und die der Betrachter natürlich nicht kennt. Er muss sich seine eigenen Geschichten dazu erfinden.

Etliche der lustigen Gaben hätten auch von Uschi stammen können, die Kostümbildnerin war. Ich habe mir gerade noch mal ihren Wikipedia-Eintrag angeguckt, und ich schwöre, ich habe nicht gewusst, was da unter der Überschrift „Trivia“ zu finden ist: „Sie brachte ihren Auftraggebern und Freunden aufmerksame kleine Geschenke.“ Es hat mich gefreut, dass diese ihre Gabe von wem auch immer für wert gehalten wurde, der Öffentlichkeit mitzuteilen. Wobei ihre Großzügigkeit nicht trivial war. Noch im Krankenhaus, unvergessen, servierte sie ihren Besuchern Bellini, venezianische Pfirsichcocktails. Uschi hatte nicht nur Witz, sondern auch Stil. Die ideale Geschenk-Kombination.

Nicht, dass sie nur Volltreffer gelandet hätte. Einmal hat sie mir einen Affen geschickt, mit dem mich keine so innige Erinnerung wie mit dem Dackel verbindet, der aber viel mehr Platz in Anspruch nimmt. Was soll ich bloß machen? Wegschmeißen bring ich nicht übers Herz. Ist doch von Uschi. Es käme mir so vor, als würde ich sie selber wegwerfen. Und so sitzt der grinsende Affe in einem anderen Regal, weiter oben. Gut, dass ich eine große Wohnung habe.

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