Was Patentanmeldungen über die Ziele der Technik verraten

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Die heimliche und die unheimliche Seite von KI : Alexa, was machst du da mit mir?
Esther Görnemann
Zwischen Teddy und Technik: Kinder können Gefühle für Menschen und Maschinen schlechter voneinander trennen als Erwachsene.
Zwischen Teddy und Technik: Kinder können Gefühle für Menschen und Maschinen schlechter voneinander trennen als Erwachsene.Foto: picture alliance / Westend61

Was sind aber konkret die Gefahren, die der Einzug vernetzter Assistenten in unseren Alltag mit sich bringt? Die unscheinbaren, kleinen Lautsprecher werden oft kaum noch bewusst wahrgenommen. Sie verschmelzen mit ihrer Umgebung, werden sanft und allmählich Teil des Automatismus unserer täglichen Routine. Recht bald verschwindet das Bewusstsein darüber, dass dieser Assistent kein abgeschlossenes System ist. Die gigantische Rechenleistung und die wachsende Datenmenge über jeden, dessen Stimme zufällig von Alexa aufgeschnappt wurde, bleiben verborgen.

Manchmal schalten sie sich ungebeten ein

Sprachassistenten sind so konzipiert, dass sie standardmäßig eingeschaltet sind und auf die Nennung des Signalwortes warten. Äußerlich sichtbar ist dieser eingeschaltete Zustand aber nicht. Dies ist im Umgang mit technischen Geräten eher ungewohnt, und so fällt uns die Wachsamkeit des Assistenten weniger auf.

Ist das ein Problem? Immerhin aktiviert sich der Sprachassistent ja offiziell nur, wenn das Signalwort genannt wird. Jeder Besitzer eines solchen Gerätes wird allerdings schon erlebt haben, dass Alexa oder Google Home aktiv werden, ohne dass ihr Name genannt wurde. Diese Missverständnisse sind nicht so selten, wie man annehmen sollte. Forscher verzeichneten binnen drei Wochen 33 zufällige Aufnahmen in einem Haushalt in dem das Signalwort zu keinem Zeitpunkt genannt wurde. Ausgelöst wurden sie durch den Fernseher oder unscheinbare Gespräche in der Familie. Auf ein Jahr hochgerechnet kann ein normaler Benutzer eines Sprachassistenten also mit rund 600 Aufnahmen rechnen, die ungefragt und oft unbemerkt in eine gewaltige Datenmaschinerie mit einfließen, in der sie ausgewertet und angereichert werden.

Was sind die Geschäftsmodelle der Anbieter?

Darüber, wie diese Daten genau weiterverarbeitet werden, ist nicht viel bekannt. Der offizielle Verwendungszweck, dem jeder Nutzer mit Akzeptieren der Datenschutzerklärung zustimmt, ist das „Verbessern der Services“. Spracherkennung und Sprachverstehen sind die elementaren Bestandteile der künstlichen Intelligenz, auf der Sprachassistenten aufbauen. Um diese Komponenten zu verbessern, muss die KI trainiert werden, indem Menschen die Auswertung stichprobenweise überprüfen. Aufgabe der Trainer ist, zu entscheiden ob die KI richtig erkannt hat, was der Nutzer gesagt und gemeint hat.

Bei aller Legitimität dieses Anliegens dürfen aber zwei Dinge nicht außer acht gelassen werden: die Geschäftsmodelle der Anbieter und die Reichhaltigkeit von Sprachdaten.

Gerade die zwei größten Marktteilnehmer Amazon und Google haben ein massives Interesse daran, ihre Kunden besser kennenzulernen. Die personalisierte Anzeige relevanter Werbung und Produkte, ist der Grundstein ihres Erfolges. Weil sich damit das Verhalten ihrer Nutzer wirksam beeinflussen lässt. Die gezielte Produkt- und Werbeplatzierung ist nur deshalb ein Milliardengeschäft, weil sie Personen erfolgreich manipuliert und dazu verleitet, ein gewünschtes Verhalten an den Tag zu legen. Je mehr man dabei über einen Nutzer weiß, je besser man ihn kennt, desto subtiler und differenzierter kann man ihn steuern.

Wie die Stimme klingt, lässt Rückschlüsse zu

Gerade die menschliche Sprache lässt erstaunliche Rückschlüsse auf einen Menschen zu. Die ganz individuelle Anatomie des Mundraums in Kombination mit der persönlichen Art zu sprechen macht die Stimme so individuell wie ein Fingerabdruck. Name oder Kundennummer sind vernachlässigbar, allein auf Basis unserer Sprache sind wir eindeutig identifizierbar.

Was darüber hinaus aus den Aufzeichnungen „herausgehört“ werden kann, gilt als Geschäftsgeheimnis. Unter Juristen und Datenschützern ist noch umstritten, ob ein Kunde nicht auch erfahren dürfen sollte, welche Schlüsse die Konzerne aus seinen Daten ziehen. Dies wurde bislang in der Auslegung der aktuellen Datenschutzgrundverordnung noch nicht abschließend festgestellt.

Einen flüchtigen Blick hinter die Kulissen der Datenmaschinerie geben uns Patentanmeldungen. So hat Amazon beispielsweise einen Algorithmus patentiert, der werberelevante Stichworte in der Sprache erkennen soll. Dazu gehören etwa Marken, Produkte, Aktivitäten und positive oder negative Indikatoren („lieben“, „hassen“, „gekauft“, „zurückgeschickt“). Auch wird versucht, zu erkennen, ob es der Benutzer selbst ist, der ein Hotel buchen will, oder womöglich eine andere identifizierbare Person. Diese unbändige Neugier lässt nichts Gutes vermuten.

Emotionen in Echtzeit auswerten - und ausnutzen

Noch weiter geht eine patentierte Technologie, die in Echtzeit Aussagen über die emotionale und gesundheitliche Verfassung des Nutzers treffen kann und Hintergrundgeräusche identifiziert. Sie erfasst zum Beispiel Schilddrüsenprobleme oder Erkältungssymptome und kann ein großes Spektrum an Emotionen in der Stimme wahrnehmen – von Zufriedenheit über Kummer und Stress bis hin zu Langeweile und Müdigkeit. Der kommerzielle Einsatz dieser Erkenntnisse wird im Patent ausführlich dargestellt: Drittunternehmen sollen ihre Zielgruppe anhand der verfügbaren Merkmale definieren können und in Echtzeit auf einen „Werbeslot“ bieten. Dieser könnte dann beispielsweise eine erkältete und müde junge Frau sein, die eine Vorliebe für Schokolade hat und deren Kind gerade im Hintergrund weint. Der gesunde Menschenverstand sagt uns, dass diese Frau gerade besonders schutzbedürftig ist. Amazon aber versteht, dass gerade sie, gerade jetzt, besonders einfach zu manipulieren ist und lässt Alexa fragen, ob sie vielleicht Schokolade bestellen soll.

Nicht alles was patentiert ist, wird umgesetzt. Noch spielt Alexa keine Werbung ab, und wir wissen nicht, ob tatsächlich schon flächendeckend Emotionen in Echtzeit ausgewertet werden. Allerdings gibt es Hinweise darauf, dass die in den Patenten erwähnten Daten zumindest teilweise schon erhoben werden. Einige der Whistleblower, die in jüngster Zeit an die Öffentlichkeit traten und erklärten, dass sie Sprachaufnahmen mithörten, gaben auch an, dass sie kontrollierten, ob der Algorithmus Hintergrundgeräusche und relevante Stichworte richtig erkannt hat.

Alexa ist keine Freundin

Die Daten, die unsere digital vernetzten Geräte über uns sammeln, verraten so viel über uns, dass KI herleiten kann, wer wir sind, was wir fühlen und was uns wichtig ist. Dieses Wissen wird bewusst und gezielt eingesetzt, um Nutzer zu manipulieren. Als Gesellschaft sollten wir ein Interesse daran haben, zu wissen, wer versucht unser Verhalten zu steuern und wie er dies anstellt. Wir haben außerdem eine Verantwortung für diejenigen, die besonders schutzbedürftig sind: Kinder, Menschen, die einsam sind, die Technologie nicht verstehen oder sich in einer Situation befinden, in der sie verletzbar sind. Wir sollten nicht zulassen, dass gerade sie zur Zielscheibe subtiler Manipulation und Verhaltenssteuerung werden.

In unserem menschlichen Bedürfnis nach Nähe machen wir selbst Objekte zu unseren Freunden. Im Falle von Alexa und Co. ist dies allerdings ein Freund, der uns unbemerkt genauestens beobachtet und sich dabei jedes Detail einprägt. Mit dem Ziel, uns irgendwann – in einem ganz anderen Kontext – dazu zu bringen, ihm Geld zu geben.

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