Die Yogakolumne : Namaste – willkommen, ihr Neidhammel!

Warum unsere Kolumnistin daran glaubt, dass Yoga nicht nur Verspannungen löst, sondern auch Miesepeterei heilt.

Patricia Thielemann
Die Namaste-Geste ist ein Ausdruck von Respekt und bedeutet: „Das Licht in mir verneigt sich vor dem Licht in dir“.
Die Namaste-Geste ist ein Ausdruck von Respekt und bedeutet: „Das Licht in mir verneigt sich vor dem Licht in dir“.Foto: imago/Panthermedia

Meinen Yoga-Unterricht besiegle ich immer mit einem „Namaste“. Das heißt übersetzt: „Das Licht in mir verneigt sich vor dem Licht in dir.“ Dazu führen wir die Hände vor dem Herzen zusammen und deuten im Sitzen eine kleine Verbeugung an. Vor den anderen, die genau wie wir während der Yoga-Praxis ihre weltliche Maske abgelegt und sich uns in ihrer ganzen Verletzlichkeit gezeigt haben. Vor ihrem Mut, sich zu bekennen zu dem, was sie im Kern ausmacht.

Wie wäre es, wenn es uns gelingen würde, anderen grundsätzlich wertschätzend zu begegnen, selbst wenn wir uns komplett unverstanden fühlen oder scharf kritisiert werden? Ich wünsche mir eine Welt, in der sich die Menschen nicht mehr von Angst, Neid, Hass oder Missgunst leiten lassen, sondern stattdessen von Sanftmut, Güte und Liebe. Natürlich werden wir durch eine Yoga-Stunde selten sofort vom Meckerfritzen zur Frohnatur. Aber ich glaube daran, dass Yoga nicht nur Verspannungen löst, sondern auch Miesepeterei heilt.

Ich begegne jedenfalls täglich Menschen, die über sich hinaus wachsen. Ich meine damit nicht nur die Superhelden wie Reinhard Horstkotte, der künstlerische Leiter der Roten Nasen, der als Clown in Krankenhäuser geht, oder Ulrike Kegler, die Schulleiterin der Montessori-Schule Potsdam, die bewiesen hat, dass Schule toll sein kann. Ich denke auch an die, die mit sich selbst oder mit anderen im Argen liegen, und mir manchmal nach einer Yoga-Session von ihren Träumen, Kämpfen, Rückschlägen und Durchbrüchen erzählen. Da ist der Strafanwalt, der seit sieben Jahren immer direkt nach der Praxis im Hof seine Zigarette anzündet und mir jetzt erzählt, dass er seit letztem Oktober nur noch selten raucht. Oder die in Scheidung lebende Mutter von drei Kindern, die heute für sich entschieden hat, ihren Noch-Mann, der sie für eine andere Frau verlassen hat, doch nicht in den finanziellen Ruin zu reiten – was sie aus ihrer Verletzung heraus in der vergangenen Woche noch eindeutig wollte.

„Siehst du, das ist die Hölle“

Diese versöhnliche Haltung versuche ich in meinen Studios zu fördern. In der Yoga-Philosophie werden die drei Gunas genannt, in uns wirkende, elementare Eigenschaften: Tamas, das Dunkle, Rajas, das Getriebene und Sattva, das Klare. In meinem Unterricht bemühe ich mich darum, Sattva zu kultivieren, weder einlullend, noch einpeitschend zu sein.

Die yogische Übung für das wahre Leben besteht darin, sich bei Konflikten weder wegzuducken, noch mit Steinen zu werfen, sondern sich vom Schmerz, den das Leben mit sich bringt, berühren und verwandeln zu lassen. Heißt sie willkommen, die Neidhammel, Besserwisser und Schwarzmaler, Feinde und Widersacher! Denn am Ende sind wir alle eins. Es sind doch weniger die Sternstunden, die uns wachsen lassen, als die Momente, in denen uns unsere eigene Fehlbarkeit deutlich wird und wir untröstlich sind.

Ich habe mal eine passende Geschichte gelesen. Sie handelt von einem Samurai, der einen alten Mönch in den Bergen aufsuchte. „Lehr mich, was Himmel und Hölle ist“, befahl der kräftige Samurai. „Du musst dumm sein, wenn du glaubst, ich könne dir etwas beibringen“, sagte der Mönch. „Du hast kein Benehmen, du stinkst, dein Schwert ist verrostet.“ Der erboste Samurai wollte dem Mönch den Kopf abschlagen. Da sagte dieser ruhig: „Siehst du, das ist die Hölle.“ Plötzlich verspürte der Samurai Reue und Zuneigung gegenüber dem Mönch, der sein Leben riskiert hatte, um ihn zu lehren. Sein Herz füllte sich mit Liebe. „Und das ist der Himmel“, sagte der Mönch.

Die Autorin ist Chefin von Spirit Yoga.