"Der schlimmste Brief war von einem jungen Mädchen"

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Dunja Hayali und Anja Reschke im Interview : Die Wutprobe
Shitstorm statt Candystorm. Dunja Hayali (l.) und Anja Reschke haben die Öffentlichkeit aufgerüttelt und mussten dafür viel Häme einstecken.
Shitstorm statt Candystorm. Dunja Hayali (l.) und Anja Reschke haben die Öffentlichkeit aufgerüttelt und mussten dafür viel Häme...Foto: Doris Spiekermann-Klaas

Sie sind nicht nur Übermittlerin von Nachrichten, sondern kommentieren auch.

Hayali: Ich antworte, wenn mich jemand etwas fragt. Und so lange ich als Journalistin kennzeichne, was es ist, also Bericht, Kommentar oder Leitartikel, wo ist das Problem? Und Facebook ist nun mal meine Kommentarseite. Ich äußere mich dort allerdings nie Parteipolitisch. Man kann meine Ansichten teilen oder nicht, aber wer mich kritisiert, sollte sie überhaupt erst einmal lesen. Wie oft mir vorgeworfen wurde, ich wäre für offene Grenzen und bezeichne jeden, der Flüchtlinge kritisiert, als Nazi. Beides habe ich nie getan. Ich weiß doch jetzt schon, was nach diesem Interview auf uns zukommen wird. Von Leuten, die allein unser Foto sehen und gar nicht den Artikel lesen werden, dann aber ihre vorgefertigte Meinung in den Kommentaren platzieren. Das macht mich langsam wahnsinnig, wenn Leute nur Sachen rauspicken, die in ihr Weltbild passen.

Reschke: Ich habe mich auch gefragt, ob ich das Interview mache. Weil ich mir grundsätzlich überlege, ob es richtig ist, dass wir uns dauernd mit diesem Hass beschäftigen.

Hayali: Ich wollte mich zu dem Thema auch nicht mehr äußern, wir sollten den kritisch Aufrechten mehr Aufmerksamkeit schenken. Es gibt so viele Leute, Ehrenamtlicher, Sanitäter, Polizist, die genauso oder schlimmer angegangen werden. Die fühlen sich durch uns unterstützt. Wir, das schreiben mir jedenfalls viele, geben Ihnen Mut und Motivation weiter zu machen. Gegen Rassismus und für Menschlichkeit. Das heißt ja nicht, dass wir keinen differenzierten Blick auf die Flüchtlingspolitik haben. Wir sind weder Willkommenskaltscher noch Gut- oder Schlechtmensch, wir haben einen moralischen Ansatz, und das schätzen viele Menschen.

Renate Künast hat gemeinsam mit dem „Spiegel“ Menschen besucht, die sie bei Facebook beleidigt und bedroht hatten. Wäre das eine Option für Sie?

Hayali: Wir haben das zwei Mal im „Morgenmagazin“ gemacht. Ich hätte das gern weitergeführt, aber nur auf Kritik an der Sendung bezogen, nicht mit meiner Person verbunden.

Reschke: Ich möchte den diffamierenden Hatern weder antworten noch sie besuchen. Wenn jemand unser Programm kritisiert, kriegt er eine Antwort. Leuten, die mich persönlich beleidigen, möchte ich nicht zu einem guten Gefühl verhelfen, indem ich mich mit ihnen beschäftige.

Hayali: Es geht mir aber darum, unseren Zuschauern unseren Job zu erklären. Wie suchen wir Themen und Gäste aus, wie arbeitet eine Redaktion, wie gehen wir mit Fehlern um, etc. Aber ich bin nicht da, um unseren Zuschauern ihr eigenes Weltbild zu bestätigen. Ich bin nicht da, um die Politik der Bundesregierung oder der Opposition zu verteidigen. Ich bin nicht für Fehlentwicklungen, Versagen oder Versäumnisse verantwortlich. Unsere Verantwortung als Journalisten liegt darin, das alles aufzudecken. Wer unsere Arbeit kritisch und neugierig begleitet und dabei sachlich bleibt, dem antworte ich gern. Nur leider werden viele persönlich und beleidigend. Wissen Sie, bei uns zu Hause wurde auch gestritten, aber egal wie laut es wurde, manchmal ging es auch unter die Gürtellinie, wir sind am Tisch sitzen geblieben.

Worüber haben Sie gestritten?

Hayali: Über Schule, den ersten Freund, übers Autofahren, übers nach Hause kommen, wie jede andere Familie in Deutschland auch. Durch Streit entwickeln sich neue Gedanken. Ich bin froh, wenn ich erkenne: Hey, da bin ich wirklich mit einem Brett vorm Kopf in die Diskussion reingegangen, schön, dass du mir das runtergerissen hast. Offenheit und der Perspektivwechsel sind notwendig, will man sich wirklich auf eine Diskussion einlassen. Und wenn ich mit Freunden debattiere, da fliegen auch mal die Fetzen.

Über das Thema Flüchtlingskrise zerstreiten sich ganze Familien.

Hayali: Das schreiben mir zumindest immer wieder Zuschauer. Der schlimmste Brief, den ich bekommen habe, war von einem jungen Mädchen, das in einer Beziehung mit einem Mann war, der auf Pegida-Demonstrationen rannte und dort seine Fremdenfeindlichkeit ausgelebt hat, während sie gleichzeitig in Flüchtlingsheimen half. Sobald dieses Thema zu Hause aufkam, haben die sich nur gestritten. Was soll man da sagen? Für mich wäre es undenkbar, mit so jemandem zusammen zu sein. Nur konnte ich ihr nicht sagen, was sie tun sollte.

Wie hat sich das Mädchen entschieden?

Hayali: Sie hat sich getrennt.

Die wenigsten schreiben Ihnen unter Klarnamen. Verroht unsere Sprache durch die Anonymisierung im Netz?

Hayali: Jedenfalls glauben die Menschen, sie könnten einfach alles sagen, was ihnen in den Kopf kommt. Ich war nie ein Freund von Political Correctness, aber gewisse Dinge sind einfach nicht sagbar.

Die Fronten verhärteten sich, als im Sommer 2015 die Kanzlerin versprach: „Wir schaffen das!“ Sie haben diese Meinung geteilt und wurden zu Hassfiguren des rechten Lagers. Gab es schon davor solche gehässigen Kommentare?

Hayali: Nein, das haben wir nicht. Wir haben unter anderem gesagt, dass wir Menschen in Not helfen müssen. Und ja, es gab auch vorher Angriffe, aber in anderer Quantität und Qualität. Mit mir verbinden ja die Leute andere Sachen als mit dir, na ja, blonde deutsche Frau.

Reschke: Biodeutsche, aber mit blond gefärbten Strähnen!

Hayali: Ich bin eine Frau, mit Migrationsvordergrund, öffentlich-rechtlich, sexuell flexibel. Huch, keine Muslimin, sonst hätten sie noch einen Angriffspunkt mehr.

Reschke: Du bist ein schwieriger Fall, meinst du.

Hayali: Jetzt, wo du es sagst.

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