Es musste Sex mit Wow-Effekt sein

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Ein Stasi-Romeo der DDR erzählt : Sein Deckname war Wolfi
Darf ich mich vorstellen? Tom Schilling als Romeo-Agent im ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“, Mo., Mi., Do. jeweils um 20.15 Uhr.
Darf ich mich vorstellen? Tom Schilling als Romeo-Agent im ZDF-Dreiteiler „Der gleiche Himmel“, Mo., Mi., Do. jeweils um 20.15...Foto: ZDF

Ihm sei nie recht klar geworden, worauf das alles hinauslaufen sollte. „Die interessierten sich für intimste Details“, bis hin zur Frage, ob es zum Orgasmus kam. Erkennbar Brisantes sei aber nie dabei gewesen. Meistens handelte es sich um Studentinnen, er selbst sollte ja den Studenten geben. Und er vermutet, dass seine Führungsoffiziere hofften, daraus könne sich etwas Langfristiges ergeben, mit einer Frau, die in der Bundesrepublik eine interessante Karriere machen würde. Anhängerinnen der DKP, der westdeutschen Kommunisten, sollte er ausdrücklich meiden.

Tatsächlich plante die Stasi ihre Operationen manchmal über Jahre hinweg und mit großem Aufwand, nahm in Kauf, dass ein einziger Erfolg auf Dutzende Fehlschläge kam. Wolfi wurde großzügig ausgerüstet, in einer Brieftasche mit Geheimfach gab man ihm umgerechnet 1400 Mark als Schwarzgeld mit auf den Weg. Und in vier Jahren gewann er zehn oder zwölf Frauen für sich. Wie er das machte? Durch Einfühlungsvermögen. Man müsse zuhören können. Natürlich war Sex auch wichtig, Sex mit Wow-Effekt, ein Erlebnis, an das sie sich erinnern würde. An wechselnden Orten, im Wasser, am Strand, in einer Nische in der Tanzbar. Einmal kassierte er eine Ohrfeige. Einmal wurde er in eine Schlägerei verwickelt, mit jungen Bulgaren, die zwar keine Agenten waren, aber auch scharf auf Westfrauen. Rudi, sein Führungsoffizier, war über Wolfis blaues Auge entsetzt.

Es galt, bloß kein Aufsehen zu erregen, und Disziplin war oberstes Gebot. Seine Offiziere entschieden auch, wann er eine Beziehung zu beenden hatte. Susi traf er noch einmal in Ost-Berlin, für vier Stunden. Er wüsste gern, was aus ihr geworden ist. Ob er wirklich glaubt, sie würde ihm verzeihen, wenn sie erführe, weshalb er sie damals so umschwärmte? Warum denn nicht, sagt Wolfi.

Erst viel später erfuhr er, dass zwei IMs auf ihn angesetzt waren

Das Ende seiner Arbeit als Romeo-Agent war unspektakulär. Er bekam keine Aufträge mehr. „Vielleicht haben die ja gemerkt, dass mein Engagement nachließ, ebenso wie meine Loyalität.“ Es sei ein Pakt mit dem Teufel gewesen, den er eingegangen ist. Das will er damals schon gespürt haben. Zumal seit seiner Begegnung mit Stefan Heym. Den Autor des „König David Bericht“ traf er Mitte der 70er Jahre. Die Geschichte eines Machtmissbrauchs beeindruckte ihn nachhaltig. Vielleicht hätte die Stasi ihn schließlich für einen unsicheren Kantonisten gehalten. Erst sehr viel später erfuhr er, dass zwei IMs auf ihn angesetzt waren.

Natürlich, er habe den Frauen etwas vorgespielt. Aber gehöre das denn nicht zu jeder Verführung, verteidigt er sich. Er habe sich nichts vorzuwerfen, denn es sei ja niemand wirklich zu Schaden gekommen. Vielleicht hat er aber auch einfach nur Glück gehabt. Wer weiß, was passiert wäre, wenn Susi ihn erhört hätte und Referentin in irgendeinem Ministerium geworden wäre.

Und vielleicht bezahlt er auch seinen Preis. Wolfi hat nie geheiratet, keine Familie gegründet. Heute bedauert er das manchmal, fragt sich dann, ob es ohne diese vier Jahre anders gekommen wäre.