Eine Reise zu den Webern der Äußeren Hebriden : Harris retweedet

Einst war der Stoff das Lieblingsfreizeitkleid des britischen Adels. Jetzt ist Tweed wieder modern. Doch die Weber plagen Nachwuchssorgen

Seit einigen Jahren erlebt der Stoff ein Revival.
Seit einigen Jahren erlebt der Stoff ein Revival.Foto: Promo

Kenny Neil Maclennan blickt sich um in dem ungeheizten Raum des alten Steinhauses. In der Luft hängen die leicht strengen Düfte von Schafwolle, an den Wänden Reste einer Blümchentapete und Werkzeuge. Ein ungeöffnetes Fläschchen Scotch steht auf einem Holzbrett, das als Regal dient. Quer im Raum thront ein mächtiger Webstuhl. Zwei Meter breit. Grünes Metall. Modell Griffith Rapier. Die Maschine erinnert an eine Kombination aus Mähdrescher und Fitnessfahrrad. Kosten tut sie so viel wie ein Kleinwagen: rund 25 000 Euro.

Maclennan ist Weber. Wie seine Mutter und wer weiß wie viele seiner Vorfahren, und so könnte der 64-Jährige nun das Hohelied des treuen Handwerkes anstimmen. Macht er aber nicht. Dafür ist er dann wohl einfach zu bodenständig oder schlicht zu ehrlich. „Naja, das kann auch schon ganz schön einsam hier sein“, sagt er und blickt durchs Fenster hinunter auf den schiefergrauen Atlantik. Im Osten liegt irgendwo das schottische Festland, im Westen nur der Ozean. Dann setzt er sich an den Webstuhl und tritt los.

Maclennan produziert Harris Tweed. Jenen groben Wollstoff, für den die knapp 130 Kilometer lange Doppelinsel Lewis and Harris im äußersten Nordwesten von Schottland weltberühmt ist. Wieder weltberühmt, muss man sagen. Nachdem die Produktion von knapp sieben Millionen Metern im Jahr 1966 auf gerade mal 454 000 im Jahr 2008 abgestürzt war und viele der rund 18 500 Inselbewohner nur noch auf das Ende der Fertigung warteten, erlebt der Stoff seit einigen Jahren ein Revival. Designer wie Nigel Cabourn und Vivienne Westwood verarbeiten das oft in Erdtönen gehaltene Tuch in ihren Kollektionen. Der Herrenausstatter Herr von Eden fertigt daraus Anzüge, The North Face hatte im vergangenen Winter Parkas mit dem Wollstoff im Programm. Das „Zeit Magazin“ forderte: „Mehr Tweed wagen.“

Vielleicht hat der Bestsellerautor Dan Brown einen gewissen Anteil daran. Der schickt seinen Helden Robert Langdon stets im maßgeschneiderten Harris-Tweed-Jackett auf Schnitzeljagd.

Vielleicht befeuern Serien wie „Babylon Berlin“ oder „Peaky Blinders“ mit ihren in klassischen Zwirn gehüllten Gangstern die Nachfrage. Vielleicht ist es auch das gestiegene Interesse an fair hergestellter Mode. Als einziger Stoff der Welt, der durch ein vom Parlament verabschiedetes Gesetz geschützt wird, darf Harris Tweed ausschließlich auf den Hebrideninseln gesponnen und in dortigen Privathaushalten gewoben werden. Ansonsten spricht auch noch für den Stoff, der einst das Lieblingsfreizeitkleid des britischen Landadels war, dass er natürlich atmungsaktiv und fast unverwüstlich ist. Ein handgefertigtes Statussymbol. Quasi eine Rolex, die warmhält. Was immer den Ausschlag gab: 2018 fertigten die derzeit 229 Weber wieder 1 276 000 Meter.

Tom Hanks als Robert Langdon in dem Film "Angels & Demons".
Tom Hanks als Robert Langdon in dem Film "Angels & Demons".Foto: imago stock&people

Seine Kinder haben keine Lust die Tradition fortzusetzen

Während Maclennan in die Pedale tritt und Bahn für Bahn und Zentimeter für Zentimeter die Produktion von 2019 vorantreibt, will sich bei ihm trotzdem nicht so richtiger Optimismus einstellen. Ritsch, Ratsch, Ritsch, Ratsch. Trendwende? Viele Weber sind um die 60 Jahre alt, sagt er, und seine Kinder verspürten keine große Lust, die Tradition fortzusetzen. Der Sohn arbeitet auf einer Ölplattform, die Tochter im Krankenhaus von Stornoway, der größten Stadt der Insel, eine halbe Stunde weiter östlich. „Junge Leute wollen heute schnell reich werden“, klagt der Weber. „Das klappt so natürlich nicht.“ Die Textilfabrik, die ihm das Garn liefert, zahle ihm umgerechnet knapp vier Euro pro Meter. Wenn er gut ist, schafft er vier bis fünf in der Stunde. Die Textilfabrik verkauft den Meter nachher ab etwa 50 Euro. Sein erstes Tweed-Jackett habe er sich erst mit 60 leisten können, erzählt Maclennan, der Flanellhemd und Cargohose trägt. Weil er einen Gutschein bekommen hat.

Ausweichen muss man auf der einspurigen Straße weniger dem Gegenverkehr als den Schafen.
Ausweichen muss man auf der einspurigen Straße weniger dem Gegenverkehr als den Schafen.Foto: Moritz Honert

Trotzdem werde er weiterstrampeln, bis er von der Maschine falle, sagt er und sieht nicht unglücklich dabei aus. Denn mag die Arbeit auch nicht gut bezahlt sein, sie erfüllt ihn mit Stolz. Wenn aus den 1392 Fäden, von denen er jeden einzeln binnen stundenlanger Arbeit in seinen dick mit Öl und Fasern beklebten Webstuhl knoten muss, durch das hypnotische Ritsch, Ratsch ein Stoff entsteht, das habe etwas von Zauber, sagt er. Ein Zauber, der seine Insel in einem Stück Stoff binde.

Die Verbindung zwischen Land und Stoff ist nicht nur symbolisch

Wie er das meint, zeigt sich, wenn man von seiner Hütte in Breasclete in Richtung Osten fährt. Nach wenigen Minuten erreicht man die Monolithen von Callanish. Ein schmaler Wanderweg führt vom Museum mit angeschlossenem Café hinauf zu den kreuzförmig angeordneten Felsblöcken, die hier vor 7000 Jahren errichtet worden sind. Von dem Platz, der als Grab- und Zeremonienstelle gedient hat, schweift der Blick, den kein Baum behindert, weit über das schroffe Land. Die Parallelen zu den Farben der Stoffe in Maclennans Hütte sind deutlich. Gelbgrün wogt das Gras im kalten Wind, braun glucksen die Torfmoore, bleiern schimmern die Seen. Dazwischen immer wieder weiße und gelbe Flecken, Schafe und Ginster. Auf den ersten Blick karg und rau, aber auf den zweiten farbenfroh und lebendig. Das Land wie der Stoff. Und tatsächlich ist die Verbindung der beiden nicht nur symbolischer Natur.

Das lernt man, wenn man den Norden verlässt und nach Drinishader auf den südlichen Teil fährt. Je näher die Ortschaft kommt, desto hügeliger wird es. Hinter Tarbert, dem Nadelöhr, wo Lewis an Harris stößt und Reisende sich in der Kantine der örtlichen Destillerie mit Suppe, selbstgebackenem Brot und Scones stärken können, beginnen die Berge. Das Land wird grüner, die Straße schmaler. Bald ist sie nur noch einspurig. Alle 100 Meter gibt es eine Ausweichbucht. Doch Ausweichen muss der Autofahrer weniger dem spärlichen Gegenverkehr als den Schafen, die deren Besitzer mit bunter Sprühfarbe markiert haben. Blökend blockieren sie immer wieder den Weg.

1392 Fäden müssen vor dem Weben in stundenlanger Arbeit einzeln verknotet werden.
1392 Fäden müssen vor dem Weben in stundenlanger Arbeit einzeln verknotet werden.Foto: Sandie Maciver (Promo)

Schließlich erreicht man ein weißes Haus mit grauen Schindeln. Das Harris-Tweed-Museum. In der kleinen Ausstellung finden sich alte Spinnräder, antike Webstühle und 90 Jahre alte Mäntel, die man sofort tragen könnte, so zeitlos und gut in Schuss sind sie noch. In ausliegenden Büchern steht zu lesen, dass bis Mitte des 19. Jahrhunderts zum Färben tatsächlich die Natur benutzt wurde: Flechten, Wurzeln oder Torfasche kamen zum Einsatz. Fixiert wurde das Ganze dann – das steht da nicht, das erzählen einem aber die Weber – mit abgestandenem Urin … Spätestens seit der Zulassung von maschinell gezwirntem Garn im Jahre 1934 jedoch werden künstliche Farbstoffe genutzt. Ist vielleicht auch besser. Die Insel wäre wohl sonst längst kahlgeerntet.

Tweed, zu deutsch Twill, bezeichnet erstmal nur eine bestimmte Webart, die auch für Denim Verwendung findet und heute in vielen Ländern hergestellt wird. Um am Ende mit dem berühmten „Harris Tweed Orb“, dem seit 1911 verwendeten Reichsapfellogo, gestempelt zu werden, erklären Videos und Stoffproben in der Ausstellung, muss ein streng festgelegter Produktionsablauf eingehalten werden. Zunächst muss die Wolle, die heute zu großen Teilen vom schottischen Festland importiert wird, da auf der Insel gar nicht genug Schafe leben, gewaschen, anschließend gefärbt und dann nach individuellen Rezepturen vermischt werden. Das kann man sich in etwa vorstellen wie das Verblenden von Whisky. Anschließend kämmen ausflugsschiffgroße Maschinen die Wolle zu einer Art Zuckerwatte, die dann gesponnen wird. Das Endresultat ist ein maximal sechsfarbiges Garn, das auf Rollen gewunden zusammen mit einer Webanleitung in Hütten wie der von Kenny Maclennan landet. Ist er fertig, wird der Stoff gewaschen, kontrolliert und in alle Welt verschickt. Genäht wird auf der Insel nämlich nicht.

Fischgrät in Babyrosa? Kein Problem

Neben Großbritannien waren die USA lange einer der größten Märkte, aber auch in Deutschland und Japan ist der Stoff beliebt. Wobei die Asiaten deutlich weniger konservativ sind, was die Designs angeht, die inzwischen in die 1000 gehen. Fischgrät-Tweed in Babyrosa oder mit kreischgrünem Overcheck? Kein Problem. Gibt es heute auch.

Die neuen Farben haben den Blick dafür geweitet, dass man aus Harris Tweed auch was anderes machen kann als Jacketts für gesetzte Herren, sagt Rebecca Hutton, kurze blonde Haare, Hard-Rock-CaféVienna-T-Shirt, Registrationsnummer HA 119. Mit 37 Jahren ist sie eine der wenigen jungen Weberinnen.

Rebecca Hutton benutzt einen alten Hattersley-Webstuhl. "Ich bin altmodisch", sagt sie.
Rebecca Hutton benutzt einen alten Hattersley-Webstuhl. "Ich bin altmodisch", sagt sie.Foto: Moritz Honert

Um zu ihr zu gelangen, fährt man von Drinishader nochmal eine halbe Stunde an die Südspitze von Harris. Linkerhand rollen die grünen Hügel, rechterhand die Wellen an die weißen Strände. Der Ort Northton entpuppt sich als Ansammlung von rund vier Dutzend Häusern. Hinter dem ersten auf der linken Seite hat Hutton einen Schuppen aus Holz gebaut.

Schottisches Design für Hongkong

Sie ist eine von etwa 20 selbstständigen Webern auf der Insel. Das heißt, sie arbeitet nicht im Auftrag einer der derzeit drei Textilfabriken, sondern kauft dort nur das Garn und entwirft daraus ihre eigenen Designs. Die fertigen Stoffe verkauft sie über das Internet. Gerade hat jemand aus Hongkong angerufen, der das Interieur seines Cafés mit Tweed ausstatten will.

Manchmal experimentieren und spinnen sie herum, erzählt sie. Eine Freundin hat kürzlich mit Kool-Aid, einem knallbunten Limopulver, gefärbt. Aber wenn der Stoff eine Zukunft hat, dann liegt die wohl doch eher in der Tradition.

Halb so breit, doppelt so laut: Klackerdicklackerdiklack

Einer Tradition, die zu bewahren Hutton sich zur Aufgabe gemacht hat. Also geht sie in Schulen, betreut Workshops. Statt auf einem modernen Webstuhl arbeitet sie mit einer antiken Hattersley Mark II. Der Hersteller ist seit Jahrzehnten bankrott, die Maschine aus Holz läuft immer noch. Halb so breit, aber doppelt so laut wie das Griffith-Modell von Maclennan. Klackerdiklackerdiklack lärmt es, wenn Hutton den Holzschlitten mittels Fußpedalen und Lederriemen von links nach rechts und zurück hämmert.

„Ich bin altmodisch“, sagt sie und hofft, dass sie damit nicht allein ist. Zuversicht gibt ihr ein Wettbewerb der örtlichen Harris Destillerie, bei dem kürzlich ein firmeneigenes Tweeddesign gesucht wurde. Mehr als 150 Kinder nahmen teil. Vielleicht macht der eine oder andere ja weiter, sagt Hutton und tätschelt ihre Hattersley. Die Möglichkeiten sind da, sagt sie. Auf der Insel stünden bis heute in fast allen Haushalten noch solche Maschinen von den Großeltern rum. Man müsste sie nur entstauben – und lostreten.