Wie die Versorgung gesichert werden soll

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Energiekonzerne und Ökostrom : Claudia Kemfert: „Um den Strom wird erbittert gekämpft“
Claudia Kemfert
Claudia KemfertFoto: Mike Wolff

Warum muss Solarstrom überhaupt noch gefördert werden? Der Strom vom Dach ist für Normalverbraucher momentan schon billiger als der aus dem Netz.

Deswegen senkt man dafür jetzt auch die Vergütungssätze. Aber Minister Gabriel will nun sogar diesen privaten Ausbau bremsen, indem er für den Stromverbrauch aus eigener Erzeugung die Ökostromumlage einführen will. Das halte ich für einen Fehler.

Bei allem technischen Fortschritt ist eines nicht geklärt: Wie soll die Versorgung gesichert werden? Es gibt nun mal dunkle Tage, an denen zudem der Wind nicht weht. Eon-Chef Johannes Teyssen sagt jetzt schon, dass mit der konventionellen Stromerzeugung kein Geld mehr zu verdienen sei, und fordert darum Subventionen dafür, dass er Kraftwerke in Bereitschaft hält, weil sonst der Blackout drohe.

Noch ein Mythos. Derartige Subventionen machen den Strompreis teuer und nützen dem Strommarkt wenig. Selbst Vattenfall bestätigt unsere Studien, dass solche Subventionen unnötig sind, weil es im kommenden Jahrzehnt in Deutschland hohe Überkapazitäten gibt. Was wir brauchen, sind ein Ausbau der Stromnetze und mehr Speicheranlagen.

Frau Kemfert, Sie haben eine steile Karriere gemacht und wurden schon mit 35 Chefin der Energieabteilung im DIW und Professorin an der Humboldt-Uni. Wollten Sie nicht mal Tierärztin werden?

Als Kind war das mein Traum. Später, als Studentin, habe ich einen Vortrag über Ölmärkte gehört. Diese langfristigen, strategischen Konstellationen fand ich spannend. Dazu die Spieltheorie, die Prognosen: Wer verhält sich in welcher Lage wie? Das hat mich fasziniert und nicht mehr losgelassen.

Sie sind das prominente wissenschaftliche Gesicht der Energiewende und mischen sich ein – sogar in einer kabarettistischen Sendung wie „Pelzig hält sich“. Riskieren Sie damit Ihren Ruf?

Wir Wissenschaftler haben die Aufgabe, uns auch öffentlich zu äußern. In Amerika ist das selbstverständlich, da schreiben auch Nobelpreisträger wie Paul Krugman oder Joseph Stiglitz regelmäßig Kolumnen in Zeitungen. Der öffentliche Diskurs ist Teil der Aufgabe.

Dreh- und Angelpunkt Ihrer Arbeit ist der Klimawandel. Wer die Prognosen der Forscher liest, möchte sofort die Revolution ausrufen: Verbot der Kohle in zehn Jahren! Solarzellen auf jedes Haus! 100 Milliarden Euro für Wärmedämmung pro Jahr! Gemessen daran wirken Sie sehr zurückhaltend.

Wir müssen eben Wege finden, die praktikabel sind. Ich wäre schon zufrieden, wenn wir die ambitionierten Ziele der Energiewende erreichen.

Ihre Sekretärin hat Ihnen gerade ein Taxi bestellt. Wie halten Sie es mit dem Klimaschutz im Alltag?

Gleich muss ich zum Bahnhof, das schaffe ich sonst nicht mehr. Ansonsten fahre ich Bahn und Fahrrad, ich esse kein Fleisch …

… weil Sie es gesundheitlich nicht vertragen. Wer Flugangst hat, kann leicht aufs Fliegen verzichten.

Der persönlichen Klimabilanz ist das Motiv egal. Ich kaufe regionale Produkte und mache Urlaub fast immer an der Nordsee. So bin ich jetzt bei rund fünf Tonnen Kohlendioxid pro Jahr, der deutsche Durchschnitt liegt bei zehn. Um die Emissionen meiner beruflichen Flugreisen zu kompensieren, spende ich an internationale Klimaschutzprojekte.

Ihre Position für die Wende bringt Ihnen Häme von Kollegen ein. Die werfen Ihnen vor, Sie würden Ihr Fähnchen nach dem Wind hängen. Noch 2010 haben Sie gesagt, man solle die Atomkraftwerke acht Jahre länger laufen lassen, um „mehr Zeit“ für den Umstieg auf die Erneuerbaren zu haben. Nach Fukushima waren Sie auch nicht mehr dafür.

Ich war nie eine Befürworterin der Atomkraft. Aber ich habe davor gewarnt, dass eine schnelle Abschaltung von Atomkraftwerken den Bau von Kohlekraftwerken forciert. Genau das ist passiert. Mir ging es um eine Laufzeitverkürzung, nämlich von Kohlekraftwerken. Ich wollte und will noch immer, dass der Umstieg auf erneuerbare Energien gelingt.

Den Vorwurf des Opportunismus haben Sie sich auch in der Politik eingehandelt. 2012 sind Sie mit Norbert Röttgen für die CDU in den Wahlkampf gezogen, vergangenes Jahr dann für den SPD-Mann Thorsten Schäfer-Gümbel.

Ich bin parteilos und unterstütze Politiker, die die Energiewende konsequent voranbringen wollen. Röttgen wollte das in Nordrhein-Westfalen, das fand ich sehr mutig. Genauso ein Jahr später Schäfer-Gümbel in Hessen.

Beide haben nicht gewonnen. Haben Sie ein Faible für Verlierer?

Die Wahlergebnisse konnte ich nun wirklich nicht beeinflussen.

Die meisten Quereinsteiger scheitern kläglich – und das schnell. Warum wollen Sie in die Politik?

Ich wurde gefragt, ob ich im Schattenkabinett als mögliche Ministerin eines Bundeslands aktiv werden will. Das ist eine seltene Chance, die Energiewende konkret und regional umzusetzen. Ich würde mich jederzeit wieder so entscheiden.

Die meisten politischen Auseinandersetzungen sind heute nicht mehr nach Lagern und Ideologien zu sortieren. Nur die Energiedebatte wird mit unerbittlicher Härte geführt – da geht’s zu wie in einem Kulturkampf.



Die wichtigste Ursache ist die massive Kampagne, die von Interessenvertretern gegen die Energiewende betrieben wird. Exemplarisch ist für mich, wie die Initiative Neue Soziale Marktwirtschaft …

… die von den Metallarbeitgebern finanziert wird …

… mit einer bundesweiten Plakatkampagne und dem falschen Argument vom teuren Ökostrom versucht hat, die Menschen in die Irre zu führen und die Energiewende zu torpedieren.

Und deshalb werden die Kritiker so aggressiv?

Das ist eben der erbittert geführte Kampf um Strom.

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