Entschleunigung : Wolken beim Wachsen zusehen

Vor 20 Jahren bremste unser Autor auf Schrittgeschwindigkeit ab, bei einer Wanderung in Schottland. Seitdem sucht er immer wieder dieses einzigartige Naturerlebnis. Zweckfrei, nutzlos und wunderschön.

Quer durchs Land. Abseits der Straßen und jenseits der Städte ist Deutschland überraschend leer.
Quer durchs Land. Abseits der Straßen und jenseits der Städte ist Deutschland überraschend leer.Foto: p-a/dpa – Karl-Josef Hildenbrand

Die ersten Schritte ins Reich der Langsamkeit machte ich viel zu schnell. Es war in Schottland, ich ein Student von Anfang 20 und für eine eilige Woche auf Austausch an der Universität von Edinburgh. Termin folgte auf Termin, ein Seminarraum glich dem anderen, künstliches Licht, schlechte Luft, November. Am letzten Tag des Aufenthalts stieg ich frühmorgens in einen Linienbus, der mich aus der Stadt hinaustrug in die Highlands, die ich bis dahin nur als Kitschkalender-Motiv kannte.

Spät wurde es hell an jenem Herbsttag, Nebel nahm die Sicht, die Straße wurde schmaler, die Landschaft immer leerer. In einem düsteren Tal verließ ich den Bus, hinter mir das hydraulische Seufzen der sich schließenden Tür, vor mir Hügel, die sich in Wolken verloren.

Mit dem Namen der Haltestelle verband ich nichts: Glencoe. Ich ahnte nichts von der Geschichte dieses schottischen Schicksalsortes. Nichts von den Fehden, die sich dort abgespielt hatten. Nichts von den Schlachten, die dort geschlagen worden waren. Nichts von seiner Schönheit. Und nichts davon, welche Wirkung die folgenden Stunden auf mein Leben haben würden.

Einer in allem: mein sprachloses Ich

Damals ging ich einfach los, lief geradeaus über Weiden und Heidepolster, unter den Schuhen ein Knistern und Knacken. Federnder Boden, rhythmischer Atem, pochender Puls.

Ich war in Eile, auch da draußen. Es würde früh wieder dämmern, ich musste am Abend zurück sein, der Rückflug war am nächsten Morgen.

So hastete ich einem der Hänge entgegen, ohne konkretes Ziel, nur getrieben von dem Drang, voran- – und hinauf- – zu kommen.

Schwitzend und keuchend gewann ich an Höhe. Mit jedem Meter nahm der Wind zu. Die Wolken zerrissen. Als ich mich umdrehte, lag unter mir eine Landschaft, grün und braun und rostrot, steinhart und wiesenweich, gletschergeschliffen und regengewaschen. Alles in einem. Und einer in allem: mein sprachloses Ich.

Jener Tag liegt mehr als 20 Jahre zurück, ragt aber aus meiner Erinnerung wie ein Gipfel, viel höher als der Hügel, den ich damals erklommen hatte.

Stehenbleiben? Innehalten? Undenkbar

Ganze Lebensphasen aus Arbeit und Alltag sind in einer Art Rückblickdunst verschwunden, sogar Urlaube habe ich vergessen. An diese paar Stunden jedoch kann ich mich in tausend Details erinnern – oder glaube es zumindest, was in der Konsequenz das Gleiche ist. Was für ein Gedächtnisgeschenk!

Immer wieder habe ich mich gefragt, was diese Wanderung in den Highlands derart herausragend werden ließ. Zunächst dachte ich, es sei die Geschwindigkeit gewesen, mit der ich die Eindrücke errungen hatte, das Adrenalin, die Aktion, meine eigene Bewegung inmitten einer starren Natur. Als junger Mensch nimmt man ja meist an, alles um einen herum stehe, nur man selbst rase durch Raum und Zeit: Kaum hat man die Schule durchlaufen, zieht man aus und lässt das Zuhause zurück, im Vorgarten die winkenden Eltern.

In diesen Zeitrafferjahren wirkt die Umgebung wie eine reglose Kulisse. Die Heimatstadt. Das Programmkino. Die Universität mit ihren Professoren, die – wie Statisten – schon immer da waren und immer da sein würden.

Auch ein Strand oder ein Gebirge, die Natur also, sind bloß eine Bühne, auf der sich die eigene Kraft, die eigene Geschicklichkeit, der eigene Mut darstellen lassen. Geschwindigkeit und Vorankommen sind Werte für sich, müssen es in dem Alter auch sein. Stehenbleiben? Innehalten? Undenkbar.