Er überlebt schwere Krankheiten

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Gesellschaft : Als Spion in Auschwitz
Jan Ludwig
das Tor zum Konzentrationslager, wie es heute erhalten ist
Das Tor zum Konzentrationslager, wie es heute erhalten ist.AFP

„Ich bin eine ziemlich merkwürdige Natur, wie ich mehr als einmal bemerkt habe. Andere Menschen verlieren den Appetit, wenn sie Fieber haben; ich dagegen fresse wie ein Scheunendrescher.“ Er erkrankt an Typhus, holt sich eine Lungenentzündung – und überlebt beides, wiewohl nur knapp, dank der Hilfe seiner Vertrauten. Von der Küche bis zur Gerberei, vom Postamt bis zum Stall besetzen seine Kameraden wichtige Posten. An besonders verhassten Aufsehern rächen sich Pileckis Leute. Sie sammeln Läuse, die auf Typhus-Infizierten saßen, und spucken sie mit Blasrohren auf Wachmänner – einige erkranken, sterben sogar. Sie locken Kapos in einen Hinterhalt. Die Erschlagenen werden von Pileckis Kameraden im Krematorium verbrannt, um keine Spuren zu hinterlassen.

Und doch kommt die SS der Untergrundbewegung auf die Schliche. Rund 50 Gefangene werden exekutiert. Immer mehr werden in andere Lager verlegt, nach Buchenwald, Sachsenhausen oder Neuengamme.

Im Frühjahr 1943, nachdem er drei Winter in Auschwitz überlebt hat, beschließt Pilecki zu fliehen. Als Fluchtort wählen er und zwei seiner Mitgefangenen die Bäckerei. Sie liegt außerhalb des Lagers. Kein Zaun trennt sie vom Umland. „Jasiek“, ein Freund, der dort arbeitet, nimmt mit frischem Brot Abdrücke eines Schlüssels und einer Schraubenmutter, die die Außentür versperren. Ein befreundeter Schlosser fertigt die nötigen Werkzeuge. Kameraden arbeiten zu, versorgen sie mit Essen, Kleidung, aber auch Tabak, um die Spürhunde zu verwirren.

Derart bepackt, warten Pilecki und seine Kumpanen auf die Osternacht 1943. Als beide Wachposten in der Bäckerei nicht aufpassen, werfen sich die drei gegen die Außentür, bis sie schließlich aufschwingt. Dann rennen sie los. Obwohl er von einer Wache angeschossen wird, schafft es Pilecki schließlich bis nach Warschau.

Doch die Geschichte des Witold Pilecki ist damit nicht zu Ende.

Der Zweite Weltkrieg wütete noch zwei weitere Jahre. Im Dienste der polnischen Heimatarmee kämpfte Pilecki 1944 beim Warschauer Aufstand mit. Er sinniert bis zur Befreiung von Auschwitz darüber, wie man das Lager hätte erobern können, erst von innen, dann von außen. Doch die polnische Heimatarmee zögert. Sie hält einen Angriff ohne alliierte Hilfe für aussichtslos.

Pileckis Report von 1940 gilt als erster Bericht aus Auschwitz, und spätestens ab 1942 war bekannt, was in den Vernichtungslagern vor sich ging. Allein: das Lager im Süden Polens war für britische Bomber praktisch nicht zu erreichen. Auch deshalb wurde das KZ nie von außen angegriffen. Am 27. Januar 1945 befreiten schließlich Soldaten der Roten Armee die letzten Gefangenen. Erst dann wurde die Welt endgültig gewahr, dass Pilecki nicht übertrieben hatte.

So unglaublich klingt selbst für heutige Leser die Geschichte, dass man sich fragt, ob sie wahr sein kann. „Die Originale der ersten Reporte sind zwar verloren gegangen“, sagt Piotr Setkiewicz, Leiter der Forschungsabteilung im Auschwitz-Museum. „Aber es besteht kein Zweifel, dass Pilecki die Quelle der allerersten Berichte aus Auschwitz ist, die im März 1941 in London eintrafen.“ Dass Pileckis Geschichte in der Öffentlichkeit lange unbekannt blieb, hat einen anderen Grund.

Polen fiel 1945 unter kommunistische Herrschaft. Die Rote Armee installierte ein Moskau-treues Regime. Doch das war nicht das Polen, das Pilecki erkämpfen wollte. Und so spionierte er weiter für die antikommunistische Opposition. Das wurde ihm zum Verhängnis.

Im Jahr 1947 nahmen ihn Agenten des Regimes fest. Sie beschuldigten ihn der „westlichen Spionage“, folterten ihn, rissen ihm die Nägel aus. Pilecki, der für sein Heimatland ins KZ gegangen war und daraus floh, der Hauptmann der polnischen Kavallerie, der im Warschauer Aufstand kämpfte, wurde vor Gericht gestellt, wegen Landesverrats verurteilt und 1948 erschossen. Einen „Feind des Volkes“ nannte man Pilecki damals.

65 Jahre später, im Januar 2013, steht Ryszard Schnepf auf einem Podium in Washington. Der Botschafter Polens spricht zu den Besuchern, die wegen Pilecki ins Holocaust Memorial Museum gekommen sind. Schnepf nennt ihn einen „Diamanten unter den polnischen Helden“. Längst ist das polnische Staatsräson. Nach dem Fall des alten Regimes 1989 wurde Pilecki voll rehabilitiert, postum ehrte ihn der Staat mit den höchsten Orden des Landes. Michael Schudrich, der Oberrabbiner von Polen, nennt Pilecki einen „Helden für die Juden von Polen“.

Lange hatten polnisch-jüdische Gruppen dafür geworben, Pilecki auch als Kämpfer gegen den Holocaust wahrzunehmen. In keinem Land starben mehr Juden als im deutsch besetzten Polen. Aber aus keinem Land stammen auch mehr „Gerechte unter den Völkern“. Über 6000 Menschen haben sich nachweislich unter Einsatz ihres Lebens für Juden eingesetzt, indem sie sie versteckten, versorgten oder außer Landes brachten.

Doch nach seiner Verurteilung 1948 versuchten die damaligen Machthaber jede Spur und jede Erinnerung an Pileckis Taten zu tilgen. Sie ließen sein Haus zerstören, sein Grab schänden. Das wirkt nach. In der Abteilung der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem, die für die „Gerechten unter den Völkern“ zuständig ist, ist Pileckis Hauptbericht bis heute unbekannt. Man verspricht jedoch, seinen Fall zu prüfen, falls die nötigen Dokumente noch vorgebracht werden.

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Orell Füssli erschienen (256 Seiten, 19,95 Euro).

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