Europäische Kulturhauptstadt 2020 : Rijeka macht sich bunt

Das kroatische Rijeka ist offen und polyglott – seit altersher! Und 2020 Kulturhauptstadt Europas

Blick auf Rijeka mit Hafen und Mittelmeer.
Blick auf Rijeka mit Hafen und Mittelmeer.Foto: Borko Vukosav

Irgendwann kam die Motorradgang. Wandmalereien mit Brombeeren, hier an den sozialistischen Hochhäusern von Gornja Vežica? Was das denn solle, wollten die Jungs wissen. Die Projektleute erklärten den Bikern, dass man den hässlichen Platz verschönern wolle, aus Anlass des Kulturhauptstadtjahrs in Rijeka. Und einer der Wandmaler zeigte den Motorradfahrern, wie sie ihre eigenen Graffititechniken verbessern können.

Lena Povrženic erinnert sich an den kritischen Moment für die Bürgerinitiative. Zusammen mit Ansässigen aus dem Neubauviertel hatten sie begonnen, Kräuter, Gemüse und Obststräucher zwischen den Beton zu pflanzen und mit den Kindern buntverspielte Straßenmalereien vor Ort zu entwickeln. Einige Hochhausbewohner spendeten Setzlinge, und weil hier draußen kein Wasseranschluss existiert, geht es jetzt nicht ohne Gießplan.

Lebensqualität, Bürgerbeteiligung, „Green Wave“: Die junge Kroatin mit Lederhalsband und Pferdeschwanz hatte schon 2017 auf dem Platz einen Ökobauernmarkt mit ins Leben gerufen. Warum ihn nicht grundsätzlich aufmöbeln? Rijeka2020 macht’s möglich: Im Vorlauf zum Europäischen Kulturhauptstadtjahr wurde 2018 ein Bürgerrat gegründet und mit Geldern für Bürgerinitiativen ausgestattet. Der Rat veranstaltete eine Projektlotterie mit Glaskugel, Antragsbällen, Punktesystem und Verteidigungsreden. 30 von rund 150 Bewerbern erhalten 1500 bis 4500 Euro Förderung. Für Büchertauschbörsen, Schulprojekte, Promenadenkonzerte, Open-Air-Kino, Pop-up- Parks und Begrünungen jedweder Art.

Povrženic sitzt im RiHub, einem mit Coworkingflächen und Lounge-Ecken ausgestatteten klassizistischen Gebäude im Zentrum. Auch Marija Katalinic ist da. Die Kulturwissenschaftlerin, die gerade in Berlin promoviert, war eigens in ihre Heimatstadt zurückgekehrt und koordiniert nun die Bürgerprojekte von Rijeka2020. Begeistert erklärt sie das Prinzip der Rückeroberung der Stadt durch ihre Bewohner. Das Team veranstaltet Crowdfunding-Workshops und vermittelt zwischen Bürgern und Stadtrat.

„Wir machen hier Pilotprojekte für ganz Kroatien“, sagt Lena Povrženic. „Das finde ich viel aufregender als das Kulturprogramm.“ Auch Irena Kregar Šegota spricht vom „Türöffner“ Kulturhauptstadtjahr. „2020 feiern wir eine Party, ob das Jahr für Rijeka etwas taugt, können wir erst in fünf, sechs Jahren sagen,“ meint die Kulturmanagerin im Hauptquartier von Rijeka2020 am Hafen. Sie fungiert als Chefin sämtlicher Partizipationsprogramme, „27 Nachbarschaften“ heißt eines davon, das Gemeinden in der gesamten Region der Kvarner Bucht miteinander vernetzt. „Hafen der Vielfalt“ lautet das zentrale Kulturhauptstadt-Motto. „Wir erproben für Europa, wie die Vielfalt funktionieren kann“, sagt Kregar Šegota.

Lena, Marija, Irena: lauter temperamentvolle Frauen, die jeden Besucher kurz vor der Eröffnung des Kulturhauptstadtjahrs mit ihrer Leidenschaft anstecken und ziemlich schnell reden. Es gibt ja noch so viel zu tun.

Die Energie passt zur Hafenstadt an der Adria, die ihr Kulturjahr am 1. Februar mit Festakt und Feuerwerk einläutet, aber auch mit 30 Open-Air-Events rund um die Flaniermeile des Korso und abends am Pier mit einer „Opera industriale“. Hoffentlich bleibt die Stadt an diesem Tag vom Bora verschont, jenem eisigstürmischen Fallwind, der die Küste regelmäßig heimsucht. Hunderte Künstler sind dabei, wenn sich der Sound von E-Gitarren, einem finnischen „Schrei“-Chor, Bohrmaschinen, Schweißgeräten und klingelnder Kinder mit traditionellen Orchesterklängen mischt.

Mischmasch, das Wort hört man oft in Rijeka. Im Stadtbild ist er unübersehbar. Wer nur kurz durchs Zentrum spaziert, entdeckt neben römischen Stadtresten Häuser mit Sezessionsfassaden, K.u.KPrachtbauten mit sozialistischem Annex, den Barockdom St. Vitus mit einer von britischen Belagerern abgefeuerten Kanonenkugel neben dem Eingang, den schiefen Mittelalterturm der Maria-Himmelfahrt-Kirche, kroatisches Biedermeier, dazu Wohnsilos und die schroffe Architektur des italienischen Razionalismo.

Slawische Mentalität, Postsozialismus, italienisches Flair: Am Hafen mit seinen Industrieanlagen steht nicht nur die Jugendstil-Markthalle, in der frischer Adriafisch und die berühmten Kvarner Scampi feilgeboten werden, hier erhebt sich auch das Nationaltheater des Wiener Architekturbüros Fellner und Helmer, dem Berlin die Komische Oper verdankt. Neben Oper und Ballett beherbergt es ein kroatisches und ein italienisches Ensemble. Also kein Drei-, sondern ein Viersparten-Haus, mit Deckengemälden des jungen Gustav Klimt. Manchmal rumpelt direkt daneben ein Güterzug Richtung Containerhafen.

Die wilde Mischung als Markenzeichen der 130 000-Einwohner-Metropole hat hier wahrlich Geschichte. „Meine Urgroßmutter hat in neun verschiedenen Ländern und Staatsformen gewohnt, ohne Rijeka je zu verlassen“, sagt der Popkritiker Voljen Koric und zählt auf: Österreich-Ungarn, Italien, das Königreich Jugoslawien, die deutsche Besatzung, die sozialistische Teilrepublik und die heutige Republik Kroatien. Ob „corpus separatum“, Pufferzone oder Freistaat: „Wir waren schon immer irgendwie anders“, sagt Koric. Der ehemalige Radiomoderator mit Bart und kurz geschorenem Haar gehört ebenfalls zum Team von Rijeka2020.

„Rijeka ist eine ungarische Stadt, in der Kroaten leben, die Italienisch reden“, schrieb der Schriftsteller Mór Jókai Ende des 19. Jahrhunderts. Eine Stadt mit schillernder Identität: Nicht zufällig ist das größte Ereignis der Karneval, mit Maskenumzug wie in Venedig (diesmal am 23. Februar). Rijeka, das stolz ist auf seine vielen Gesichter, heißt bis heute auch Fiume und nennt sich Sušak östlich des Flusses. Älteren Leuten ist noch der deutsche Name St. Veit am Flaum geläufig. Am Kiosk gibt es neben kroatischer Presse eine italienische Tageszeitung.

Voljen Koric hofft, dass der Rest des Landes in diesem Jahr seine Stadt endlich begreift. „Wir gelten als unverbesserliche Kommunisten“, erklärt er, „aber das stimmt nicht. Wir sind antifaschistisch, liberal, polyglott seit altersher. Uns ist egal, wo jemand herkommt oder welche Religion er hat.“ Tatsächlich hat Rijeka bisher keinen Rechtsruck erlebt wie so viele Orte in Europa. Eine Hafenstadt ist naturgemäß ein Hort der Weltoffenheit: Nicht wenige Männer gingen zur See, bis der Hafen nach dem Ende Jugoslawiens an Bedeutung verlor. Erst seit Kurzem gewinnt er wieder an Prestige.

Übrigens wurde schon 1903 in Rijeka die erste direkte Passagierschiffslinie zwischen Europa und New York eröffnet. Aus dem ganzen Kontinent kamen Emigranten und bestiegen die „Carpathia“, darunter Johnny „Tarzan“ Weissmüller, der Entfesselungskünstler Harry Houdini und die Eltern von Andy Warhol. Im Schifffahrtsmuseum liegt ein Schwimmgürtel aus der gesunkenen „Titanic“: Die „Carpathia“ passierte als erstes Schiff den Unglücksort.

Koric wird nicht müde, den Geist der Freihafenstadt zu erklären: „Wir akzeptieren keine Grenzen.“ Anders hätte Rijeka all die Regenten und Regime auch nicht überlebt, von den Römern über die Habsburger und die Nazis bis zu den Serben. Auch wenn es nicht immer glimpflich verlief, etwa als der präfaschistische Dichtersoldat D’Annunzio mit seinen Freischärlern 1919 die Stadt besetzte. Eine Ausstellung in seinem damaligen Domizil, dem Gouverneurspalast, erinnert an die Frauen von Fiume, die dem Exzentriker zu Füßen lagen. Und an die blutige Weihnacht 1920, als die offizielle Armee Italiens ihn wieder vertrieb – weil D’Annunzio den Vertrag von Rapallo nicht anerkannte, der Fiume „ewige Unabhängigkeit“ garantierte.

Vor dem Zweiten Weltkrieg war die Stadt zwischen Fiume und Sušak geteilt. Allen Kontrollen zum Trotz herrschte reger Grenzverkehr. „Sweet and salty“, süß und salzig, heißt denn auch ein weiteres Kulturhauptstadtprogramm rund um das frühere Grenzdelta zwischen Fluss und Meerarm. In den verrotteten Hafenbauten haben sich Ateliers eingenistet, die Zentrale von Rijeka2020, Ausstellungshallen, temporäre Installationen. Am früheren Stadtstrand wird im Sommer ein Swimmingpool aus Containern zum Baden einladen.

Der historische Wolkenkratzer unweit des Korso soll übrigens von Al Capones Buchhalter finanziert worden sein, mit 66 Metern ist er höher als das älteste Hochhaus Chicagos. Der rote Stern, der 1945 dort auf dem Dach prangte, soll nun in Gestalt von 2800 Glassteinen wiedererstehen, 2800 Steinchen in Erinnerung an die Toten der damaligen Schlacht um Rijeka. Das erhitzt die Gemüter. Titos Partisanen dürfen nicht verherrlicht werden, sagen die einen. Roter Stern? Den gibt’s auch beim Heineken-Bier, beschwichtigen die anderen.

Die Nationalisten im Stadtparlament, in dem seit über 70 Jahren (!) ohne Unterbrechung die Linken regieren, protestierten außerdem heftig dagegen, dass Titos Yacht für Rijeka2020 wieder flottgemacht wird. Noch liegt der verrostete Bananenfrachter in der Werft, Ende des Jahres soll er am Molo Longo andocken, dem fast zwei Kilometer langen Wellenbrecher. Der jugoslawische Staatschef hatte den Kahn namens „Galeb“, Möwe, zur mondänen Residenz umgebaut; hier empfing er Staatsoberhäupter und Stars wie Sophia Loren oder Elizabeth Taylor. Als schwimmendes Museum samt Hostel wird es das Gedächtnis an Glamour und Schrecken des autoritären Staatsmanns auch nach 2020 wachhalten. Kontroverse erwünscht.

Bei der Aufarbeitung der sozialistischen Ära liegt noch vieles im Argen. Genauso ist es mit dem Jugoslawienkrieg, der hier Heimatkrieg heißt: Kroaten, Serben, aus Nachbarn wurden Feinde. Bei aller Toleranz, bei allem Liberalismus, hier lauern Traumata und Tabus. Wenn es gut geht, wird Rijeka in diesem Jahr zum Laboratorium auch für diese Geschichte des 20. Jahrhunderts.

Dass die Bürger der Stadt Meister im friedlichen Umnutzen sind, beweist schon das Stadtwappen. Die zwei Häupter des doppelköpfigen Habsburg-Adlers oben auf dem Uhrenturm am Korso schauen nicht wie in Österreich-Ungarn in entgegengesetzte Richtungen, sondern recken ihre Hälse munter parallel in die Höhe. Wechseln Sie die Perspektive! Auf dem alten Kasernengelände wurde kürzlich ein großzügiger Universitätscampus eröffnet. Und mit sichtlichem Stolz führt Voljen Koric Rijeka-Besucher über die Baustelle des Zuckerpalasts und das riesige Areal des Bencic-Komplexes, wo gerade der spätbarocke Prachtbau der ältesten Zuckerraffinerie zum Stadtmuseum umgebaut wird. In zwei weitere entkernte historische Häuser ziehen Stadtbibliothek und ein Kindermuseum ein.

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Das neue Kulturquartier wird in jedem Fall bleiben von Rijeka2020. Ob auch die zivilgesellschaftliche Saat des Bürgerrats aufgeht? Zum Abschied im RiHub holt Projektleiterin Marija Katalinic eine Tüte mit kleinen Blumenknollen hervor. „Guerilla-Gärtnern, einfach irgendwo einpflanzen“, sagt sie.