Und wer wohnt hier eigentlich?

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Experimentelle Wohnformen in Berlin : Wie die Baugruppe Spreefeld lebt
Innen. Das Gemeinschaftliche ist groß, das Private klein.
Innen. Das Gemeinschaftliche ist groß, das Private klein.Foto: Ute Zscharnt

Im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt betrachtet man Wohnformen wie im Spreefeld als zukunftsweisend. Vergangene Woche öffnete die Ausstellung „Daheim – Bauen und Wohnen in Gemeinschaft“, eine Art Werkschau von 26 in Deutschland und im Ausland realisierten Bauprojekten; darunter auch das Spreefeld sowie vier weitere aus Berlin.

Ob als Baugruppen, Genossenschaften oder Wohnungsbaugesellschaften, alle Projekte gleichen sich darin, dass sie „gemeinschaftliches Wohnen als einen Ausdruck veränderter Lebensentwürfe betrachten“, sagt Laura Kienbaum vom Architekturmuseum. Bis ins hohe Alter generationenübergreifend in der Familie zu leben werde seltener, Freundschaft hingegen immer wichtiger. Das bedeute aber, dass künftig mehr Menschen im Alter alleine sein werden. Oder eben nicht, wenn sie gemeinsam wohnen.

Wer macht so was? Herr Schöningh macht so was, gebürtig in Paderborn, der 1980 zum Studium nach Berlin kam und blieb. Hat lange in Kreuzberg 36 gelebt, ein politisch denkender Mensch, der in Baugruppen zumindest in deren Anfängen eine Weiterentwicklung der Hausbesetzungen sieht. Nur gehören die Häuser einem nun auch rechtlich. „In Baugruppen trifft sich meist der Mittelstand“, sagt er „in sozialer, kultureller und intellektueller Hinsicht.“ Im Spreefeld sei die Spannbrei- te größer. Mit seinen 55 Jahren sind er und seine etwa gleichaltrigen Mitbewohner die Ausnahme, die Alten- WG. Aber auch nicht ganz, da sei eine dreiköpfige Familie in der Etage, mit einem Kind, das es „gegen alle Erwartungen klasse findet, hier zu wohnen“.

Normalerweise gibt keine Bank so leicht Kredit

Bei einer Baugruppe, die 40 Prozent der Kosten aus eigener Tasche bezahlt, kann man von gehobener Mittelschicht ausgehen. Doch Schöningh ist stolz, dass auch Menschen ohne viel eigenes Kapital und hohes Einkommen hier wohnen. Normalerweise gibt denen keine Bank den nötigen Kredit, doch die Genossenschaft hat das Grundstück als Sicherheit angeboten. Die Alternative wäre eine höhere Miete gewesen, wie es üblich sei unter Genossen, deren unterschiedliches Eigenkapital sich in den Miethöhen abbildet. Dann wäre das Geld weg gewesen. So aber, sagt Schöningh, tragen die Ärmeren mit der Kredittilgung zu ihrer Vermögensbildung bei. Besser auf Pump etwas zu besitzen, als ewig Miete zu zahlen.

Als sie vor Jahren mit ihrer Idee an die Öffentlichkeit gingen, schienen sie einen Nerv getroffen zu haben. Der Andrang war so groß, dass sie freie Plätze auslosen mussten. Für Schöninghs Elf-Personen- Haushalt gilt das nicht: Sie kannten sich, wenn auch nicht alle. „Wir machen hier erklärtermaßen ein Experiment“, sagt er, man könne in der Architektur ohnehin keine Experimente im Reagenzglas machen: „Man muss die Häuser halt bauen und schauen, ob es funktioniert.“

Wie richtet man sich ein? Wer räumt auf?

Dazu gehören auch die Fragen des Alltags. Wie richtet man sich ein? Wie füllt man die Regale, und wer räumt auf? Die Antwort: Man bespricht recht viel. Und so hätten sie beschlossen, dass jeder ein Bild in die Gemeinschaftsflächen hängt. Dass in die Wohnzimmerregale Kunstbände passen, ebenso wie Sigmund Freud und Reiseliteratur. Dass sie einen Kühlschrank für alle haben, den sie jeden Sonntag gemeinsam leeren. Und dass niemand die Schuhe ausziehen muss, wenn er in die Wohnung kommt.

Das sind im Moment die einzigen Regeln. Der ganze Rest: eine Leerstelle. Muss man füllen. Muss man wollen.

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