Die Auswirkungen des Streiks

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Feminismus in Island : Aufstand der Frauen
Alva Gehrmann
Junge Frau mit Protestplakat.
Junge Frau mit Protestplakat.Foto: Borghildur Óskarsdottir

Am Tag nach dem „Kvennafrídagurinn“ sind die Zeitungen nur halb so dick wie sonst, denn viele Mitarbeiterinnen hatten ebenfalls gestreikt. Dennoch sorgen sie dafür, dass das Land erfährt, was sich zugetragen hat. Das „Dagblaðið“ schreibt: „20 000 Frauen klatschten gemeinsam“ und die linke Zeitung „Þjóðviljinn“ erklärt „Wir stehen vereint“.

In Kanada titelt eine Zeitung „Die Männer lachten, aber der Frauenstreik ist kein Witz“ und in Deutschland berichtet die „Frankfurter Rundschau“ ironieresistent von den „verheerenden Auswirkungen“ der Aktion: „Väter erschienen mit ihren Sprösslingen am Arbeitsplatz“, und im Kino „musste man seinen Platz mangels Platzanweiserinnen selbst zu finden versuchen“.

16 Jahre Präsidentin

Vigdís Finnbogadóttir sagt: „Ich bewundere bis heute den Mut meiner Landsleute, dass sie mich fünf Jahre später zur Präsidentin gewählt haben.“ Die Theaterdirektorin ist nicht nur eine Frau – sie ist auch noch geschieden, alleinerziehend und die erste Single-Frau in Island, die ein Kind adoptierte.

Trotzdem setzte sich die Isländerin im August 1980 gegen die Männer durch. 16 Jahre lang war sie Präsidentin, bevor sie nicht mehr kandidierte. Bis heute ist die mittlerweile 85-Jährige in Umfragen eine der populärsten Frauen Islands und engagiert sich unter anderem als Unesco-Botschafterin zur Förderung sprachlicher Vielfalt, von Frauenrechten und Bildung.

Auch Ósk Vilhjálmsdottir, die Tochter von Borghildur Óskarsdóttir, achtet die Karriere ihrer ehemaligen Präsidentin hoch. „Ich erinnere mich daran, dass es eine kraftvolle Atmosphäre war“, sagt sie über den Freitag.

Als Kind gegen die US-Armee

Da ihre Mutter sie schon vorher mit auf Demonstrationen mitnahm – etwa gegen die US-Armee in Island –, dachte sie lange, es sei selbstverständlich, dass Frauen und Männer dieselben Rechte haben. „Ich fühlte mich absolut gleichberechtigt. Erst als ich Mutter wurde, merkte ich, dass es nicht so ist.“

Anfang der 90er Jahre, mit 24 Jahren wird Vilhjálmsdottir schwanger, für ihren ersten Mann ist es klar, dass er wie bisher weiter studiert und sie sich hauptsächlich um das Kind kümmert. „Ich fühlte mich wie im Gefängnis.“ Also trennte sie sich von dem Vater ihrer ersten Tochter.

Inzwischen ist Ósk Vilhjálmsdottir 52 Jahre alt, Mutter von drei Kindern und Künstlerin. Zudem gilt sie als eine der wichtigsten Umweltaktivistinnen ihrer Heimat. Auch im Zuge der Finanzkrise, die das nordeuropäische Land im Oktober vor sieben Jahren an den Rand einer Staatspleite führte, demonstrierte sie lautstark mit.

Zwei Drittel vom Lohn für Männer

Ihre Mutter war nach dem Streik im Jahr 1975 erfüllt von Optimismus. „Wir waren überrascht, dass so viele kamen“, sagt Borghildur Óskarsdóttir. Und doch sind die Frauen auch heute noch nicht am Ziel angekommen. Noch immer bekommen auch in Island die Frauen durchschnittlich nur zwei Drittel von dem, was die Männer verdienen.

Und das, obwohl der Inselstaat laut dem Global Gender Gap Report des World Economic Forums das Land mit der höchsten Gleichberechtigung ist – seit sechs Jahren in Folge. Deutschland liegt bei der jährlich veröffentlichten Studie nur auf Rang zwölf.

2005, zum 30-jährigen Jahrestag des Streiks, gab es eine Neuauflage, bei der sogar rund 50 000 Demonstranten erschienen, und im Juli diesen Jahres erinnerte die ehemalige Präsidentin Finnbogadóttir anlässlich der Feierlichkeiten zu 100 Jahren Frauenwahlrecht in Island daran, dass noch längst nicht alles erreicht ist, was es zu erreichen gilt.

Deshalb engagieren sich die Isländerinnen weiter. Am 24. Oktober wird es wie jedes Jahr Treffen der Frauenverbände geben – und im Radio erklingt dann wieder der Song „Áfram stelpur“ – „Vorwärts Frauen“.

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