Von der Demonstrantin zur Präsidentin

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Feminismus in Island : Aufstand der Frauen
Alva Gehrmann
Vigdís Finnbogadóttir war die erste Staatspräsidentin der Welt.
Vigdís Finnbogadóttir war die erste Staatspräsidentin der Welt.Foto: IMAGO

Wie viele dem Aufruf folgen würden, ist im Vorfeld nicht abzusehen. Aber das Wetter spielt mit. Es ist mild und trocken, keine Selbstverständlichkeit im Herbst und schon gar nicht auf der größten Vulkaninsel der Welt.

Pünktlich um 14 Uhr versammeln sich zwischen 20 000 und 25 000 Frauen, sowie einige Männer und Kinder entlang der Lækjargata. Gegenüber des Amtssitzes des Premierministers hat das Komitee die Bühne aufgebaut.

Es gibt Reden und immer wieder wird das Lied „Áfram stelpur“ angestimmt. Die am meisten mitgesungenen Zeilen des Folksongs, der die Frauen beschwört, ihre Stimmen zu erheben, sind: „Aber wage ich, kann ich, will ich? / Ja, ich wage es, kann und will.“

Direktorin am Stadttheater

Auch Vigdís Finnbogadóttir singt an diesem Tag das Lied. Die damals 45-Jährige ahnt da noch nicht, dass unter anderem diese Demonstration ihr den Weg dazu ebnen sollte, fünf Jahre später die erste demokratisch gewählte Staatspräsidentin der Welt zu werden.

1975 ist sie noch Direktorin am Reykjavíker Stadttheater. Ende Oktober steht die Premiere eines neuen Stückes an, es ist also eine sehr hektische Zeit. Die Schauspielerinnen und Mitarbeiterinnen kommen vormittags zu ihr ins Büro und fragen, ob sie die Arbeit verlassen dürfen. „Das müsst ihr selbst entscheiden“, sagt Finnbogadóttir. „Ich werde auf jeden Fall hingehen.“ Also ziehen sie gemeinsam los.

„Wir hatten viel Spaß. Die Stimmung war so entspannt und voller Freude“, sagt Finnbogadóttir rückblickend beim Interview in den Nordischen Botschaften in Berlin. Die elegante, zierliche Dame sitzt im Büro des isländischen Botschafters. Von ihm und seinem Chauffeur mal abgesehen, arbeiten hier heute nur Frauen.

Das Missverständnis mit der Antike

Finnbogadóttir kann noch immer darüber schmunzeln, dass Mitte der 70er- Jahre manche außerhalb ihrer Heimat die Schlagzeile „Frauen streiken in Island“ missverstanden haben. Sie dachten, es sei wie bei „Lysistrata“, der griechischen Komödie von Aristophanes, in der die Frauen ihren Männern den Sex verweigerten, um den Peloponnesischen Krieg zu beenden.

Während die Isländerinnen marschieren, muss ein Großteil der Fabriken und Geschäfte schließen, ebenso Banken, Schulen und Kindergärten. 1975 sind in Island 60 Prozent der Frauen berufstätig.

Lediglich in den Krankenhäusern verrichten die Angestellten weiterhin ihren Dienst. „Die meisten Arbeitsstätten des Landes waren lahmgelegt“, erzählt Finnbogadóttir stolz. „Wir haben bewiesen, dass Frauen eine Säule der Gesellschaft sind – genau wie Männer.“

Die Männer müssen die Kinder abholen

Die spüren an diesem Freitag, wie es ist, wenn man sich neben der Arbeit auch noch um den Nachwuchs kümmern muss. Einige nehmen ihre Kinder einfach mit, kaufen ihnen Hot Dogs und Süßigkeiten zum Mittagessen und lassen sie durch ihre Büros toben. Bei ihnen heißt der Tag deshalb bis heute „der lange Freitag“.

Die Stimmung auf der Straße bleibt trotz des Ausnahmezustands friedlich. Die meisten Frauen haben ihre Arbeit mit Genehmigung der Chefs verlassen. Die Polizei ist nur vor Ort, um den Verkehr zu regeln.

In ihrem Gewächshaus erinnert sich Borghildur Óskarsdóttir trotzdem auch an kritische Stimmen. „Viele Männer haben uns damals nicht ernst genommen. Sie sahen uns an, als seien wir Kinder, die sich ein bisschen aufspielen wollen.“

Andere beschwerten sich, dass das Eheleben zerstört würde, wenn noch mehr Frauen außerhalb des Hauses arbeiten würden. Dass sie dort eine wichtige Rolle spielen, hat allerdings Tradition. Schließlich mussten sie die Familie und den Hof führen, wenn die Männer manchmal wochenlang auf hoher See sind – und das galt bei Fischerfamilien bis zum Ende des 20. Jahrhunderts.