"Wenn es ganz schlimm wird, haben wir Handschellen an Bord"

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Flugbegleiterin Friederike Sandow : „Wenn es ganz schlimm wird, haben wir Handschellen an Bord“
Friederike Sandow

Friederike Sandow, 30, arbeitete fast sieben Jahre lang als Flugbegleiterin für die Lufthansa. Davor und währenddessen studierte sie Politik. Heute ist sie Consultant bei der Agentur Scholz & Friends. Sandow lebt in Berlin. Stewardess wurde sie, weil sie die Welt sehen wollte. So hat sie Äthiopien für sich entdeckt und Teheran. Die Kehrseite des Berufs: Der Dienstplan wird erst einen Monat im Voraus geschrieben, Privatleben sei nur schwer planbar, sagt Sandow. Die meisten Freunde wüssten nicht mal, ob man gerade zu Hause oder am anderen Ende der Welt sei. Seit ihrer Zeit bei der Airline ist sie ungern selbst Passagier. Ständig achtet sie auf die Ansagen und das Verhalten der Crew. Zum Interview verspätet sich Sandow - sie ist mit der Bahn angereist.

Was machen Sie, wenn ein Passagier ausrastet?
Es gibt ein paar simple Griffe, die kriegt man beigebracht. Wie man jemandem den Arm auf den Rücken dreht. Wir lernen, Passagiere im Team zu überwältigen. Das klassische Beispiel ist immer der große Texaner, der zu viel getrunken hat und rumschreit. Den müssen wir mit vier Frauen im Team bändigen können. Wenn es ganz schlimm wird, haben wir Kunststoffhandschellen an Bord. Es muss jedoch viel passieren, bevor die zum Einsatz kommen. Ich war zum Glück nie in der Situation.

Kriegt man Betrunkene auch anders in den Griff?
Zuerst erkläre ich ihnen, dass sie ein bisschen einen über den Durst getrunken haben und besser auf Wasser umsteigen sollten. Wir müssen vor allem vermeiden, dass es eskaliert. Wenn uns jemand nicht mehr versteht, kann man tricksen. Dann gibt es nur noch einen winzigen Schluck Wodka für den Geschmack, den füllen wir mit Wasser auf. Oder wir bestreichen bloß den Becherrand mit Alkohol.

Das klingt, als hätten Sie es ausschließlich mit Betrunkenen und Pöblern zu tun gehabt – wird Ihnen auch mal was Nettes gesagt?
Ja, das ist das Schöne an dem Beruf – das direkte Feedback getaner Arbeit. In Boston hat mich ein junger Passagier, vielleicht Anfang 20, nach dem Flug seinen Eltern vorgestellt, weil ich so eine nette Flugbegleiterin gewesen sei. Das kommt von den unterschiedlichsten Gästen, Geschäftsleute, Familien. Ein guter Schnitt durch die Gesellschaft lobt – und genauso ist es mit denen, die man an die Wand klatschen möchte.

Passagiere haben die merkwürdigsten Unarten. Manche telefonieren im Flugzeug, andere schmuggeln Tiere im Handgepäck. Welche Marotten haben Sie erlebt?
Eine Mutter hat mal ihrem Kind auf dem Klapptisch am Sitz die Windeln gewechselt. Da essen andere! Mir dreht sich der Magen um, wenn die Reisenden ohne Schuhe zur Toilette gehen. Die wischen mit ihren Socken den Urin vom Boden auf. Manchmal hatte ich das Gefühl, dass Passagiere, sobald sie ein Flugzeug betreten, plötzlich ihr Gehirn abschalten. Die finden auf einmal die Toilette nicht mehr oder schaffen es nicht, eine ganz gewöhnliche Tür zu öffnen.

Klingt weitgehend harmlos.
Es geht schlimmer. Einen jungen Amerikaner musste ich einmal bitten, seinen Laptop auszuschalten. Der hatte ganz offen Pornos geschaut. Da waren Familien mit Kindern an Bord. Der wurde richtig sauer, empfand das als sein gutes Recht. Peinlich war ihm das gar nicht. Genau so wenig wie dem Teenager, der am Platz masturbiert hat.

Als besonders reinlich gelten Japaner, Inder haben angeblich die merkwürdigsten Extrawünsche. Können Sie schon an der Destination ablesen, ob der Flug anstrengend wird?
Das sind Stereotypen, aber die helfen mir manchmal, um mich vorzubereiten. Natürlich ist es immer etwas anderes, ob ich nach Tel Aviv fliege oder nach Nigeria oder in einer Urlaubsmaschine nach Florida. Indische Gäste sind sehr fordernd, aber auch furchtbar niedlich. Sie erkennen an, wenn man viel leistet. Doch einen Flug nach Indien schafft man nicht, ohne zwischendurch mit den Augen zu rollen. Du bist keine Minute allein und ständig zupft jemand an dir, sie haben ein anderes Verständnis von Privatsphäre. Japaner sind formvollendet freundlich, das muss ich dann aber auch erwidern. Ein direktes Nein wäre eine Beleidigung. Das kann man umschiffen. „Ich überprüfe das“, „Ich schaue, was sich machen lässt“.

In den USA hat die Flugbegleitergewerkschaft AFA kürzlich eine Umfrage durchgeführt. Demnach gaben 69 Prozent Ihrer Kolleginnen an, schon einmal sexuell belästigt worden zu sein. Ist es wirklich so schlimm?
Den vermeintlich typischen Klaps auf den Po habe ich noch nicht erlebt. Aber schon, dass jemand mir eine Visitenkarte zusteckt oder einen Spruch bringt. Ich habe dann einfach sehr unterkühlt reagiert. Das ist schwierig, weil es ja zum Job gehört, freundlich zu sein. Vielleicht nimmt man als Stewardess ein bisschen mehr schweigend hin, schon allein, um den Flug sicher zu Ende zu bringen. Doch alles hat Grenzen. Und wenn es erst beim Aussteigen passiert, kann ich anders antworten als beim Start.

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