Fußball-Lieder : Die Meistersinger von Buenos Aires

Sie gelten als die kreativsten Fußballfans, ihre Lieder werden in Stadien von England bis Italien kopiert. Die Anhänger des Vereins San Lorenzo ziehen ihre Kraft aus der Tradition – und aus einem schmerzhaften Verlust.

Stadionatmosphäre. Das Estadio Pedro Bidegain im Stadtteil Nueva Pompeya ist nur die vorübergehende Heimat San Lorenzos.
Stadionatmosphäre. Das Estadio Pedro Bidegain im Stadtteil Nueva Pompeya ist nur die vorübergehende Heimat San Lorenzos.Foto: Jorge Osuna

Pascal Deppe scheint ein gewöhnlicher Mensch zu sein. Blonde Haare, Fünftagebart, Niedersachse, in einer festen Beziehung, kaum Hobbys, wie er sagt. Er wohnt in Leipzig und hat dort lange im Rathaus gearbeitet, einer Institution der Gewöhnlichkeit. Gut, da wäre eine Sache: Wochenends dreht Deppe durch.

Er steht dann mitten in der Nacht auf, freitags, samstags oder sonntags, je nachdem wie 11 800 Kilometer entfernt die argentinische Fußballliga ihre Spiele terminiert. Deppe schaltet den Laptop an, seine Freundin schläft tief und fest neben ihm. Das Spiel beginnt.

Pascal Deppe war in Fußballstadien auf der ganzen Welt, in Marokko, Uruguay und Italien, 570 Stadien hat er gesehen, 1400 Spiele. Eine Mannschaft hat es ihm dabei so angetan, dass seine Freundin nun nachts aufwacht, wenn er durchs Zimmer schreit: „Gooooooooool!“

Diego Maradona hätte gern für San Lorenzo gespielt

Deppe liebt den Fußballverein Club Athlético San Lorenzo de Almagro, beheimatet in Buenos Aires, Argentinien. Deppe sagt, er sei außerhalb Argentiniens vielleicht deren größter Fan. Für San Lorenzo reicht er Urlaub ein, über San Lorenzo schreibt er täglich mit seinen argentinischen Freunden bei WhatsApp, wegen San Lorenzo schaltet er, wenn er nachts beim Bezahlsender Dazn die Spiele guckt, die Stimme des Moderators aus. Weil er im Hintergrund die Fans singen hören will.

„Die besten der Welt“, sagt Deppe.

Eins haben Fußballfans weltweit gemein. Sie denken gern, sie seien die lautesten, wildesten, lustigsten. Die San Lorencistas denken das auch, nur haben sie Beweise: Unter jedes neue Video, das sie von sich singend bei YouTube hochladen, schreiben Fans von anderen Klubs, dass sie San Lorenzo bewundern. „Wir singen eure Lieder in Madrid.“ Oder: „Ich bin Tottenham-Fan, aber so was habe ich noch nie gesehen.“ Und sogar Diego Maradona, der Hunderte Tribünen vom Rasen aus erlebt hat, schreibt in seiner Biografie: „Für mich sind die San-Lorenzo-Fans die genialsten der Welt. Ich hätte gern für den Verein gespielt.“ Sätze eines Mannes, der für die Boca Juniors auflief – San Lorenzos Erzrivalen.

„Was können wir tun, wenn wir so schwach sind?“

220 Millionen Euro für den Brasilianer Neymar, eine WM, die jetzt in Russland stattfindet, wo Oppositionelle weggesperrt werden. Die nächste folgt in Katar, mehr als 1000 nepalesische Arbeiter sind bereits tot, gestorben auf den WM-Baustellen. Der Fußball, hört man in diesen Tagen oft, habe den Bezug zum Alltag der Menschen verloren.

Und es stimmt ja. Die Fans der Bundesligisten protestieren gegen Montagsspiele, aber niemand hört ihnen zu. „Was können wir tun, wenn wir so schwach sind? Wir investieren jeden Tag Stunden, jedes Jahr Monate und schließlich Jahre eines Lebens in etwas, über das wir keine Kontrolle haben“, schreibt Nick Hornby in „Fever Pitch“, dem Fußballroman. Was können wir tun? Vielleicht nach Argentinien blicken, auf diesen Klub, dessen Superkraft nicht ein Mäzen ist, sondern Gesang. Dessen Trademark nicht teure Spieler oder Trainer sind, sondern Fans. Im modernen Fußball ist das eine ganze Menge.

Buenos Aires, ein Freitagabend Ende Mai. Der Regen fällt auf erhitzte Straßen, die Luft riecht nach Teer. Gabriel steuert seinen Fiat nach Nueva Pompeya, dem Stadtteil, in dem San Lorenzo derzeit seine Spiele austrägt. Er hat schwarze Haare und ein schmales Gesicht, mit etwas Fantasie erinnert er an einen Raben, das Maskottchen San Lorenzos. Gabriel ist nervös. Auf die popular local, die Tribüne der San-Lorenzo-Ultras, dürfen eigentlich nur Mitglieder des Klubs, keine Journalisten. Es wechseln nun, vor dem Stadion, 500 Argentinische Pesos, knapp 16 Euro, den Besitzer und die Welt sieht schon anders aus.