"Wir confabulieren alle"

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Gedächtnisforschung : "Ich misstraue meinen eigenen Erinnerungen"
Durch suggestive Befragung kann man falsche Erinnerungen wecken, zum Beispiel an ein Verbrechen, das nie begangen wurde.
Durch suggestive Befragung kann man falsche Erinnerungen wecken, zum Beispiel an ein Verbrechen, das nie begangen wurde.Foto: Patrick Seeger/dpa

Sie sind 29 Jahre alt und gelten als „Shootingstar der Gedächtnisforschung“. Wie kamen Sie überhaupt zu diesem Thema?
Mein Vater ist psychisch krank. Nach dem 11. September ist er komplett abgestürzt. Seine Realität war eine völlig andere als die, die wir erlebt haben. Ich wollte verstehen, wie man dasselbe so unterschiedlich wahrnehmen kann. Ursprünglich wollte ich Therapeutin werden. Doch bei einem Praktikum bekam ich Zweifel an der Methode, ich hatte nicht das Gefühl, Menschen wirklich helfen zu können. Es fühlte sich an wie Kaffee trinken gehen: einfach nett zuhören, wie ein Freund. Ich fand’s langweilig und hatte das Gefühl, mir fehlen die richtigen Instrumente. Ich wollte in die Forschung.

Und warum in London?
Für Rechtspsychologen ist England ein Traum! Ich wäre nicht überrascht, wenn es dort mehr rechtspsychologische Studiengänge gäbe als im Rest der Welt zusammen. Die englische Polizei arbeitet auch aktiv mit Akademikern zusammen. Ich glaube, die Briten sind selbstkritischer als andere, ihr Humor ist es ja auch.

Sie arbeiten als Gutachterin in Gerichtsprozessen. Was war Ihr bisher extremster Fall?
Ich sehe wahrscheinlich nur die extremen Fälle. Erst wenn etwas ganz Unglaubwürdiges passiert ist oder sein soll, kommen Anwälte auf die Idee, mich dazuzuholen. Gerade arbeite ich an einer Geschichte in Amerika. Ein Anwalt, der von seiner Tochter angeklagt wurde: Als sie zwei Jahre alt war, soll er sie vergewaltigt haben. Zudem hätte er andere Mädchen entführt, zerstückelt und im Wald vergraben. In der Therapie, in die sie sich wegen einer Depression begeben hatte, sei das alles wieder hochgekommen. Ihr Therapeut hatte ihr geraten, sich mal die Website mit vermissten Kindern anzuschauen. Angeblich hat sie zwei der dort abgebildeten Mädchen erkannt. Von da an wurde es immer expliziter. In meinen Augen ist das alles hoch problematisch.

Läuft man mit Ihrer Skepsis nicht Gefahr, niemandem mehr Glauben zu schenken – auch den echten Opfern nicht?
Man muss sehr vorsichtig sein. Andererseits kann man auch nicht sagen: Es gibt keine weiteren Beweisstücke, nur eine Erinnerung, das reicht uns. Jemand, der mir erklärt, was ihm mit zwei Jahren passiert ist – als Richter wäre mir das nicht genug.

Nicht nur die Erinnerung an die ersten Lebensjahre geht später verloren …
…. ja, bis dreieinhalb gibt es wie gesagt meist eine Komplettamnesie, bis etwa zwölf Jahren eine Teilamnesie. Der Grund dafür ist, dass sich das Gehirn in diesem Alter noch stark verändert.

Auf der anderen Seite erinnern sich Alzheimerkranke plötzlich an Details von ganz früher.
Meist aus ihrer Jugend. Zwischen 15 und 25, das sind prägende Jahre, aus dieser Zeit stammt ein großer Teil unserer Erinnerungen. Warum sind vor allem die bei Alzheimerkranken noch da? Die älteste Erinnerung verschwindet als letzte. Familienangehörige sagen oft: Meine Mutter kann sich doch noch gut an den Krieg erinnern, so schlimm kann es nicht sein! Dabei ist das eher ein schlechtes Zeichen. Denn die Menschen halten sich umso stärker an den Erinnerungen fest, die sie noch haben. Und die sie auch deshalb noch haben, weil sie so oft davon erzählt haben.

Erfinden Alzheimer-Patienten ihre Vergangenheit?
Sie confabulieren sehr oft, das heißt, sie füllen Lücken auf. So wie wir alle, aber weit dramatischer. Sie erinnern sich an einen Teil ihrer Vergangenheit, vielleicht an ein Gesicht, ein Ereignis – nur haben sie die Verbindung vergessen. Also erfinden sie spontan eine neue Verknüpfung, damit das Ganze irgendwie Sinn macht. Und das machen wir alle. Jeder hat Lücken, die er automatisch auffüllt mit kreativen Erklärungen, mit Sachen, die logisch passen.

Sie unterscheiden ja auch zwei Arten von Gedächtnis, das semantische – Zahlen, Daten, Fakten – und das autobiografische, episodische. Wie stehen die beiden zueinander?
Sie werden separat gespeichert. Dadurch kann man sie auch neu und falsch verknüpfen. Man erinnert sich an eine Reise nach Mexiko – aber verlegt sie ins falsche Jahr.

Die Menschen werden immer älter, fühlen sich in ihren 40ern noch jung. Hat das Auswirkungen?
Was man beobachten kann, ist, dass die Erinnerungen etwa nach einem Wohnungsumzug stärker sind. Wahrscheinlich weil man neue Erfahrungen macht. Je mehr neue Leute und Orte man kennenlernt, desto mehr Erinnerungen sammelt man.