Geflüchtete über ihre Heimaten : Zwei Seelen, ach, in meiner Brust

Viele Geflüchtete finden in Deutschland Aufnahme, Chancen und Integration. Doch die Wehmut über die verlorene Heimat und Gesellschaft zerreißt sie weiterhin.

Ahmad Wali Temori
Die alte Heimat ist feindselig geworden, die Fremde gab Schutz und Geborgenheit: Ahmad Wali Temori in seiner Wohnung.
Die alte Heimat ist feindselig geworden, die Fremde gab Schutz und Geborgenheit: Ahmad Wali Temori in seiner Wohnung.Foto: Ali Ghandtschi

Ich bin ein Emigrant, und der Duden ist mein Kompass durch die deutsche Sprache. Darin lese ich, dass der Begriff „Heimat“ vom Wort „Heim“ stammt und „als gefühlsbetonter Ausdruck enger Verbundenheit gegenüber einer bestimmten Gegend“ verwendet wird. Doch darin lese ich auch, dass „Heim“ ein Synonym für ein anders Wort ist: „Zuhause“. Oft höre ich, dass Letzteres auch mit dem Ausdruck „Heimat“ gleichgesetzt wird. Und genau damit habe ich ein Problem, bei dem es mir nicht bloß um die Worte geht, sondern um die Vorstellungen, die dahinter stecken.

Menschen, die stets im Frieden und Wohlstand gelebt haben, mögen sich um den Unterschied zwischen den beiden Begriffe nicht kümmern; aber jene, die Krieg und Flucht hinter sich gebracht und ein neues Zuhause in der Fremde gefunden haben, schon. Denn sie können die beiden Kategorien als zwei Gegensätze erleben, die miteinander kaum zu versöhnen sind.

Dreh- und Angelpunkt der Identität

Anders als Zuhause, das für Millionen Menschen dieser Welt eine – sei es sichere, sei es unsichere – Bleibe in der Gegenwart bedeutet, ist Heimat im genausten Sinne des Wortes jener geografische Raum, in dem sie ihre Wurzel haben. Dazu gehören allen voran das soziale Umfeld, in dem eine Person gelebt hat sowie die Kultur und Sprache, in der sie aufgewachsen ist. Heimat ist zudem ein Phänomen, das sich stark im Innenleben des Menschen abspielt: in seinen Erinnerungen, Emotionen und schließlich in Träumen.

Daher liegt es nicht fern zu sagen, dass Heimat Dreh- und Angelpunkt der menschlichen Identität ist. Ein weiterer Begriff, der im Wörterbuch als „selbst erlebte innere Einheit der Person“ und die „völlige Übereinstimmung mit dem, was sie ist oder als was sie bezeichnet wird“, definiert wird.

Hat ein Mensch eine Heimat, in der er glücklich wohnhaft ist, also in Einklang mit sich selbst und der ihn umgebenden Welt, kann er mit Stolz von einem gesunden Zustand seiner Identität sprechen. Dann gehört er nicht zu jenen, die unter tiefen Rissen und großen Widersprüchen ihres Innenlebens leiden. Wie steht es aber um jenen, der – weit weg von seinem ursprünglichen Zuhause – eine Bleibe gefunden hat, in der er sogar in Frieden, ja in einem gewissen Wohlstand lebt? Fehlt ihm das wohltuende Gefühl, mit sich und seiner Umwelt im Reinen zu sein? Kann ein Zuhause in der Fremde, so schön es auch sein mag, die Heimat in uns ersetzen?

Im Herzen von Afghanistan

Dies sind Fragen, die ich mir selbst ständig stelle. Denn auch ich gehöre zu jenen Millionen, die ihre Heimat verlassen mussten und in ein anderes Land gekommen sind. Ich habe etwa zwanzig Jahre meines Lebens in dieser Heimat, Afghanistan, verbracht. Ich war noch ein Kind, als dort die Herrschaft der Taliban gestürzt wurde und auch ich die Atmosphäre der Freiheit kosten und Mut und Hoffnung schöpfen konnte.

Bis zu diesem Zeitpunkt war für mich die Heimat nur ein kleiner Teil dieses Landes, jener begrenzte Raum, in dem ich gelebt hatte, eine von Natur gesegnete Gegend im Herzen von Afghanistan, wo grüne Bäume, frische Pflanzen und Blumen aller Art und jeglicher Farbe und Duft zuhause waren. In diesem kleinen Paradies, umgeben von einer großen Familie, von gnädigen alten Männern und Frauen und von spielenden Kindern, war ich aufgewachsen. Ich war noch zu jung und kümmerte mich nicht darum, was im weit entfernten Kabul oder sonstwo geschah. Mit dem Schwert der Taliban war ich kaum in Berührung gekommen.

Diese Moschee in Wilmersdorf erinnert mich an meine Kindheit: Mazen Abo-Ismail.
Diese Moschee in Wilmersdorf erinnert mich an meine Kindheit: Mazen Abo-Ismail.Foto: Ali Ghandtschi

Dann wurde das Land vom Joch der Gotteskrieger befreit. Ich war nun groß genug, um mich dafür zu interessieren, was in meinem Land vor sich ging. Und der Begriff „Heimat“ erweiterte sich somit in meinem Bewusstsein und meinem Gefühlsleben, er umfasste nicht mehr lediglich mein Zuhause und meine Region, sondern das ganze Land. Ich begann, an meine und die Zukunft meiner Heimat zu glauben und von einem besseren Leben zu träumen. Ich begann, mich für die politischen Vorgänge und gesellschaftlichen Veränderungen in meinem Land zu interessieren. Ich besuchte die Schule und war zutiefst davon überzeugt, dass es eine große historische Chance war, die die Weltgemeinschaft uns gegeben hatte, damit wir unsere Wunden heilen und nochmals auf die Beine kommen konnten.

Mir wurden viele Türen geöffnet

Doch als ich im Jahre 2013 das Gymnasium beendete, war Afghanistan erneut ein Schauplatz der Kriege und feindseligen Machenschaften fremder Mächte. Die Taliban waren wieder da, und die religiösen Fanatiker waren auf dem Vormarsch. Die Frauen wurden ihrer Menschenrechte beraubt, Steinigungen standen wieder auf der Tagesordnung. Zudem litt das Land unter einer rasant anwachsenden Korruption sowie Ungerechtigkeit. Niemand fühlte sich in diesem Land mehr sicher. Als ich dann selbst in Gefahr kam, entschied ich mich, mein Land zu verlassen und in dessen Boden viele meiner Träume, Hoffnungen und Wünsche zu begraben.

Ich kam nach Deutschland, und hier, in Berlin, stellte ich einen Asylantrag. Ich wurde anerkannt, lernte die Sprache, bekam ein sicheres Zuhause, einen Ausbildungsplatz, eine Arbeit und vieles mehr. Und seitdem ich in Deutschland bin, habe ich alles in meiner Kraft stehende getan, um mich in die Gesellschaft zu integrieren, und mir wurden viele Türen geöffnet. Doch das Gefühl, hier eine Heimat gefunden zu haben, die mich meine alte nicht mehr vermissen lässt, fehlt mir noch immer. Ich fürchte, dass wird sich so schnell nicht ändern. Und solange mir dieses Gefühl fehlt, trage ich Risse in meiner Seele und lebe mit vielen Widersprüchen, die mir den Schlaf rauben.

Unser verlorenes Paradies

Meine alte Heimat ist mir gegenüber feindselig geworden, es könnte tödlich für mich sein, dorthin zurückzukehren. Für mich gibt es dort keinen Platz mehr. Und nicht zuletzt quälen mich die schlechten Nachrichten, die mich jeden Tag von dort erreichen. Alles, was mir diese Heimat nicht mehr geben kann – Schutz, Geborgenheit und ein sicheres Zuhause – bekam ich hier in der Fremde. Wie viele andere auch. Aber diese großzügige Fremde kann uns nicht unser verlorenes Paradies und die Gemeinschaft zurückgeben, in der wir einst im Frieden gelebt haben. Die Fremde hat in Kürze aus uns allen entfremdete Individuen gemacht, denen die Gesellschaft, so wie wir sie gekannt hatten, fehlt. Und wir alle haben es nicht einfach, mit diesem zerrissenen Zustand der Identität zurecht zu kommen. Wir tragen zwei Seelen in unserer Brust, die ständig miteinander im Kampf sind.

Wir können unsere alte Heimat lieben oder hassen. Aber unabhängig davon, wie wir zu unserer alten Heimat stehen: Wir sind nicht dazu in der Lage, sie aus unserem Bewusstsein zu löschen. Ich lebe jetzt seit knapp drei Jahren in Deutschland. Und so empfinde ich bis heute. Die Einsamkeit ist ein Gefühl, das in beiden Seelen in mir zuhause ist. Welche Seite aus diesem Widerspruch als Gewinner hervorgeht, wird sich erst mit der Zeit zeigen. Vielleicht gelingt es ja doch, dass aus der Fremde irgendwann einmal eine Ersatzheimat wird, die meine Wehmut und die Trauer um meine verlorene Heimat verblassen lässt.

Aus dem Farsi von Massum Faryar. Der Autor (23) stammt aus Afghanistan und ist seit 2016 in Deutschland. Seit Mai 2017 ist er Volontär der Medienanstalt Berlin-Brandenburg bei ALEX Berlin.Dieser Text entstand im Rahmen des Exiljournalisten-Projekts des Tagesspiegels #jetztschreibenwir. Am 16. Juni erscheint eine neue Beilage der Exiljournalisten zum Thema „Heimaten“ (in Print und im E-Paper) am selben Tag findet im Tagesspiegel-Haus, Askanischer Platz 3, ab 17 Uhr eine „Heimaten-Feier“ statt.