Gegen den alltäglichen Antisemitismus : Wir werden nicht weichen – und wir geben keine Ruhe!

Nicht erst seit dem Anschlag von Halle ist Haltung gefragt. Was denken und fühlen Betroffene von Antisemitismus? Und: Was wünschen sie sich? Ein Zwischenruf.

Vater und Tochter. Auf den Arm des Vaters ist das Weggebet (Tefilat haderech) tätowiert.
Vater und Tochter. Auf den Arm des Vaters ist das Weggebet (Tefilat haderech) tätowiert.Foto: Rafael Herlich

Sechs Millionen! Sechs Millionen Menschen. Leben. Lieben. Sie wurden ermordet. Was für ein Schicksal. Obwohl – Schicksal. Was für ein Wort. In den meisten Kulturen gilt das Schicksal als unausweichliche Bestimmung. Der Entscheidungsfreiheit des Menschen entzogen.

Von einer höheren Macht Verhängtes. Nein, das trifft es nicht. Nicht in diesem Fall. Nicht im Fall der sechs Millionen Juden, die von Deutschen geschlagen, entrechtet, geschändet, ums Leben gebracht worden sind. Millionen von Todesopfern – und bis heute ist das Leben all der einzelnen Menschen, die danach kamen, nach der Schoah, entscheidend davon bestimmt.

Bis heute. Der Antisemitismus kennt kein Ende. Und keine Grenzen. Er grassiert. Auch in Deutschland wieder, das doch ein so ganz anderes Land geworden zu sein scheint. Oder schien? Die Fälle dieser Jahre, Monate, Wochen, Tage seither haben eine Gestalt und Dichte angenommen, die erschreckt. Das Böse tritt wieder offen zutage, Gewalt gegen Juden ist an der Tagesordnung. Und jede zweite Woche wird ein jüdischer Friedhof geschändet.

Geschändet: Das Wort beinhaltet „Schande“. Und das ist es: eine Schande. Das Land, dieses Land, das inzwischen wieder zusammengewachsene Deutschland, seit 30 Jahren vom Glück der Wiedervereinigung verfolgt, wird beschämt. Weil Juden in ihm wohnen. In ihm leben wollen.

Nach allem, was war. In „beschämt“ wartet das Wort Scham darauf, entdeckt zu werden. Neu entdeckt zu werden, denn Scham ist ein Gefühl, ein quälendes – und so viel mehr für den, der und die sich darauf einlässt: das Bewusstsein zu schaffen, das Sich-bewusst-machen, mindestens gefehlt zu haben. Wenn nicht gar versagt zu haben in moralischer Hinsicht.

Unsere gemeinsame Geschichte verlangt Moral

Ja, die Moral von der Geschicht', sagt man auch so leichtfertig. Richtig ist: Diese Geschichte, unsere Geschichte, eine gemeinsame, unteilbare, unleugbar, verlangt Moral. Darum diese Themenseite: Sie soll Haltung zeigen und Position beziehen. Sie soll Betroffene zu Wort kommen lassen.

Um uns alle, jüdisch, evangelisch, katholisch, muslimisch, buddhistisch, jesidisch, hinduistisch, gleichviel, betroffen zu machen im besten Sinn: Wir sind die Gesellschaft von heute, im Wissen um die von gestern, verantwortlich für die von morgen.

Das Lexikon hält Zeitgeschichte fest. Für einen Augenblick, zum Innehalten und zur Selbstvergewisserung: 1947, heißt es da, stellte die US-amerikanische Militärregierung im Rahmen einer Befragung in ihrer Besatzungszone fest, dass rund 40 Prozent der deutschen Bevölkerung entschiedene Antisemiten und nur 20 Prozent weitgehend frei von Ressentiments seien. Das ist lange her? Ja, lange her.

Wenn es nur so wäre. „Die Anti-Defamation-League stellte gemäß einer Umfrage aus dem Jahr 2014 in mehr als 100 Ländern (4.161.578.905 Erwachsene) fest, dass weltweit davon 26 Prozent – mehr als eine Milliarde Menschen – antisemitisch eingestellt sind. 35 Prozent der Menschen haben noch nie vom Holocaust gehört. 41 Prozent glauben, dass Juden Israel gegenüber loyaler sind als ihrem eigenen Land gegenüber. 74 Prozent der Menschen in der Türkei, im Nahen Osten und in Nordafrika sind demnach antisemitisch – der höchste regionale Prozentsatz der Welt. Von den Menschen, die antisemitische Ansichten vertreten, haben 70 Prozent noch nie eine jüdische Person getroffen.“ Noch nie eine jüdische Person getroffen …

Antisemitismus ohne Juden, geht’s noch? Wenn die, die sie ablehnen oder schmähen, doch nur einen getroffen hätten. Oder wenn sie es doch besser wüssten, was denen angetan worden ist und wird.

Wir werden nicht weichen, wir geben keine Ruhe

Hier, auf dieser Themenseite, sind sie anzutreffen: jüdische Persönlichkeiten. Melden sich mit ganz unterschiedlichen Facetten zu Wort. Machen nach-denklich und, im besten Fall, vor-denklich. Was bedeutet: Den einzelnen, sehr unterschiedlichen Autoren zu folgen, ihre Gedanken mitzudenken, sie nachzudenken, um zu verstehen – und dann vorauszudenken. Es muss verhindert werden, dass Geschichte sich, was bestritten wird, doch wiederholt. Sei es nur schon in Ansätzen.

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Wie erkenne ich Antisemitismus?
Wie erkenne ich Antisemitismus?

Denn er ist nicht zu leugnen, der Hass auf Juden, die Ablehnung des Jüdischen, wo immer es zu sehen ist. Es zeigt sich in den Schändungen von jüdischen Friedhöfen, den judenfeindlichen Schmierereien, der Leugnung des Holocausts, den Anschlägen auf Synagogen, den Beleidigungen, der körperlichen Gewalt gegen Juden. Immer wieder, immer mehr.

Und das ist noch die direkte, die offensichtliche Form des Antisemitismus – ihr zu begegnen, zu entgegnen, ist das eine. Das andere ist die indirekte, die verhüllte Ablehnung. Dabei ist sie nicht minder gefährlich.

„Geschichte ist die Voraussetzung der Gegenwart“, wusste der damalige Bundespräsident Roman Herzog, ein ehemaliger Verfassungsgerichtspräsident, und er sagte zur Einführung des Holocaust-Gedenktags im Jahr 1996, „dass der Umgang mit der Geschichte damit auch zum Fundament der Zukunft wird“. Wir, betonte Roman Herzog schon vor Jahrzehnten, „wollen nicht unser Entsetzen konservieren. Wir wollen Lehren ziehen, die auch künftigen Generationen Orientierung sind“.

Diese Worte gelten fort, sind Richtschnur und Ermahnung. Denn es geht nicht um die Schuldfrage, nicht mehr. Die ist geklärt. Es geht um Verantwortung. Und darum, in diesem Land in dessen Verantwortung einzutreten, Verantwortung im Wortsinn zu übernehmen, um sie an die Jugend, in die Zukunft weiterzureichen. Noch einmal Roman Herzog: „Die künftige Verantwortung der Deutschen für das ,Nie wieder!’ ist besonders groß, weil sich früher viele Deutsche schuldig gemacht haben.“

Auch darin findet sich der Sinn dieser Themenseite. Sagen wir so: Wir bringen es zur Sprache und erinnern damit uns und andere an den Wert der Vielfalt und daran, wie einfältig der Antisemitismus ist. Wir werden nicht weichen. Und wir geben keine Ruhe.

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