Die Kamera ist selber wie ein Fenster

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Geheimnisvoll und verführerisch: Fenster : Aussichtsreich
Fenster, Fenster und noch mal Fenster. Seit Jahren ist die New Yorker Fotografin "besessen" von ihrem Motiv, wie sie sagt. Hier: ein Haus in Paris.
Fenster, Fenster und noch mal Fenster. Seit Jahren ist die New Yorker Fotografin Gail Albert-Haliban "besessen" von ihrem Motiv,...Foto: Gail Albert-Haliban/Edwynn Houk Gallery

Allerdings zeigen Künstler die Fenster in ihrer ganzen Ambivalenz. Denn schützen diese einerseits vor Regen, Lärm und ungebetenen Gästen, sind sie doch andererseits zerbrechlich, stellen den Menschen bloß. Vor allem ältere Bewohner, hat der Berliner Fensterputzer Lars Nickel festgestellt, kommen mit den heute angesagten bodentiefen Fenstern nur schwer zurecht. „Sie sind es nicht gewohnt, immer auf dem Präsentierteller zu stehen.“

Als Augen eines Hauses werden Fenster seit jeher bezeichnet; wie echte Augen können auch sie ihre Lider in Form von Jalousien oder Läden öffnen und schließen. Umso brutaler wirkt es, wenn sie für immer zugemauert sind. Depressiv machen auch jene Öffnungen, die selbst tagsüber mit schief hängenden, vergilbten Vorhängen verschlossen werden.

Gail Albert-Halaban ist nicht die einzige Fotografin, die der Blick durch den Fensterrahmen fasziniert. Die Geschichte des Mediums ist voll davon, erfährt der Besucher der Ausstellung mit dem schlichten Titel „Das Fenster“, die gerade in der Berliner Galerie Johanna Breede zu sehen ist (Fasanenstraße 69, bis 13. Juni). 50 Aufnahmen, von 24 Fotografen, und wenn ein Bild verkauft wird, kommt ein neues an die Wand, die Auswahl ist groß. „Die Kamera selbst ist ja wie ein Fenster“, erklärt die Galeristin die Affinität. Auch wissen Lichtbildner das Licht- und Schattenspiel der rechteckigen Konstrukte, vor allem jener mit Sprossen, besonders zu schätzen.

Ach ja, die Rechtecke. Daniel Libeskind würde sie am liebsten abschaffen. Als der Architekt kürzlich im Tagesspiegel-Interview kräftig mit der Berliner Baupolitik abrechnete, monierte er auch die Eintönigkeit der vertikalen Fenster in der Stadt. In der Tat, mittlerweile gleichen sich vor allem die größeren Neubauten aufs Verblüffendste. Reihenweise stehen die Fenster, so hoch wie schmal, stramm wie Soldaten. Der Trend hat inzwischen sogar einen Namen, Schießschartenarchitektur. Anschaulichste Beispiele: BND und neues Innenministerium. Wobei der Architekt Wilfried Kuehn noch eine andere Erklärung hat: Er führt die Verbreitung des Modells auf die genormte Bürobreite zurück. Da kann man aus Einer- schnell Zweier- oder Dreierbüros und umgekehrt machen, ohne Fenster versetzen zu müssen.

„Als Mittler zwischen innen und außen“ und wesentliches Gestaltungselement sind Fenster Kuehn extrem wichtig. „Unsere Auftraggeber geben einiges dafür aus.“ Viele Häuser, etwa im sozialen Wohnungsbau, sehen seiner Meinung nach gerade deshalb so armselig aus, weil die Fenster zu klein sind. Die, die er einem Chalet am Hang in Bad Gastein verpasst hat, sehen ganz anders aus: versetzte Panoramafenster, auch an der Decke und übers Eck, die spektakuläre Blicke in die Landschaft und den Himmel öffnen. Bilder braucht es da keine mehr an der Wand, darauf haben die Hausherren verzichtet. Der Architekt hat das Bild von den Augen des Hauses wörtlich genommen: Ist vorne das Gesicht, wird die Rückseite zum verschlossenen Hinterkopf. Die Fenster liegen plan in der Fassade, die Architektur selbst, so Kuehn, ist der Rahmen. Allerdings sind die riesigen Fenster (2,5 auf vier Meter) mit hochwertigem Sonnenschutzglas „fast so schwer wie ein Kleinwagen“. Öffnen lassen sie sich nicht. Für die Lüftung sorgen aufklappbare Holzkästen.

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