Geschichte eines jahrelangen Missbrauchs : Er war mein Vater

„Dädi sagte, das braucht keiner zu wissen. Ich betete und hoffte, dass er nie wieder in mein Zimmer käme.“ Dies ist die Geschichte von Bruno K. und einem jahrelangen Missbrauch – in expliziten, schockierenden Worten. Es sind seine eigenen.

Erwin Koch
Bruno K., 28 Jahre alt, war vielleicht zehn oder elf als sein Vater zum ersten Mal in sein Zimmer kam und seine Hose öffnete.
Bruno K., 28 Jahre alt, war vielleicht zehn oder elf als sein Vater zum ersten Mal in sein Zimmer kam und seine Hose öffnete.Foto: Martin Zünti

Hätte es geregnet, hätte ich es nicht getan. Oder später vielleicht.

Ich tat es am 24. Juni 2014 – hier steht es geschrieben. Stünde das Datum nicht in den Akten, ich hätte es vergessen. Es ist wohl mein Glück, dass ich vieles vergaß und noch immer vergesse.

Ich habe vergessen, was ich mit meiner Mutter sprach, als sie mich besuchte in der Psychiatrischen Klinik am Zugersee. Habe vergessen, ob mein Vater, als ich klein war, mich je streichelte oder lobte oder liebte.

Hätte es geregnet an jenem Tag, wäre ich nicht nach W. geradelt, fünf Kilometer hin, fünf zurück.

Soll ich vorlesen?

Am Dienstag, 24.06.2014, 21.16 Uhr, meldete Bingisser Leo, dass es zwischen Ihnen und Ihrem Vater, K. Hans-Josef, in W. zu einem Streit gekommen sei und die Gefahr bestehe, dass es zu einer tätlichen Auseinandersetzung kommen könnte. Sie wurden dann durch die ausgerückte Polizeipatrouille in W. als Lenker eines Fahrrades im Bereich der Bushaltestelle Eschenmattli angehalten. Ist das richtig so?

Damals, ich war 24, hatte ich ein Zimmer an der Hauptstraße von Einsiedeln – berühmtes Kloster, schwarze Madonna, Tausende von Pilgern –, ich lag in meinem Zimmer an der Hauptstraße, der Psychi entkommen, arbeitslos, von Beruf bin ich Spengler und Landwirt, ich lag und kiffte und dachte über mein Leben nach – ich weiß nicht, was ich dachte. Plötzlich kam ich auf die Idee, ihn zu besuchen, meinen Vater in W., auf der anderen Seite des Sees, wo ich Kind gewesen war. Ich stand auf, nahm mein Rad und fuhr hinauf zum Kloster, das auch eine Stallung besitzt, einige Dutzend Pferde darin. Dort hatte ich, ein halbes Jahr zuvor, gearbeitet, in den Ställen des Klosters und in seiner Kellerei.

Vielleicht hatte ich Angst vor ihm. Vielleicht wollte ich eine Waffe, etwas, das mich stark machte.

Ich wusste, wo im Kloster der Blackenstecher steht, ein schmales Gerät, am unteren Ende mit zwei scharfen Spitzen versehen, das man in die Erde drückt, um Blacken aus dem Boden zu stechen, Sauerampfer, ein elendes Unkraut. Ich band das Ding ans Rad und fuhr über die lange Brücke hinüber nach W., wo der Vater wohnte, meine Mutter, noch hatte ich einen Schlüssel zu ihrem Haus.

Mutter wollte, dass ich Ministrant werde

Neulich fragte der Psychiater, was für ein Kind ich gewesen sei. Was für ein Kind – ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass ich am liebsten bei meinen Onkeln war, Alois und Frowin, die ein paar Kühe hatten und einige Ziegen. Dass ich am liebsten fort war, nie zu Hause, wo in der Stube ein Kreuz hing und ein Bild, darauf ein Clown, Tränen im Gesicht, so ein Scheiß.

Meine Mutter war im Kirchenchor, der Vater im Musikverein, sie Arzthelferin, er Versicherungsagent, manchmal, wenn er von der Arbeit kam, gab er ihr einen Kuss. Mama betete oft und lange, Dädi schwieg, manchmal reichte sie ihm die hölzerne Kelle, um mich zu schlagen.

Was für ein Kind ich gewesen sei?

Am 7. März 1989 kam ich im Spital Einsiedeln auf die Welt. Mama sagte einmal, als Baby hätte ich ständig geheult. Ich sei nicht zu trösten gewesen. Den Keuchhusten hätte ich gehabt. Ich weiß noch, dass wir sonntags zur Kirche gingen, meine Eltern, die zwei Schwestern und ich, wo die Knochen von irgendwelchen Heiligen unter Glas stecken und im Chor, an die Wand gemalt, ein Rudel Engel zirpt, alle mit spitzen Flügeln. Am liebsten war ich bei den Kühen und Ziegen. Bei den Onkeln, die mich lehrten, Traktor zu fahren, Gabelstapler, Mäher.

In der Schule riefen sie mich, weil ich damals ziemlich dick war, Gummelsack, Kartoffelsack.

War mir egal. Der Psychiater fragte, was ich als Kind nachts träumte? Es fiel mir nichts ein.

Mutter wollte, dass ich Ministrant werde, also wurde ich Ministrant in der Kirche von W., plapperte die Gebete, die zu plappern waren, ich glaube an Gott, den Vater, den Allmächtigen, den Schöpfer des Himmels und der Erde, und an Jesus Christus, seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn, empfangen durch den Heiligen Geist, geboren von der Jungfrau ... Sechs Jahre Unterstufe in W., dann drei Jahre Oberstufe in Einsiedeln.

Er sagte, es tue ihm leid, was geschehen sei

Den Blackenstecher löste ich vom Rad, öffnete die Tür zu Vaters Haus, Mutter war nicht da, er am Duschen. Dädi, wir gehen spazieren, zieh eine Unterhose an.

Was ist los?

Mach schon, sagte ich, wir gehen ins Dorf.

Er zog die Unterhose an. Ich glaube, er sagte dann, es tue ihm leid, was geschehen sei, aber immerhin habe er mich besucht, als ich einst im Kinderspital lag.

Mach schon.

Dann verließen wir das Haus, er vorn, ich hinten, den Blackenstecher in meiner Hand. Wir gingen hinunter zur Seestraße, links die Stickerei Steinauer, rechts eine Wiese, dahinter der See, spazierten vorbei am Friedhof, wo auf allen Steinen die gleichen Namen stehen, Kälin, Schönbächler, Birchler, Gyr, vorbei am Schulhaus, am Gasthaus Schlüssel, Hecht aus dem Sihlsee, vorbei am Dorfladen. Vor dem Dimmerbach bogen wir in die Gasse ab, rechts die Schreinerei Paul Schönbächler, links die Engros Sport-Fisch GmbH, nahmen dann die Satteleggstraße zurück zur Kirche und trotteten von dort nach Hause, wieder vorbei an Gasthof und Schulhaus, er vorn, ich hinten, ich warf ihm den Schlüssel hin, hier, du Sauhund, band den Blackenstecher ans Rad und machte mich auf den Weg nach Einsiedeln, es war Abend, noch hell. Bei der Bushaltestelle saßen zwei Kollegen, ich setzte mich zu ihnen – dann kam die Polizei.

Es ging mir gut.

Es ging mir gut.

Herr K., anlässlich der Tatbestandesaufnahme äußerten Sie sich gegenüber den Polizeifunktionären, dass Sie von Ihrem Vater, K. Hans-Josef, in der Kindheit und Jugendzeit wiederholt sexuell missbraucht worden seien. Dazu drängen sich weitere Ermittlungen auf, und Sie werden diesbezüglich als Auskunftsperson (Opfer) einvernommen. Haben Sie den Grund der Einvernahme verstanden und sind Sie in der Lage, der Einvernahme zu folgen?

Mein Vater hat mich in den Arsch gefickt

Das war, wie ich hier lese, zwei Tage nach dem Gang durchs Dorf, Akte 10.2.01, Seite 1, Polizeiliche Einvernahme, 26.06.2014. Mit niemandem hatte ich je darüber gesprochen, erst in der Psychi, elf Jahre nach dem letzten Übergriff, als er mich in den Arsch fickte.

Es gibt andere Worte dafür ...

Aber das sind nicht meine. Mein Vater hat mich in den Arsch gefickt. Da war ich 14. Er kam zum Samenerguss, als er noch in mir war. Ich musste anschließend sofort auf das WC, um den Samen, den er in mich hineingeschossen hatte, wieder rauszubekommen. Als ich vom WC kam, war mein Vater nicht mehr im Zimmer.

Frage 53: Schildern Sie mir, was sich genau ereignet hat, bis Ihr Vater mit dem Penis in Sie eingedrungen ist?

Ich habe mich nicht zur Wehr gesetzt. Er befahl, mich nach vorne über das Bett zu beugen. Ich glaube nicht, dass ich mir die Badehose selber heruntergezogen habe. Er zog mir diese runter und drang in mich ein.

Frage 54: Wie war Ihr Vater bekleidet?

Wahrscheinlich mit Badehose und T-Shirt. Ich weiß es aber nicht mehr genau.

Frage 55: Benützte Ihr Vater ein Gleitmittel?

Nein.

Frage 56: Hatten Sie danach Ausfluss oder Blut im Stuhl?

Das weiß ich nicht mehr. Ich hatte Schmerzen, während er in mich eingedrungen ist, und ich hatte auch später noch Schmerzen.

Frage 57: Welche Bewegungen machte er, während er in Sie eingedrungen ist?

Er steckte zuerst seinen Schwanz in mich hinein und wichste gleichzeitig mit der Hand, bis er kam. Er spritzte ab, als er noch in mir war. Es ist das erste Mal, dass ich jemandem so genau erzähle, was passiert ist.

Frage 58: War der Penis von Ihrem Vater schon steif, als er ins Zimmer kam?

Das weiß ich nicht. Ich musste mich über das Bett beugen, und er drang in mich ein.

Frage 59: Wieso haben Sie sich nicht gewehrt?

Er war mein Vater. Er hat mir angedroht, dass er meiner Mutter sagen werde, dass ich rauche. Mein Vater wusste, dass ich rauche. Und ich dachte, wenn ich ihn machen lasse, lässt er mich in Ruhe.

Frage 60: Wie war der weitere Verlauf der Ferien?

Normal. Da war ich 14, Mitte Juli 2003 – elf Jahre später holte ich den Blackenstecher.