Nach vier Wochen betritt er wieder den Park

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Gewalt im Görlitzer Park : Ohne jede Warnung
Raul Zelik
In einer Samstagnacht wurde unser Autor im Görlitzer Park in Kreuzberg überfallen.  
In einer Samstagnacht wurde unser Autor im Görlitzer Park in Kreuzberg überfallen.  Doris Spiekermann-Klaas

In den ersten Wochen traue ich mich nicht in den Park. So instabil wie die Statik der Gesichtsknochen ist auch die Psyche; erst allmählich festigt sich dank der eingeschraubten Titanplatten auch wieder die Selbstwahrnehmung. Doch meine Frau geht mögliche Zeugen suchen und befragt die meist afrikanischen Männer, die auf den Parkbänken herumsitzen. Den Überfall hat keiner von ihnen gesehen, aber ihre Antworten sind trotzdem erhellend. Sie hätten nachts auch Angst, sagt einer, es gebe Leute, die würden sie zusammenschlagen und ausrauben.

Junge Männer aus Berlin.

Nach vier Wochen, ich kann immer noch nicht wieder kauen, betrete ich zum ersten Mal wieder den Park. Es ist frühlingshaft, sonnig, in diesem Fall für die Jahreszeit zu warm. Der „Görli“ stresst mich sofort; allerdings nicht wegen der Erinnerungen. Mich stören die Menschenansammlungen, Bauzäune, Müllberge, Touristengruppen, freilaufenden Hunde. Trotz des allgemeinen Herumhängens strahlt der Park etwas Nervöses aus. Zufällig treffe ich eine Freundin und berichte, was mir passiert ist.

Meine Geschichte habe ich mittlerweile sicher 50 Mal erzählt, und mit jedem Mal fühle ich mich etwas sicherer. Abstand durch Annäherung. Irgendwann stelle ich dann die Vermutung an, der Drogenhandel verursache die Gewalt zwar nicht, die Dealer hatten mit dem Überfall schließlich nichts zu tun gehabt; doch er ziehe sie zumindest an. Dort, wo illegale Geschäfte abgewickelt würden, gebe es auch Gruppen, die mit Gewalt abkassieren wollten. Doch die Freundin hat einen entwaffnend einfachen Einwand: Ob ich mich nicht daran erinnern würde, dass es vor 20 Jahren im damals noch recht leeren Görlitzer Park auch regelmäßig zu Überfällen und Vergewaltigungen kam – ohne Drogenhandel? Und eine weitere Freundin, die sich dazugesellt hat, fügt hinzu, dass sie nachts nur dort durch den Park fährt, wo besonders viele Dealer stehen. Weil diese auch ein Schutz sein könnten.

Mein Versuch, die Angst örtlich einzuhegen, scheitert. Das Problem ist diffuser und beunruhigender: Es hätte mich überall treffen können. Auf dem Alex, vor einer Disco, nach einem Fußballspiel auf der Straße, selbst im schicken München-Solln. Erstaunlich viele Bekannte erzählen, dass sie schon einmal zusammengeschlagen wurden. Offensichtlich gibt es zu viele Männer, die auf Gewalt und Erniedrigung anderer stehen.

Trotzdem habe ich das Gefühl, mit der Situation umgehen zu können. Die letzten Jahre habe ich in Medellín gelebt, einer Stadt, der der Ruf als „gewalttätigste Metropole“ der Welt anhängt. Dort trainiert man sich an, die Umgebung ständig nach Angreifern abzusuchen. Sobald Unbekannte auftauchen, wechselt man Straßenseite, Tempo, Richtung. Das Ergebnis ist allgemeines Misstrauen. Normale menschliche Beziehungen werden blockiert, die Stadt als sozialer Ort zerstört.

Dieser permanente Alarmzustand, den ich aus Kolumbien kenne, begleitet mich nun auch in Berlin. Ich überlege, welche Route ich fahre, welchen Menschenansammlungen ich nicht begegnen möchte, auf welchen Straßen es zu leer sein könnte. Der Schrecken hält sich in Grenzen, aber die Freude an der Stadt ist weg.

Das Schlimmste an der Gewalt ist, dass sie das Soziale zerstört.

Der Autor ist Schriftsteller in Berlin und Professor für Politikwissenschaften in Medellín, Kolumbien. Zuletzt erschien sein Roman „Der Eindringling“ (Suhrkamp).

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