Färbestopp: eine Geste des Ungehorsams

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Granny-Look : Ihr graut’s
Auch Rihanna tönt ihre Harre Anthrazit. Dabei war graues Haar bis vor Kurzem noch ein Grund, sich zu schämen.
Auch Rihanna tönt ihre Harre Anthrazit. Dabei war graues Haar bis vor Kurzem noch ein Grund, sich zu schämen.Foto: imago

Mit der größtmöglichen Schärfe hat einst Susan Sontag über diese Abwehr geschrieben. Über den doppelten Standard des Alterns, so der Name ihres Essays, der willkürlich Unterschiede zwischen Frauen und Männern macht. Frauen werden fürs Altern bestraft. Die Dame in Grau erfährt den Widerwillen, ja den „Ekel“ ihrer Zeitgenossen, und die Frage „Wie alt sind Sie eigentlich?“ provoziert Demütigung.

Sontag riet deshalb dringend, über die Zahl der Jahre nicht (!) zu lügen. Sich nicht zu verstecken, die eigenen Stärken nicht klein zu reden. Sie riet außerdem, Kleider zu tragen, die Taschen haben. Man ist beweglicher und schneller, ohne eine Last auf den Schultern. Ihre Haare färbte Sontag dunkel, ließ jedoch eine flammende weiße Strähne frei. „Wie Djagilew“, hat die Essayistin Joan Acocella einst bemerkt. Also wie jener legendäre Gründer und Impresario des Ballets Russes, der seinen Freunden schrieb, die Leute hätten sich am Rande eines Boulevard in Paris auf Stühle gestellt, um ihn Arm in Arm mit Oscar Wilde flanieren zu sehen.

Grau kann sich also zur exzentrischen Geste des Ungehorsams wandeln. Zu einer feinen Spur des Eigensinns gegen den Deal des Patriarchats.

Soll sie – die Frau als solche – ihr Alter ruhig noch ein paar Jahre mit Kolorierungen zuklecksen. Irgendwann wird sie sich auch diese Mühe sparen können. Das war die Maßgabe. So war es abgesprochen mit dem Patriarchat. Kaum zu glauben. Wie weit das mittlerweile weg ist! Wie absurd es heute aussieht, sich dieser Depression und Platzanweisung noch zu fügen.

Machen graue Haare Frauen unsichtbar?

Ein stilgebendes Beispiel bietet Sophie Fontanel, eine in Frankreich und auf Instagram berühmte Stimme der Mode, die niemals ein Geheimnis aus ihrem Alter gemacht hat. Sie ist heute 54 und könnte Gefahr laufen, dass Leute sie im Vorübergehen auf 70 schätzen. „Sollen sie!“ In einem Interview auf Youtube zuckt die Journalistin und Schriftstellerin lachend mit den Schultern. Was ändert die Fehleinschätzung schon am eigenen Leben? In Wahrheit nichts.

2015 hat sie aufgehört zu färben. Seitdem hat das Silbergrau Zentimeter für Zentimeter von ihrem Schopf Besitz ergriffen. Ironischerweise liegt darin eine Rückkehr, denn die Geschichte ihrer Haare begann mit einer weißen Strähne.

12, 13 sei sie gewesen, und sie habe diese Strähne geliebt, sagt Fontanel in die Kamera. Später, mit 26, hat sie die Strähne koloriert. Sie sah damit jünger aus. Mit 26 ist das ein unwiderstehliches Angebot. Heute, mit 54, ist es das nicht mehr. Jedenfalls nicht unbedingt. Mögen die Sozialpsychologen sich noch so sehr darüber wundern.

Die Anzahl ihrer Follower, die Frequenz der Interviewwünsche steige seit dem Färbestopp, sagt Fontanel. Eine Freundin nehme es ihr jedoch übel und komme über die fehlende Kolorierung nicht hinweg. So, als habe sie aufgehört, sich täglich zu duschen und sei im Begriff, die Selbstachtung sinken zu lassen. Die Männer, befürchtet die Freundin, könnten durch sie hindurchsehen. Graue Haare machten unsichtbar. Ihr selbst fehle der Mut zu einem solchen Schritt.

Grau ist nicht länger ein Nichts, sondern eine Farbe

Das Wort Mut könnte man für maßlos übersteigert halten, wäre nicht klar, wie mächtig das Signal der Haare ist, wie eng mit dem Thema Weiblichkeit verflochten. Therese Vahlberg, die junge Koloristin in Berlin, bedauert, wie verzweifelt Frauen sich noch allzu oft gegen den an sich beiläufigen Vorgang des Ergrauens wehren. Welch schweren, traurig einheitlichen und dem individuellen Hauttyp völlig zuwiderlaufenden Anstrich sie sich zumuten.

Vahlberg würde diesen Frauen sagen, dass es nicht genügt, das Grau einfach los zu werden. Es sei das falsche Motiv, weil es am eigenen Körper nichts als Verarmung erkennt. Nicht selten schlägt sie vor, noch mehr Grau in die Haare zu tun, das eigene Grau durch geschickte Nuancierungen erstrahlen zu lassen.

Es ist der Blick, der in einem grauen Scheitel etwas anderes sehen kann als Abschied und Verlust, gegen den Therese Vahlberg anarbeitet. Ähnlich wie Sophie Fontanel, die sagt, dass „die Schönheit oft weit entfernt von den Bildern auftaucht, mit denen wir gelernt haben, sie zu identifizieren. Sie ist reicher, sehr viel komplexer, als wir glauben.“

Grau ist nicht länger ein Nichts, sondern eine Farbe. Ein mögliches Abenteuer. Es muss sich nicht verbergen und unterordnen. Muss sich nicht mehr an alte Absprachen halten. Grau passt zu weißen T-Shirts und schwarzem Samt, zu Jeansjacken und einem Kleid von Valentino.

Im Grunde zu allem. Nur nicht zur Angst vor dem eigenen Leben.

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