Der Weg durchs Schloss ist eine Zeitreise

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Harz : 48 Stunden im sommerlichen Wernigerode
Kaltblutfahrt durch das Zentrum.
Kaltblutfahrt durch das Zentrum.Foto: Michael Bader

14 Uhr

Der Blick auf die Stadt ist von hier oben ein erhabener. Wo heute Selfies auf der Sommerterrasse gemacht werden, schritt 1868 König Wilhelm I. durch das mächtige Eingangsportal. Auch das kleine Gespenst spukte hier, zuletzt vor fünf Jahren, als der Innenhof als Filmkulisse diente. Seitdem schlummert es in seiner Truhe auf dem Dachboden, der auf einer Turmführung zu besichtigen ist (rechtzeitig buchen!). Der Weg durchs Schloss ist eine Zeitreise durch die Stile der letzten Jahrhunderte, vorbei am mit Japanleder bespannten Arbeitszimmer des Grafen, durch die neue Bibliothek in die Gemächer der Gräfin Anna, die sich im Festsaal auch als Malerin verewigte. Im Billardzimmer schaut Reichskanzler Otto von Bismarck prüfend auf die Eintretenden herab. Ein interessanter historischer Verweis, denn seine Idee zur Befriedung der Arbeiterschaft durch eine Sozialgesetzgebung stammt ursprünglich von seinem Stellvertreter, dem Schlossherrn Otto Graf zu Stolberg-Wernigerode, der in diesem Zusammenhang selten Erwähnung findet. Wie so oft in der Geschichtsschreibung kein feiner Zug.

16 Uhr

Prime Time im Café Wieker am Marktplatz, alle Tische sind besetzt. Trotz sehr beeindruckender Kuchenauslage: An den Käsekuchen im Louisen-Café reicht dieser hier (mit Rosinen, leicht zitronig) nicht heran. Von der Breiten Straße strömen Horden an Menschen herbei. Um der Völkerwanderung zu entgehen, lohnt ein Abstecher in die Hinterhöfe. Vergleichbar mit Berlin tut sich dort eine neue Welt auf, voll mit Fachwerk eingefasster Gärten und kleiner Geschäfte. Nicht alle sind von der Straße aus zugänglich: Im Antiquariat Schulze (Westernstraße 10) führt eine Tür in der Kinderbuchecke in ein solches Kleinod, aber bitte vorher fragen.

18 Uhr

Die Auswahl an Essensmöglichkeiten ist so unübersichtlich wie in Kreuzberg. Kerstin Nagy, Geschäftsführerin im Hotel am Anger, empfiehlt das Orchidea in der Klintgasse 1. Gastgeberin Huong Thanh Trute hat das alte Haus für 1,5 Millionen Euro behutsam restauriert und ein Restaurant mit gehobener japanischer und vietnamesischer Küche eröffnet, das so gut ist, dass selbst George Clooney und die Bundeskanzlerin schon hier waren. Bei der Vorspeise aus Apfel, Radieschen, Walnüssen und Daikonkresse (5,90 Euro) wird klar, warum: Es ist die reinste Geschmacksexplosion. Ohne Reservierung geht hier abends nichts.

20 Uhr

Vorbei am Schiefen Haus, das so heißt, weil Walkmühlen dem Fachwerk einen steileren Neigungswinkel als dem schiefen Turm von Pisa verpasst haben. Dort wartet der Nachtwächter auf dem Marktplatz auf seinen Rundgang (sechs Euro). In historischem Gewand erzählt er schlüpfrige Details aus der Zeit, als das Rathaus noch Spelhus war und als Trink- und Spielstätte Geld ins Stadtsäckl spülte. Es brennt noch Licht im Weinstübchen (Breite Straße 88). Der Spätburgunder passt zum historischen Grundton Wernigerodes – ein Hoch auf Oberst Petri, der im April 1945 die Stadt vor der Zerstörung bewahrte. Man hat ihn dafür allerdings standrechtlich erschossen.

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