Der Körper schafft es einfach nicht

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Höhenkrankheit in Kolumbien : Bis zur bitteren Wende
Kolumbianischer Koka.
Kolumbianischer Koka.Foto: imago/Manfred Ruckszio

Morgens um sechs Uhr gibt es wieder eine Energiemahlzeit, Arepas und Rührei. Verschlafen trottet die Gruppe hinab zum Fluss. Das Fiese an der heutigen Etappe: Zuerst verliert die Route an Höhenmetern, bevor es Richtung Gletscher richtig hoch hinaufgeht. Santiago erkundigt sich immer wieder nach dem Befinden. Eine halbe Stunde Pause. Der Bergführer zieht ein buschiges Kraut aus dem Boden. Levantamuertos heißt es, Totenerwecker. Aufgebrüht mit Ingwer soll es gegen Schmerzen und Übelkeit helfen. Noch schnell einen Esslöffel Kokapulver hinterher und wie Kautabak in die Wangentasche gestopft. Nur langsam löst sich das bittere Pulver auf, bringt das Zahnfleisch zum Kribbeln und kommt doch nicht gegen die Höhenkrankheit an.

Sara, die IT-Beraterin aus Austin, hat ebenfalls zu kämpfen. Erst kurz vor der Kolumbienreise hat sie eine Bronchitis ausgeheilt. Die macht sich nun wieder bemerkbar. In den kommenden zehn Stunden hält die Gruppe immer wieder an, Santiago fällt weiter hinter seinen Zeitplan zurück. Um ein Uhr sollten die Wanderer eigentlich am Gletscher sein, am Ende ist es fast drei.

„Ich beobachte euch ständig“, sagt der Bergführer. „Wenn jemand blass wird, ist das für mich ein Zeichen, dass er schnell auf niedrigere Höhen gebracht werden muss.“ Bei Neil aus Chicago hat er ungeahnte Schwierigkeiten: Der ist so bleich vom amerikanischen Winter, dass es weißer kaum möglich wäre. Ihm geht es jedoch recht gut.

Santiago und die Jungs müssen allein hoch

Endlos kraxelt die Gruppe eine dünenartige, steile Mondlandschaft hinauf, dann steht sie auf 4800 Metern vor einer Felswand. Die hinauf, dann links, endlich geschafft. Ringsherum liegen Schneestreifen zwischen den Lavafelsen, Wolken hüllen den Berg ein und schneiden die Sicht aufs Tal ab. Eigentlich sollte jetzt ein Hochgefühl einsetzen, der letzte Motivationsschub. Doch der bleibt aus.

Der Körper schafft es einfach nicht, die steile Felswand hochzuklettern, in noch sauerstoffärmere Gefilde. Santiago und die Jungs müssen allein hoch. Trotzdem macht sich Stolz unter der dicken Daunenjacke breit. Die Vernunft hat über den Sturkopf gesiegt. Der Fels stützt den müden Rücken, der Kopf versucht, den Abstieg und die Kälte zu verdrängen, und eine Ahnung steigt auf, warum einige Bergkletterer am Ende ihren Frieden mit dem Tod geschlossen haben: Einfach am Gletscher wegzudösen, erscheint gerade jedenfalls verdammt gut nachvollziehbar.

Die Jungs kehren zurück. Die Füße stolpern den Berg hinab, der Magen verweigert nun sogar Wasser, nur ein dreiviertel Liter schafft es in den zehn Stunden in den Bauch. Weitermachen, einen Schritt vor den anderen, bis die Hütte in der Dämmerung näher rückt. Santiagos Kollege drückt den Wanderern auf die Fingernägel: Normalerweise soll es drei Sekunden dauern, bis das Blut zurückkehrt, diesmal sind es acht.

Jetzt erscheint eine Gipfelbesteigung möglich

Am letzten Morgen ist die Höhenkrankheit plötzlich weg – jetzt erscheint eine Gipfelbesteigung doch wieder möglich, doch es ist zu spät. Während die Gruppe mit den Gedanken noch im Paramo ist, telefoniert Santiago mit seinem kleinen Sohn, der gerade kränkelt. Wie viele Kolumbianer arbeitet der Guide sechs oder sieben Tage die Woche. Er beklagt sich nicht über die zwei harten Jahre im Militär, die mangelnde Schulbildung, dass er kein Englisch spricht, die langen Arbeitszeiten und das hohe Risiko, das die Arbeit als Bergführer mit sich bringt.

Während die Gruppe am dritten Tag, wieder durch den Regenwald, zum letzten Mal herabsteigt, an verfallenen Ställen, kleinen Hütten, vor denen Bäuerinnen Suppe austeilen, und tiefen Schluchten vorbei, kommt die Erkenntnis: Höhenkrankheit und Höhenflug liegen oft nur ein paar Stunden auseinander.