Homeoffice mit Kindern : Tag 15 - „Juuuschuknaitgong!“

Seit mehr als zwei Wochen arbeiten unsere Autoren zu Hause und betreuen insgesamt fünf Schul- und Kitakinder. Ein Tagebuch gegen den Lagerkoller.

Privater Waldkindergarten: Windeln, Thermoskanne, Waffeln, Leuchtfeuerpistole. Alles dabei.
Privater Waldkindergarten: Windeln, Thermoskanne, Waffeln, Leuchtfeuerpistole. Alles dabei.Foto: Esther Kogelboom

Tag 15 - Berlin-Mitte - „Juuuschuknaitgong!“

Gestern waren wir wieder am See, irgendwo bei Schwante. Eine Stunde wandern, dabei sind uns zwei Menschen und einige Puten begegnet. Ein bisschen ist es so, als würde ich einen privaten Waldkindergarten betreiben: Im Rucksack steckten mehrere Pakete Frischeiwaffeln, belegte Stullen, eine Thermoskanne Kräutertee, Windeln, Feuchttücher, Wechselwäsche, Ersatzschnuller, das Reise-Schach, Trillerpfeife, eine Leuchtfeuerpistole und was man sonst noch so braucht in der Einsamkeit Brandenburgs, wenn man mit drei Jungs unterwegs ist.

Rote Wangen, zerrissene Hosen

Der Kleinste schlief im Kinderwagen, die Großen sprangen bei vier Grad über eine Wiese, bewarfen sich mit Stöckchen, kriegten rote Wagen und Hunger. Sie zerrieben ihre Hosen an Rinden, tränkten ihre Schuhe mit Schlamm, rutschten aus, brüllten rum, kloppten sich und rannten dann doch zusammen weg, obwohl sie in Sichtweite bleiben sollten.

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Auf dem Rückweg erfuhren wir auf Radio Eins vom Weltschlagzeugertag, der am kommenden Samstag gefeiert wird. Die Moderatorin spielte ACDC. Seitdem hat der Zweijährige einen neuen Lieblingshit: „Juuuschuknaitgong!“ Und der Fünfjährige wollte wissen, was das eigentlich bedeutet. „Du hast mich die ganze Nacht durchgeschüttelt“, wagte ich eine zweifelhafte Übersetzung. Eines Tages werden sie mir auf die Schliche kommen.

Wir sind jetzt Halbtagslandeier

So viel frische Luft wie in den vergangenen zwei Wochen haben wir selten geatmet. Wir sind zu Halbtagslandeiern geworden. Demütig, lieber Moritz, bin ich gerade sozusagen permanent. Denn wir sind gesund, haben Arbeit, Musik und eine Menge Hausaufgaben. Leichte Hausaufgaben.

Ein Freund schrieb mir gestern, dass er mit den Matheaufgaben seines Teenagers nicht klarkommt und schickte dazu dieses Video:

Es könnte immer schlimmer sein.

Eine Sache verstört mich jedoch zunehmend: Ich finde in letzter Zeit kaum noch was richtig lustig und musste mir schon anhören, dass ich zum Lachen eine Etage tiefer gehe. April, April.

Spiel, das funktioniert: "Fang mich doch, du Eierloch"

Fiese-Mutter-Moment: Ich werfe die restlichen Schoko-Bons aus dem Fenster, um mich bei den Nachbarskindern einzuschleimen.

Moritz, wozu gehst Du in den Keller?

Die Antwort von Moritz Honert gibt es morgen um 9 Uhr.

Tag 14 - Prenzlauer Berg - Die Coronaparty fällt aus

Coronago! Die Pandemie macht alle zu Ninjas.
Coronago! Die Pandemie macht alle zu Ninjas.Foto: privat

Hilfe! Uns gehen die Rollen aus! Mittelfristig steuern wir da auf ein konkretes Problem zu. Nein, nicht Klopapier. Tesafilm! Der Vierjährige hat ein neues Lieblingsspiel und klebt mit Hingabe Pappe, Plastik und Papier zu multidimensionalen Müllskulpturen zusammen. Schön, dass er so kreativ ist. Weniger schön: Er zwingt auch mich zur Kreativität. Wenn es darum geht, einen Großteil des Krempels zu entsorgen, ohne dass er es merkt. Aber Raum ist nun mal endlich. Erst recht im Homeoffice.

Ansonsten haben wir uns natürlich an Atemschutzmasken aus Küchenrolle, Malerkrepp und Gummibändern versucht. Ob es was bringt? Drosten ist dafür, dir WHO dagegen. Ich kann nur sagen: Die Kinder freut es. Die erinnert das an Ninjago! An der Stabilität der Dinger müssen wir aber noch feilen. Soviel zu deiner Bastelfrage von gestern.

Die Geburtstagsfeier musste ausfallen

Noch mehr als mit Basteleien haben wir uns in letzter Zeit mit Puzzlen beschäftig. Meine Tochter ist sieben geworden und bekam zum Geburtstag ein paar neue geschenkt. Sie hat sich darüber gefreut, auch wenn sie doch sehr enttäuscht war, dass ihre Party ausfallen musste. „Hätte Corona nicht wenigstens bis zu meinem Geburtstag warten können?“ Gute Frage. Ich frage mich, ob ich mir Sorgen machen muss, weil ich beim Singen von „Happy Birthday“ automatisch anfange, die Hände zu reiben. Bleibt diese synaptische Verbindung jetzt für den Rest des Lebens bestehen? 

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Allerdings muss man ja dann doch bei all dem Alltagsgejammer sagen: Andere Menschen haben wirkliche Probleme. Kurz nach dem Aufwachen erreichte mich eine Whatsapp einer Freundin. Die hängt mit ihrem Mann und zwei kleinen Kindern in Indien fest. Eigentlich wollten sie dort mehrere Monate Sabbatical und einen Reise-Podcast machen. Soul Tripping heißt der. Mehr als fünf Folgen werden es wohl nicht werden. Während ich das hier schreibe, warten sie darauf, bald ausgeflogen zu werden. Ihre größte Freude:  Nach einer Woche Shutdown, in der sie sich primär von Reis und Dhal ernährten, weil auch die Supermärkte dicht gemacht wurden, auf dem Markt drei Zwiebeln, ein Kilo Kartoffeln und ein paar Clementinen ergattert zu haben ...   

"Just a scratch on the surface / Of time that will wash away / We delude ourselves with the notion / That we are here to stay"
"Just a scratch on the surface / Of time that will wash away / We delude ourselves with the notion / That we are here to stay"Foto: washyourlyrics.com

Spiele, die funktionieren: Auf washyourlyrics neue Handwaschsongs aus dem Repertoire von Napalm Death und Cannibal Corpse basteln.

Gemeiner-Papa-Moment: Ich schnauze die Kinder an, weil sie mit ihrem Essen spielen.

 Esther, was hat dich zuletzt demütig gestimmt?

 Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es morgen um 9 Uhr.

Tag 13 - Berlin-Mitte - Zeitumstellung, auch das noch!

Foto: Esther Kogelboom

Die Zeit ist eine Schüssel voller Pfannkuchenteig, nachdem das Backpulver seinen Dienst angetreten hat. Zäh und cremig, an der der Oberfläche schon leicht blubbernd. Gute Tage sind freundlich hellgelb, andere beigefarben und voller Klümpchen … Moritz, bitte streiche diese Metapher! Du tilgst sonst auch jedes schiefe Sprachbild.

Ok. Du schläfst hoffentlich noch, denn es ist eigentlich erst kurz nach 5. Die Zeitumstellung, Feindin aller Eltern, hat wieder zugeschlagen. Erkennt jemand den Vorteil daran, dass die Kinder jetzt erstmal wieder später einschlafen und dafür früher Radau machen? Ehrlich, schlummernde Jungs zu betrachten, war schon immer ganz nett. Gerade ist es wunderschön. Der Tiefschlaf der anderen gibt mir die Energie, nach der Du fragtest. Er bedeutet: Ruhe.

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Eigentlich hatte ich mir fest vorgenommen, am Wochenende mit den Kindern was zu basteln. Vielleicht sogar einen großen Regenbogen, den wir ins Fenster hängen, so wie diese Leute in Brooklyn? Ich wollte endlich mal einige der schicken Ausmalbögen runterladen, die Künstler und Designer gerade kostenlos ins Netz stellen, Ostereier gestalten und mit dem Kleinsten kneten. Doch dann hängen alle matt am Basteltisch, bis der Zweijährige sagt: „Mama, Büffero malen.“ Axel Scheffler, bitte übernehmen Sie! Endlich ist es nützlich, dass bei uns nur die braunen Buntstifte überleben.

Jetzt nur noch ein bisschen Sachkunde ...

Ansonsten: viele, viele Hausaufgaben in Sachkunde. Einen Stadtplan lesen und verstehen, Wege vom Neptunbrunnen bis zum Gendarmenmarkt finden und einzeichnen, Grünflächen und bebaute Flächen schraffieren. Mit Google Maps überfliegen wir lieber den Brenner und reisen zum Ferienhaus in Südtirol, das wir in den Sommerferien gebucht haben. Die Bilder stammen aus einer anderen Zeit.

Trappelnde Schritte im Flur, ich muss Pfannkuchen ausbacken.

Beschäftigung, die funktioniert: auf Bäume klettern.

Fiese-Mutter-Moment: eine Entschuldigung nicht sofort annehmen.

Moritz, woran bastelt Ihr so?

Die Antwort von Moritz Honert gibt es morgen um 9 Uhr.

 

 

Tag 10 - Prenzlauer Berg - Scheitern als Chance

Tauschanfragen bitte an sonntag@tagesspiegel.de, danke!
Tauschanfragen bitte an sonntag@tagesspiegel.de, danke!Foto: Moritz Honert

Was gegen schlecht Laune hilft? Kann ich dir genau sagen, Esther. Du musst mir nur verraten, von wem du das wissen willst. Je nachdem, ob du meine Frau und mich oder meine Kinder fragst, fällt die Antwort sehr unterschiedlich aus.

Bei den Kleinen hilft sehr gut, wie bekloppt von der Küche in den Flur durchs Wohnzimmer zurück in die Küche zu trampeln und dabei schrille Schreie auszustoßen.

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Leider ist das etwas, was meiner Frau und mir spätestens in der 18. Wiederholung extrem schlechte Laune macht, was dann auch der Grund ist, dass sich nun doch auch in unserem Homeoffice eine gewisse Grundgereiztheit breitgemacht hat.

Meine Frau ist seit vier Tagen krank

Richtig vorwerfen kann ich den Kindern ihren Bewegungsdrang nicht. Wir kommen in den letzten Tagen leider deutlich weniger vor die Tür. Meine Frau liegt seit vier Tagen mit Husten und Kurzatmigkeit darnieder, und bis ich nun quasi auf mich alleine gestellt mit der Arbeit, den Schulaufgaben, dem Neuinstallieren von Skype für den Gitarrenunterricht sowie dem Kochen durch bin, und wir raus können, ist es meist schon späterer Nachmittag. Heute Abend nach dem Vorlesen gehe ich ans offene Fenster und stoße aus Solidarität mit allen Alleinerziehenden da draußen schrille Schreie aus.

Irgendwie ist es ja auch ein Geschenk

Du merkst schon, ein Rezept für gute Laune kann ich dir nicht aufschreiben. Aber in den letzten Tagen beschlich mich immer mal wieder ein Gedanke, der mir zumindest ein wenig Trost schenkte. Irgendwie, dachte ich, sind die kommenden Wochen ja bei allem Chaos, Getrampel, Stress und Geplärre auch ein riesiges Geschenk.

Welche Eltern - seit der Abschaffung der Kinderarbeit und des Mehrgenerationenhofs – konnte so viel Zeit mit ihrem Nachwuchs verbringen? Meine nicht! Vielleicht schauen wir in ein paar Jahren auf diese Tage zurück, und uns wird nicht grausen, sondern ganz warm ums Herz. Hope dies last ...

Spiel, das nicht mehr funktioniert: Pokémon. Die Sechsjährige hat in der Schule ohne Sinn und Verstand ihre Karten getauscht. Jetzt finden wir zu zahlreichen Basis-Monsterchen keine Entwicklungen mehr – und gleichzeitig sitzen wir auf einem Haufen inkompatibler Energiekarten.
Fieser-Papa-Moment: Ich strecke das Knuspermüsli, als die Kinder nicht hinschauen, mit Haferflocken. Wenn die Brut gerade etwas nicht braucht, dann einen extra Zuckeranschub!
Woraus ziehst du gerade Energie, Esther?
Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es am Montag um 9 Uhr.

Tag 9 - Berlin - Mitte - Die Schere schleifen

Wartet, Kinder, die Bürste ist gleich aufgeladen.
Wartet, Kinder, die Bürste ist gleich aufgeladen.Foto: Esther Kogelboom

Triggerwarnung! Hier kommt ein Klagelied.

Die Laune ist langsam im Keller. Es schlaucht, dass immer ein Erwachsener alle drei Kinder hat, während der andere arbeitet. Betreust du drei Kinder gleichzeitig, wirst du keinem gerecht – jedenfalls nicht, wenn unser Zweijähriger dabei ist.

Wie soll ich mit dem Großen Hausaufgaben machen, wenn die Hauptbeschäftigung des Kleinen im Moment „runtersmeißen“ ist und der Mittlere die größten Seeed-Hits auswendig lernt? „Wir sind blau, wir sind spitz / Zu Hause sitzt die Frau mit Kids …“

Moritz, ich bin auch bald schwerhörig. Ich freue mich schon sehr darauf, wenn wir eines Tages wieder in der Redaktion sitzen und uns anbrüllen.

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Du fragtest, wie wir es mit unseren Outfits halten. Noch kämpfen wir mehr oder weniger erfolgreich gegen die Verlotterung. Alle tragen Jeans und Pullis und putzen sich die Zähne. Und das Parfum, das ich kurz vor Toresschluss mit einem wiedergefundenen KaDeWe-Gutschein gekauft habe, benutze ich täglich. Schade nur, dass das Duftgedächtnis selbst Chanel zu Corona No 19 umprogrammieren wird.

Wie schnell Kinderhaare wachsen!

Unser Problem sind vielmehr die Frisuren. Ich fürchte, für die Kinder muss ich bald die Schere schleifen: Blonde und braune Büschel wuchern unkontrolliert über Ohren, schlängeln sich ungut in den Nacken. Nie war es wichtiger, die äußere Form zu wahren. Das Virus können wir im Gegensatz zu unserem Haarwuchs oder den Hausaufgaben nicht kontrollieren.

Diese Hausaufgabenberge! In sozialen Medien las ich einige Debatten darüber, ob die bewertet sollen oder nicht. Meine Meinung: natürlich nicht. Schön für die Familien, die es hinkriegen, ein Igel-Plakat zu gestalten und eine Buchpräsentation einzuüben. Wir schaffen es nicht, weil wir zwei Vollzeitjobs, drei Mahlzeiten plus Snacks, 165 Spülmaschinen und 63846 Waschmaschinen organisieren müssen.

Die schönste Anerkennung für diesen Zirkus kam vom Mittleren, als er sich etwas Essen aus dem Topf fischte: „Mama, ich hab‘ dich nicht so lieb wie kalte Nudeln.“

Spiel, das funktioniert: aktuell keins.

Fiese-Mutter-Moment: Ich trinke beim abendlichen Vorlesen Bier. 

Moritz, was hilft bei Euch gegen schlechte Laune?

Die Antwort von Moritz Honert gibt es morgen um 9 Uhr.

Tag 8 - Prenzlauer Berg - Brüll! Mich! An!

Die Kinder treffen Opa und Oma. Aber warum nur schreien sie dabei so?
Die Kinder treffen Opa und Oma. Aber warum nur schreien sie dabei so?Foto: Moritz Honert

Bei uns zu Hause sind neuerdings alle nur noch am Brüllen. Nein, nicht wegen dem Lagerkoller, der hält sich noch in Grenzen. Der Grund ist die Videotelefonie.

Warum alle Menschen doppelt so laut reden, wenn sie ihr fernmündliches Gegenüber nicht nur hören, sondern auch sehen, erschließt sich mir nicht wirklich. Aber anscheinend ist das jetzt die neue Realität, an die ich mich im Homeoffice gewöhnen muss, nun da auch wir unsere erste Ressortkonferenz auf Zoom hatten.

Die Kinder können gar nicht anders

Auch die Kinder schreien ins Tablett, wenn sie mit den Großeltern facetimen. Aber ehrlich gesagt brüllen die Kinder sowieso den ganzen Tag - egal, ob sie sich zoffen, oder fragen, ob sie heute noch in die Badewanne dürfen. Wenn das hier noch ein paar Wochen so weitergeht, bin ich taub.

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Ansonsten wird im Kontakt mit den Großeltern, nach dem du fragtest, die komplette Kommunikations-Klaviatur bespielt.  Mit den Eltern meiner Frau in Spanien, die seit Tagen de facto in ihrer Wohnung eingesperrt sind und nur zum Einkaufen raus dürfen, wird vor allem gefacetimet. Meine Mutter versendet gern Audionachrichten über WhatsApp. Die Uroma hingegen schickt dicke Briefe mit Anhängern, christlichen Motivkarten und diversen Zeitungsausschnitten, die sie interessant fand. Die Kinder bedanken sich dann artig mit selbstgemalten Bildern. Kein schlechter Tausch. Heute kam wieder ein dicker Karton mit Keksen an.

Man lebt vorrauschauender

Früher hätten wir die sofort verspachtelt. Doch in letzter Zeit stelle ich fest, dass ich mehr darüber nachdenke, wie man die Vorräte rationiert, damit man nicht so oft in den Supermarkt muss. („Wenn ich den Feta jetzt nicht in den Salat tue, könnte ich damit morgen zusammen mit den Kartoffeln und den Zucchini schon wieder ein Mittagessen machen ...“) Man lebt vorrausschauender. Heute morgen hatte ich auch schon den Langhaarrasierer, mit dem ich mir sonst den Bart stutze in der Hand, und überlegte, ob ich mir nicht auch gleich einen Buzzcut verpassen soll. So schnell sehe ich meine Friseurin nämlich nicht wieder, fürchte ich.

Langsam sickert die Erkenntnis ein: Das kann noch dauern hier. Hoffentlich machen meine Ohren das mit.

Was funktioniert: Vorlesen! Zum Beginn des Homeoffice haben wir den „Hobbit“ angefangen und sind schon durch den Düsterwald durch und angekommen am Einsamen Berg. Ich war skeptisch, ob das schon was ist für die Kinder (fast fünf und quasi sieben), aber die lieben es!

Schwacher Moment: Wir haben den Klosterfrau Melissengeist probiert. Fazit: Riecht leider wesentlich besser, als er schmeckt. „Uh, das ist ja, als würde man Parfüm trinken“, meinte meine Frau.

Benutzt ihr eigentlich noch Duftwässerchen und frisiert euch die Haare, Esther? Oder arbeitet ihr schon in Jogginghosen?

Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es morgen um 9 Uhr.

Tag 7 - Berlin-Mitte - Von Vampiren und Hamstern

Als Kind dachte ich, Rüdiger sei cool und nett. Passiv-aggressiv und gemein wäre treffender.
Als Kind dachte ich, Rüdiger sei cool und nett. Passiv-aggressiv und gemein wäre treffender.Foto: promo

Ob das richtig ist? Wir schirmen die Kinder so gut es geht von den Nachrichten ab, und damit auch von Bildern der Kolonne italienischer Militärlaster mit Särgen drin. Doch natürlich spüren die Kinder das Unheil, deswegen beantworten wir, meistens beim Zubettgehen, die FAQs: Warum kann ich nicht zu Béla / Emil / Pauli / Lilli? Warum können Béla / Emil / Pauli / Lilli nicht zu uns? Und warum fahren wir nicht zu Oma und Opa? Werden Oma und Opa jetzt krank?

Der Fünfjährige tapst jetzt wieder jede Nacht ins Elternbett

Die Sorge um die Großeltern ist es wahrscheinlich, die den Fünfjährigen nun wieder Nacht für Nacht ins Elternbett tapsen lässt. Kann aber auch sein, dass ich es mit dem Vorlesen von „Der kleine Vampir zieht um“ etwas übertrieben habe – Kapitel um Kapitel wühlen wir uns durch die morbide Geschichte: Der stets bemühte Anton ermöglicht seinem Vampirfreund Rüdiger, seinen Sarg vorübergehend im Familienkeller aufzustellen. Und Rüdiger, von dem ich als Kind immer dachte, er sei cool und nett, reagiert total passiv-aggressiv und gemein.

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Vielleicht heitert das Kind ja ein kleines Nagetier auf, überlege ich. Das hat er sich schon lange gewünscht. Die Baumärkte sind geöffnet – und mit ihnen die Tierabteilung, an deren Scheiben er sich schon oft sehnsüchtig die Nase plattdrückte. Als ich das mit dem Drittklässler bespreche, wird er sauer: „Und was machen wir, wenn der Hamster stirbt? Wenn schon Haustier, dann unsterblich. Schildkröte oder so.“

Der Tod muss abgeschafft werden

Erst vor kurzem hat der Große bei einem Sonntagsausflug das gelbe Blechschild mit dem Zitat von Bazon Brock vorgelesen, das gegenüber von Barcomi’s an einer Hofwand hängt: „der Tod muß abgeschafft werden, diese verdammte Schweinerei muß aufhören. Wer ein Wort des Trostes spricht, ist ein Verräter“.

Neuerdings bastelt er an einem Familienstammbaum. Das Projekt hat den Vorteil, dass es die Großeltern gleich mitbeschäftigt. So trudeln hier täglich neue Fotos unserer Ahnen ein – mich würde nicht wundern, wenn auch eine von Schlotterstein darunter wäre, so fahl, wie wir in letzter Zeit aussehen.

Spiel, das in der Wohnung funktioniert: „Nicht den Boden berühren“.

Fiese-Mutter-Moment: Als er zu einer Gruppe Leute rennen will, schnalle ich den kreischenden Zweijährigen im Buggy an - obwohl er im Park endlich frei laufen könnte.

Moritz, wie haltet Ihr Kontakt zu den Großeltern?

Die Antwort von Moritz Honert gibt es am Montag um 9 Uhr.


Tag 6 – Prenzlauer Berg - Der Tod und das Toastbrot

Virus aus Toast. "Wenn du das isst, bist du tot!“
Virus aus Toast. "Wenn du das isst, bist du tot!“Foto: Moritz Honert

So, seit gestern hustet meine Frau. Ja, trocken. Keine Ahnung, was das bedeutet. Ansonsten hat sie nämlich keinerlei Symptome. Vielleicht hat sie sich ja auch nur verkühlt, als sie mit den Kindern im Skatepark bei uns um die Ecke war.

 Auf dem Platz hinter der Tankstelle haben wir die vergangenen Tage wechselseitig mehrere Stunden zugebracht. Irgendwann möchten man ja auch mal mehr als 20 Minuten am Stück arbeiten. Außerdem müssen die Kinder irgendwie die Energie loswerden, und wenn sie Skateboard fahren, packen sie weder verseuchte Klettergerüste an, noch kommen sie andern Leuten zu nah. Ganz automatisch. Sonst droht Crashgefahr. Während ich den Skatepark umrundete, um auf meine 10000 Schritte am Tag zu kommen, erinnere ich mich an ein sehr beliebtes Videospiele meiner Jugend: „Skate or die!“ hieß das ...

 Auch den Kindern hilft Galgenhumor

Anscheinend hilft nicht nur mir, sondern auch den Kindern Galgenhumor durch die Krise. Am Frühstückstisch biss die Sechsjährige heute kichernd ein Corona-Virus aus ihrem Nutella-Toast. „Ah!“, schrie der vierjährige Bruder. „Wenn du das isst, bist du tot!“ Großes Gewieher. Sollte ich mir Sorgen um meinen schlechten Einfluss machen?

Auf dem Platz hinter der Tankstelle haben wir die vergangenen Tage wechselseitig mehrere Stunden zugebracht.
Auf dem Platz hinter der Tankstelle haben wir die vergangenen Tage wechselseitig mehrere Stunden zugebracht.Foto: Moritz Honert

An dem des Fernsehens kann der schwarze Humor jedenfalls nicht liegen. Du hattest ja gefragt, Esther, wie wir das mit „Screentime“ handhaben. Bis jetzt ganz okay, denke ich. Für Smartphones und Computer sind die beiden noch zu klein. Für das Fernsehen haben sie auf unserem Tagesplan einen Fernsehgutschein für eine Stunde „Sendung mit der Maus“ oder „Checker Tobi“.

Television - The drug of the Nation

Ist der Gutschein aufgebraucht, ist vorbei. Das akzeptieren sie auch, allerdings drehen sie danach regelmäßig durch. Ich erinnere mich an einen Song aus meiner Jugend: „Television - The drug of the Nation“. Bis ich Kinder hatte, dachte ich immer The Disposable Heroes of Hiphoprisy meinten das im Sinne von „Opium fürs Volk“. Bei meinen Nachwuchs wirkt Fernsehen eher wie Speed.

Ordnungsversuche. Unser modularer Tagesplan.
Ordnungsversuche. Unser modularer Tagesplan.Foto: Moritz Honert

Um die Screentime der Kinder mache ich mir aber trotzdem gerade weniger Sorgen. Mehr um die der Erwachsenen. Man ertappt sich ja selbst ständig dabei, auf das Gerät zu schielen, ob irgendwo in der Welt wieder was Schlimmes passiert ist. Selbst beim Waldspaziergang am Wochenende sehe ich Menschen mit ihren Telefonen vor dem Gesicht herumrennen. Und nein, die gucken nicht auf´s GPS. Das erkenne ich auch aus 1,5 Metern Abstand. Ein Freund hat sich verordnet, nur noch morgens und abends Nachrichten zu lesen. Eigentlich eine gute Idee. Stress ist ja auch Gift für das Immunsystem. Ich weiß nur nicht, wie das als Journalist gehen soll ...

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Was funktioniert gerade? Zusammen mit den Kinder haben wir aus Stöcken und Schnur Pfeil und Bogen gebastelt. Jetzt üben sie fleißig Zielschießen im Flur. Wer weiß, wofür das nochmal gut ist …

 Böser-Papa-Moment: Kinder drehen nach dem Fernsehen durch. Der Gutschein für morgen ist weg.

 Ist der Tod angesichts der Nachrichten aus Italien bei euch ein Thema, Esther?

Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es morgen um 9 Uhr.


Tag 5 - Berlin-Mitte - Plötzlich Bürogemeinschaft

Beschäftigung, die heute funktioniert hat: die Kostümkiste öffnen und verkleiden.
Beschäftigung, die heute funktioniert hat: die Kostümkiste öffnen und verkleiden.Foto: Esther Kogelboom

Vor dem Mittagessen gehen wir kurz raus. Levy rüttelt am Törchen zum Spielplatz gegenüber. „Geht nis auf!“ Fragend schaut der Zweijährige seine großen Brüder an. Die vergraben ihre Hände in den Hosentaschen. Der geliebte Spielplatz ist abgesperrt. Sowas hat es noch nie gegeben. Schnell hat Martin, 5, die Lösung: „Wir klettern einfach rüber!“ Die Idee klingt machbar, der Zaun ist vielleicht 70 Zentimeter hoch – und wir wären ganz allein. Kann bitte die Kanzlerin kommen und an die Vernunft des Zweijährigen appellieren?

Zirkeltraining auf dem Gehweg

Ich schieße schnell die kaputten Bierflaschen zur Seite, dann machen wir eine Art Zirkeltraining auf dem Gehweg: die Treppen zu einer (ebenfalls geschlossenen) Sportalle hochrennen, oben drei Hampelmänner, wieder zurück. Zwei Männer, die Bürostühle vor sich herschieben, betrachten uns misstrauisch. Mal sehen, wie lange die Frischluftbetankung vorhält.

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Ja, Moritz, danke der Nachfrage, bei uns gibt’s viele Vorräte – trotzdem würden wir sehr gerne eure selbst gemachte Nutella probieren. Unser Speiseplan ist recht schlicht: Alle können sich auf klassisches Kinderessen einigen, sofern keine grünen Bestandteile drin sind. Lasset die Fischstäbchen-Spiele beginnen! Mag der Eierkuchenteig niemals enden und der Rübensirup ewig fließen! Drei Mahlzeiten am Tag für fünf Personen plus Snacks bereitzustellen, ist ungewohnt. Wir brauchen einen besseren Plan.

"Klick doch nicht so hektisch"

Und Homeoffice? Auf unserem „Schreibtisch“ steht jetzt auch ein riesiger 27-Zoll-Monitor. Plötzlich sind mein Mann und ich eine Bürogemeinschaft. Er beschwert sich über meine Kaffeetassen, ich kommentiere seine schiefe Sitzhaltung. Er fragt: „Warum schreibst du nicht schneller?“ Ich sage: „Klick doch nicht so hektisch.“ Allerdings mag ich seine Diensttelefonstimme, die ich bisher nicht kannte. Die Kinder spielen unterdessen mit dem Tablet, schon seit einer Stunde. Das ist nicht gut. Der Kleine hat irgendwann keine Lust mehr und leert eine Shampooflasche aus.

Beschäftigung, die heute funktioniert hat: die Kostümkiste öffnen und verkleiden.

Fiese-Mutter-Moment: Das versprochene Eis gibt’s erst morgen.

Moritz, wie hältst Du es mit Screentime?

Die Antwort von Moritz Honert gibt es am Montag um 9 Uhr.


Tag 2 - Prenzlauer Berg - Ein Crashkurs in Relativitätstheorie

Mein Name ist Hase ...
Mein Name ist Hase ...Foto: Moritz Honert

Moritz, wie macht Ihr es?, fragte Esther Kogelboom gestern.

Wie wir das machen, fragst du? Mit Klosterfrau Melissengeist! Meine Frau hat eine Flasche gekauft, um die Handys zu desinfizieren, nachdem wir festgestellt hatten, dass das Spray aus der Drogerie vor drei Jahren abgelaufen war und auch nur 40 Prozent Alkohol hatte. Wohl zu wenig, um das Coronavirus zu killen. Momentan nutzen wir den (wie ich sagen muss, überraschend wohlriechenden) 79-prozentigen Kräuterschnaps tatsächlich nur zur äußeren Anwendung. Aber wenn das so weitergeht, mal sehen ...

Heute ist doch nicht gestern. Oder?

Heute Morgen hatten meine Frau und ich unseren ersten Einsatz in unserem neuen Zweitjob: Lehrer. Eigentlich sollte das schon gestern losgehen, aber wie du schon bemerkt hast, die Zeit reicht gerade vorne und hinten nicht. Auf dem Stundenplan stand Schreibschrift und Rechnen, aber dann wurde doch erstmal ein Crashkurs in Sachen angewandte Relativitätstheorie draus. Warum? Weil die Sechsjährige zu weinen anfing, da sie nicht verstand, warum sie am Mittwoch die Aufgaben von Dienstag erledigen sollte. „Heute ist doch nicht gestern …“ Ich bin nicht sicher, irgendwie schwimmen die Tage schon ineinander.

Lektion eins:  Das Bedürfnis der Kinder nach einem strukturierten Alltag sollte man nicht unterschätzen.

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Irgendwann waren die Tränen getrocknet, dafür dann aber kurz darauf die verteilen Aufgabenblätter nass. Der Vierjährige hatte seinen Apfelsaft drüber gekippt.

Lektion zwei: Hat schon Sinn, dass die Kinder in der Schule nicht im Unterricht essen und trinken dürften. Naja, Küchenrolle haben wir noch und der Strom für den Fön wurde auch noch nicht abgestellt.

Auch die gefühlte Bedrohung ist relativ

Nachmittags war ich kurz auf der Straße. Ich musste zu einer Kollegin ein paar Straßen weiter, weil wir per Skype ein Interview für eine der kommenden Ausgaben des „Sonntag“ zu führen hatten.

Lektion drei: Auch das Bedrohungsgefühl der Menschen ist relativ. Während die betrunkenen Zehntklässler vor dem Supermarkt aufeinanderlagen, und der Schnapsladen um die Ecke mit dem Spruch „Das Virus ist alkoholsensibel“ warb, hatte der Pizzadienst bereits aus einem Stuhl und Stangen eine kontaktlose Pizza-Übergabeschranke improvisiert. 

Ich dachte immer, ich kenne eine ganze Menge Papierflieger. Jetzt weiß ich: Ich wusste nix.
Ich dachte immer, ich kenne eine ganze Menge Papierflieger. Jetzt weiß ich: Ich wusste nix.Foto: Moritz Honert

Spiele die funktionieren? Papierflieger! Ich dachte immer, ich kenne eine ganze Menge. Jetzt weiß ich: Ich wusste nix. Danke Internet. Anleitungen gibt es zum Beispiel hier. Wenn man genug Flieger hat, kann man damit im Flur prima Flugzeug-Boule spielen. Einen Flieger werfen und dann gucken, wer am nächsten mit seinen Modellen dran kommt.

Super-Papa-Tat? Nutella selber gemacht! 200 Gramm Haselnüsse im Ofen rösten, abkühlen lassen, Schalen entfernen, ab in die Küchenmaschine damit und schreddern, bis ein öliges Mus draus wird. Dauert ein paar Minuten. Dann zwei Esslöffeln Kakao und einen Esslöffel Ahornsirup oder Honig dazu und bei laufender Maschine vorsichtig so viel Wasser zugeben, bis die gewünschte Cremigkeit erreicht ist.

Was habt ihr eigentlich so an Vorräten im Haus, Esther?
Die Antwort von Esther Kogelboom gibt es morgen um 9 Uhr.


Tag 1 - Berlin-Mitte - Dürfen die das?

Seit wann hat der Junge eine eigene E-Mail-Adresse?
Seit wann hat der Junge eine eigene E-Mail-Adresse?Foto: Esther Kogelboom

Homeoffice? Geht nicht. Bin unabkömmlich. So redete ich noch vor wenigen Wochen – als Kitas und Schulen geöffnet waren. Jetzt sitze ich am Esstisch, vor mir der aufgeklappte Laptop, eingehender Anruf, das Handy knackt und pingt, der Kaffee wird kalt. Schon wieder eine Mail: „Sie haben eine Grußkarte von GMX erhalten“. Ich klicke drauf, die Animation startet. „Die Liebe einer Mutter ist genauso endlos wie ihre Telefonate. Dein Oskar“ Auf der anderen Seite des Esstischs kichert der Achtjährige in das Familientablet ...

Wie soll man Bildschirmzeit reglementieren, wenn man selbst permanent ins blaue Licht starrt? Und seit wann hat der überhaupt eine eigene Mailadresse? „Opa hat mir die eingerichtet“, sagt er. Die beiden Kleinen werden vom Papa betreut. Nur noch eine halbe Stunde, bis er zur Arbeit geht. Wir wollen versuchen, die Tage 50:50 aufzuteilen. Ich werde in meiner Hälfte nicht fertig.  

So systemrelevant ist Frühlingssonne

Gegen 16 Uhr verlassen wir das Haus. Ah, so systemrelevant fühlt sich Frühlingssonne an! Die Kinder wollen auf den Spielplatz gegenüber, der ist fast genauso voll wie sonst um diese Zeit. Männer in kurzen Hosen spielen Beachvolleyball, auch die Tischtennisplatten sind besetzt. In Mitte ist die Lage zu diesem Zeitpunkt ungeklärt: Dürfen die das, dürfen die das nicht?

Schwierig, den Kindern das Schaukeln jetzt zu verbieten
Foto: Kitty Kleist-Heinrich

Schwierig, den Kindern das Schaukeln jetzt zu verbieten. Dieser ganz normale Nachmittag soll irgendwie gefährlich sein? Wir klettern ins Auto. „Mama, wohin fahren wir?“, fragt der fünfjährige Martin – „Kleine Rundfahrt“, fasele ich. „Wir spielen Sightseeing-Bus.“ Normalerweise benutzen wir die Karre selten, schon gar nicht für Stadtfahrten. Ich bin froh, sie zu haben, um wenigstens kurz den Himmel zu sehen. Am Strausberger Platz jubeln wir über die vielen Osterglocken, die Marzahner Gärten der Welt schauen wir von außen an, im Radio läuft Tocotronics Version von „Der letzte Kranich“. Der Zweijährige Levy ist betroffen. „Kranich is traubig, Kranich weint!“

[Behalten Sie den Überblick: Corona in Ihrem Kiez. In unseren Tagesspiegel-Bezirksnewslettern berichten wir über die Krise und die Auswirkungen auf Ihren Bezirk. Kostenlos und kompakt: leute.tagesspiegel.de]

Struktur bringt Halt und Sicherheit

Die Kita verschickt eine Broschüre des Bundesamts für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe. „Ein strukturierter Tagesablauf mit festen Schlaf- und Essenszeiten gibt Halt und Sicherheit“, steht da. Ich musste mindestens 35 werden, um das zu verstehen. Bis jetzt, denke ich beim Abendessen, scheinen die Kinder es zu genießen, so viel Zeit mit ihren Eltern zu verbringen. Fragen zur Pandemie werden kaum gestellt. Schule zu, Kita zu, okay, der Rewe hat geöffnet? Super, dann reißt der Strom an Union-Sammelkarten nicht ab.

Spiele, die heute funktionieren: Aus Sockenpaaren Bälle machen und im Flur „Schweinchen in der Mitte spielen“. Besonders gut für die Stimmung ist, wenn ich das Schweinchen bin und mich ungeschickt anstelle. Levy bekommt sein eigenes Sockenpaar und wird mehrfach umgerannt. Tränen. Es gibt kein Spiel, das alle drei Kinder gleichzeitig gut beschäftigt. Einer heult immer.

Fiese-Mutter-Moment: Ich habe das Set zum Züchten von Urzeitkrebsen ganz hinten im Kleiderschrank versteckt und die Batterien aus dem Lenkrad des Bobby Cars genommen.

Moritz, wie macht Ihr es?
Die Antwort von Moritz Honert gibt es morgen um 9 Uhr.