Hooligans bei der WM : "Zuschauergewalt ist keine Erfindung des Fußballs"

Hooligans wollen in die Tagesschau, glaubt Experte Robert Claus. Warum ihm Köln Sorge bereitet und er Gruppenschlägereien legalisieren will.

Die deutsche Polizei führt Hooligans in der Datei „Gewalttäter Sport“. Sie ist umstritten, da auch Unbeteiligte aufgenommen werden können.
Die deutsche Polizei führt Hooligans in der Datei „Gewalttäter Sport“. Sie ist umstritten, da auch Unbeteiligte aufgenommen werden...Foto: Hannibal dpa/lbn

Herr Claus, die russischen Hooligans gelten als die gefährlichsten der Welt. In knapp vier Wochen startet die WM in Russland. Was wird passieren?

Ich kann nur Wahrscheinlichkeiten abstecken. Die Hooliganszene dort ist groß, sie ist bestens mit rechten Kameradschaften vernetzt und ja, sie ist teilweise paramilitärisch organisiert. Es gibt in sozialen Netzwerken Videos von russischen Hools, die Schusswaffentraining absolvieren. Zudem fand im Januar ein Treffen zwischen russischen und argentinischen Hooligans in Buenos Aires statt. Die Szene ist international vernetzt und hat alles, was es braucht, um sie als gefährlich zu beschreiben.

Wie wahrscheinlich ist es, dass wir ein „Festival der Gewalt“ erleben, wie es ein russischer Hooligan in einem BBC-Bericht angekündigt hat.

Ich habe die Dokumentation gesehen und empfand sie ehrlich gesagt als ziemlich reißerisch. Da sitzt ein maskierter Hooligan und verspricht quasi den Dritten Weltkrieg. Das halte ich in dem Ausmaß für Gepose.

Wie kommen Sie darauf?

Hooligans wollen Macht und Stärke beweisen, das ist ihr Motiv in solchen Videos. Das ist aber nur die eine Seite. Die andere ist, dass der russische Staat kein Interesse daran haben kann, sich diese Weltmeisterschaft kaputtmachen zu lassen. Wladimir Putin hat im Dezember 2016 den Rädelsführer der Krawalle bei der EM in Frankreich medienwirksam auf einer Hoteltoilette verhaften lassen. Das war ein Zeichen: Wir greifen durch. Ich kann mir gut vorstellen, dass Putin nach den Krawallen in Frankreich im vorletzten Jahr den Ehrgeiz hat, der Weltöffentlichkeit zu zeigen: „Guckt mal, so führt man ein richtiges Turnier durch.“

Putin regelt das also.

Seit fast 100 Jahren versuchen Nationalstaaten Großereignisse zu nutzen, um sich als modern und stark zu präsentieren. Das Interesse hatte Putin schon bei den Winterspielen in Sotschi. Abseits davon beobachten wir aber noch etwas. Der russische Sicherheitsapparat hat wenig gegen Gewalt, wenn sie außerhalb der Innenstädte stattfindet. Wenn sich verfeindete Gruppen in der Peripherie verhauen, auf irgendwelchen Parkplätzen oder Äckern, wo keine Kameras sind, schaut der russische Staat gern weg. Das könnte auch während der WM passieren.

Robert Claus forscht zu Rechtsextremismus, Fußballfans und sportbezogener Sozialer Arbeit.
Robert Claus forscht zu Rechtsextremismus, Fußballfans und sportbezogener Sozialer Arbeit.Foto: Sven Darmer

In Ihrem Buch bezeichnen Sie die Krawalle in Marseille 2016, als 200 Russen Tausende Engländer verprügelten, als Zäsur. Wie meinen Sie das?

Auf englischer Seite sahen wir den Hooligan alter Prägung: korpulent, alkoholisiert, Hobbyboxer. Die englische Szene ist die älteste und hielt sich lange für die stärkste. Aber die osteuropäischen Szenen haben das Zepter übernommen. Auf russischer Seite sahen wir den modernen Hool: durchtrainiert, technisch versierter Kampfsportler mit Skepsis gegenüber chemischen Drogen und Alkohol. Tatsächlich leben einige dieser russischen Hools vegan.

Sie machen Witze.

Bei Kampfsportveranstaltungen von Dortmunder Neonazis, bei denen auch russische Hooligans eingeladen waren, wurde vegane Suppe ausgeschenkt. Ein Großteil der Leute dort verstand sich als Teil des NS-Straight-Edge-Flügels, die ein Reinheitsideal von Körper und Volk predigen und auf Tabak, Alkohol, Drogen und Fleisch verzichten. In Rostock hat sich eine Gruppe gespalten, unter anderem weil der eine Teil dem anderen zu viele Drogen nahm.

Der Hooliganismus hat einen langen Weg hinter sich.

Es begann mit Kids aus dem proletarischen Milieu, die zu Beginn der 60er Jahre in England randalierten. Zuerst nicht im Stadion, sondern bei Tanzveranstaltungen in Diskos. Ob einem das gefällt oder nicht, darin zeigte sich früh der Wunsch nach gesellschaftlicher Teilhabe. Über die Hools wurde geredet, sie kamen im Fernsehen vor. Das ist bis heute so: Bist du in der Tagesschau, bist du Teil der Gesellschaft.

Warum gingen Hooligans danach ins Stadion?

Das hat mit der Professionalisierung des Fußballs in den 70er Jahren zu tun. Mit der Kommerzialisierung wird der Fußball zu einer Bühne, die Aufmerksamkeit garantiert. In Deutschland findet die Kommerzialisierung seit den 80ern statt, interessanterweise kommt gleichzeitig der Hooliganismus auf. Es gibt einen Zusammenhang. Studien haben herausgearbeitet, wie junge Hooligans den Konsumzwang — Montagsspiele und hohe Ticketpreise — als Gewalt wahrnehmen und auf ihre Weise antworten.