Hotelkolumne : Eine Nacht im legendären Cipriani

Venedig ganz für sich! Unmöglich. Es sei denn, man checkt ein auf der Insel Giudecca, im Schatten von Orangenbäumen und Hortensien.

Das Boot aus Lärchenholz bringt einen in vier Minuten zum Markusplatz.
Das Boot aus Lärchenholz bringt einen in vier Minuten zum Markusplatz.Foto: Belmond Hotels

Gedankenspiel. Wie wäre es, wenn man Venedig einmal ganz für sich hätte? Auf den Markusplatz gucken, ohne sich im Getümmel zu platzängstigen. Am Canale spazieren, ohne fast reingedrängt zu werden. Dolci und Vino kaufen, statt glitzernder Masken und kitschiger Schwäne aus Murano-Glas. Kunst anschauen, ohne Schlange zu stehen. Schlaraffenland für Erwachsene.

Ein schöner Traum.

Auf der Giudecca wird er heute Nacht wahr. Die Insel gegenüber dem Markusplatz ist Venedig ohne Touristen. Man könnte fast sagen: Venedig ohne Venedig.

Und auch die alte Frage, ob man lieber in einem schönen Haus wohnen will oder auf ein schönes blicken, lässt sich an diesem Tag überschwänglich beantworten: beides! Man schläft schließlich im exklusivsten Hotel, dem ehrwürdigen „Cipriani“, und blickt dabei auf eine der eindrucksvollsten Kulissen der Welt, den Campanile di San Marco und die Kirche San Giorgio Maggiore.

Stefano oder Massimiliano haben einen gerade vom eigenen Anlegesteg bei San Marco mit dem Boot aus Lärchenholz über die Wellen gefahren, vier Minuten dauert die Anreise, jetzt bleibt noch Zeit, bis das Zimmer bezugsfertig ist, also erst mal durch den Garten spazieren.

Zwergkaninchen und duftende Rosen

Inmitten der Reben, dort, wo schon Casanova lustwandelte, mümmelt zur Begrüßung Tobia, das weiße Zwergkaninchen. Der Hoteldirektor hat es hierhergebracht, auf dass es ein besseres Leben habe als in seiner Wohnung. Auch Tobia profitiert von: Venedig ohne Venedig.

Stattdessen Bäume voll saftiger Orangen, duftende Rosen, üppige Hortensien. Die Luft erfüllt vom Salz der Lagune. Einziges Geräusch – das Gackern dreier vorbeiwatschelnder Enten. Tobias Traum.

Queen Elizabeth, Julia Roberts und die Clooneys

Doch nicht nur Tobia träumt. Queen Elizabeth, Julia Roberts und Jude Law haben hier bereits Erholung von Venedig gesucht, während sie in Venedig waren. George und Amal Clooney feierten 2014 ihre Hochzeit auf dem Gelände, bei der sie Gästen die Handys abnahmen. Mehr brauchte es nicht zur absoluten Privatsphäre. Ihre Zwillinge lernen die Stadt ebenfalls von ihrer besten Seite kennen.

Jetzt endlich den verspiegelten Hotelflur entlang, in dem schon Ronald Reagan sein Aussehen überprüfte. Es riecht nach chinesischer Mocenigo-Rose und sizilianischer Bergamotte, vor dem Aufzug stehen Gläser gefüllt mit hausgemachten Bonbons in den zartesten Pastellfarben. Minze, Orange, Zitrone.

Vom Hof leuchtet der größte Hotelpool Europas herauf. 600 Quadratmeter ist er riesig, weil sich der venezianische Bauherr und die irischen Architekten mit den Einheiten Fuß und Meter verheddert hatten.

Bellini und Harry's Bar

Das war im Jahr 1958, als Giuseppe Cipriani – der Erfinder des Pfirsichcocktails Bellini, bekannt geworden durch seine „Harry’s Bar“ auf dem Markusplatz, die schon Humphrey Bogart und Ernest Hemingway stilvoll besoffen machte – als dieser Giuseppe Cipriani also das Hotel zusammen mit der Familie Guinness auf der Giudecca erbauen ließ. Cipriani wollte der Stadt keinen weiteren Palazzo hinzufügen und entschied sich für ein schlichtes altrosa Landgut.

Wo einst Casanova lustwandelte, mümmelt jetzt Zwergkaninchen Tobia.
Wo einst Casanova lustwandelte, mümmelt jetzt Zwergkaninchen Tobia.Foto: Ilja Behnisch

Alles andere hätte auch nicht gepasst, merkt man beim ersten Rundgang über die Insel. Hier zieht man keine Rollkoffer hinter sich her, sondern Einkaufswägelchen oder Dackel. Zwischen den niedrigen Backsteinhäusern trocknet Wäsche, beim Metzger steht ein Stuhl für müde Kunden, in einem Schaufenster haben die lokalen Fußballer ihre Pokale unter einer ausgeblichenen Gardine ausgestellt. In der „Palanca Bar“, vor der die Vaporetti anlegen, stürzen Gondolieri und Fischer die Espressi.

Der Müllmann schwätzt mit dem Postboten. Ein Mütterchen trägt ein Netz voll triefender Muscheln. Vor einer Kirche verkauft jemand Trödel. Dazwischen schlurft ein Mönch aus dem Redentore-Kloster in brauner Kutte.

Hier leben ja echte Menschen!

Minzshampoo und Gondeln

Auf der Giudecca gibt es noch Platz, kaum Hotels, wenige Airbnbs. Zwar eröffnen auch an diesem Ort zunehmend Galerien und Architekturbüros. Doch die Gentrifizierung klingt derart harmlos: Ein Zugereister hat Zettel aufgehängt, „Sing a song.“ Er will den Inselbewohnern berühmte Liedtexte aus dem Englischen übersetzen und ihnen bei der Aussprache helfen.

Die Giudecca, das sind acht Inseln, durch Brücken und die Hauptstraße Fondamenta zusammengehalten. Ob der Name von den hierher verbannten Juden, Giudei oder (wahrscheinlicher) den ebenfalls ausgelagerten Verurteilten, Giudicati, kommt, ist umstritten.

Donnerstagfrüh verkaufen jedenfalls noch immer Insassinnen vor dem Frauengefängnis handgezogene Salate und selbst gemachtes Minzshampoo. Ihre Lebensgeschichten erzählen sie auch.

In einem Hinterhof lackieren ein paar Männer an einer Gondel herum, auf der Insel liegen gleich zwei der selten gewordenen Werkstätten. Etwa 25 000 Euro wird ein fertiges Stück Legende kosten, in monatelanger Arbeit aus acht Hölzern gebaut. Eine Gasse weiter sitzen im kommunistischen Hauptquartier Rentner an fleckigen Tischdecken bei einem Spritz und warten auf den nächsten Gegner im Skat.

„Von 8000 Einwohnern sind 7999 Kommunisten“ hieß es einst über die Giudecca. Heute wohnen hier nur noch gut 6000 Menschen, darunter viele Studenten. Noch immer trägt die Insel Rot. Graffiti beschimpfen Faschisten, auf den Außenbordmotoren kleben „Refugees welcome“-Schilder.

Und im kleinen „Food&Art“ am Campus Junghans, gegründet von einem alten kommunistischen Kämpfer, bekommen Arbeiter und Studenten einen günstigen Mittagstisch mit venezianischen Klassikern wie Kalbsleber an Polenta.

Abends servieren sie den Stammgästen und den Wir-sind-keine-Touristen wirklich gute Pizzen für ein paar Euro. An der Wand hängt ein Bild von Antonio Gramsci, dem marxistischen Philosophen und Mitbegründer der Kommunistischen Partei Italiens. Gegenprogramm zum Cipriani.

Vorbei an Elton John

Nun heimwärts schlendern durch die immerfeuchten Straßen, vorbei an der Casa dei tre Orci, wo man die Fotoausstellung ganz für sich hat, ein unscheinbares Haus passieren, von dem gelber Putz blättert (Fondamenta San Giovanni, 25). Darin wohnt, wenn auch selten, Elton John. Doch als echter Giudeccaner kümmert einen das jetzt nicht.

Wo die echten Menschen wohnen. Auf der Giudecca haben die Touristen noch nicht übernommen.
Wo die echten Menschen wohnen. Auf der Giudecca haben die Touristen noch nicht übernommen.Foto: Julia Prosinger

Man kommt den Stars doch im Cipriani gleich noch viel näher. Auf dem Zimmer durchs marmorne Bad tanzen (hat Natalie Portman das auch gemacht?), sich auf das mit Fortuny-Stoff bezogene Sofa werfen (so wie einst Lady Di?). Man könnte jetzt noch runtergehen, an die Bar, wo Liz Taylors Hund Honey aus Kristallgläsern getränkt wurde.

Aber nicht nötig. Gegenprogramm! Am Fenster werden bereits eine Flasche Prosecco und Nektar vom weißen Pfirsich gekühlt. 2:1 mischen. Bellini! Mit diesem Sonnenuntergang im Glas vom Balkon den Sonnenuntergang über der Lagune betrachten. Drei Enten gackern im Garten. Kaninchen Tobia schläft schon.

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