Hotelkolumne: In Fremden Federn : Im großen Berlin-Zirkus

Als Tourist in der eigenen Stadt in Mitte: Rosenthaler Platz, immerwährender Jahrmarkt. Vom Zimmer im The Circus hat man einen Blick wie aus der Loge.

Max Polonyi
Viel Holz, dunkle Tapeten und kalifornischer Nippes: Willkommen in The Circus.
Viel Holz, dunkle Tapeten und kalifornischer Nippes: Willkommen in The Circus.Foto: www.circus-berlin.de

Kommt ein Mann Ende 20 in kurzen Hosen in einen Imbiss am Rosenthaler Platz und fragt den Grillmeister hinter der Fritteuse auf Englisch: „Wissen Sie, wo die Weinmeisterstraße ist?“ Der guckt nur auf seine Bratfläche, schüttelt den Kopf, schon wieder so einer. Lässt noch eine „Originale“ ins siedende Fett gleiten, pumpt glänzende Mayo auf Fritten, schwitzt und wirbelt herum in drei Quadratmetern stahlgebürsteter Imbissküche. Jetzt mal Klartext, Berlinenglisch: „Weeßte, I come here in the morning out of the underground, work, and then go back to Lichtenberg.“ Er guckt auf die Kreuzung, sie liegt da wie eine Manege. Wenn alle hier Teil einer Show sind, Darsteller im großen Berlin-Zirkus, ist er der grimmige Clown, der langsam echt die Schnauze voll hat.

„That’s so Berlin“

Rosenthaler Platz, Tor nach Mitte, immerwährender Jahrmarkt. Vom Zimmer im The Circus hat man einen Blick wie aus der Loge. Vorhänge auf für die Nacht.

Beim Rosenback-Kiosk gegenüber, Bäcker, Toilette und Biergarten in einem, trinken wasserstoffblonde, volltätowierte Jungs mit US-Touristen in Joggingschuhen Bier und schauen PS-Boliden zu, wie sie an der Kreuzung ihre Motoren brüllen lassen, die klingen wie dressierte Löwen.

An der Ampel der Dompteur mit Plastiktüte und in fleckigem Hemd. Eben fragte er noch nach 20 Cent oder was zum Rauchen. Jetzt torkelt er auf die Fahrbahn, wird behupt und beschimpft, stänkert zurück. „Haha“, schallt es von den Bierbänken, der dumme August, „that’s so Berlin“.

Die Show endet erst früh am Morgen

Doch wer will schon nur Zuschauer sein? Also los, über die verwinkelten, skandinavisch verholzten Flure, vorbei an indianischen Wandteppichen, kalifornischem Nippes, auch mal dunklen Tapeten runter auf die Straße.

Was Starkes jetzt: Ein paar Meter die Torstraße runter liegt die Neue Odessa Bar. Am Wochenende ist hier Halligalli mit Türsteher, heute fläzen sich Schwarzgekleidete mit dickflüssigen Drinks an die Tische. Blasen mit zurückgelehnten Köpfen Zigarettenrauch ins unendliche, krasse Universum da oben, rekeln sich träge, streicheln sich gegenseitig im Rausch von irgendwas. Kunststück Coolness, die Artisten der Nacht lassen sich gerne dabei zusehen.

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Die Show endet erst früh am Morgen, wenn sie im St. Oberholz die Laptops aus dem Standby holen. Zurück ins The Circus. Das Bett ist hart und gut. Von draußen dudeln einen die Krankenwagensirenen wie ferne Drehorgeln in den Schlaf. Rosenthaler Platz. Manege von Mitte. Vorhang zu.

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