Hotelkolumne: In fremden Federn : Landleben in Marienfelde

Als Touristin in der eigenen Stadt: Das „Landhaus Alpinia“ ist die Inszenierung eines voralpinen Südens.

Blick ins Grüne. Das Hotel bietet 58 Zimmer und einen schönen Garten.
Blick ins Grüne. Das Hotel bietet 58 Zimmer und einen schönen Garten.Foto: Landhaus Alpinia

Was ist die Definition von Land?  Schlafen bei geöffnetem Sprossenfenster? Morgens Müsli vom Weichholzbuffet? Dann ist man hier auf dem Lande erwacht. Das umliegende Marienfelde jedoch „Land“ zu nennen, würde einige erzürnen. Aus einer größeren Herde kleinerer Einfamilienhäuser ragt vierstöckig, vanilleeisfarben, das „Landhaus Alpinia“. Nichts wirkt entfernter als die Highlights der Hauptstadt, ja überhaupt die Tatsache, dass es sich bei Berlin um eine Hauptstadt handelt. Der 277er fährt alle 20 Minuten zur S-Bahnstation Buckower Chaussee.

Doch die Stammgäste am südlichen Ende der Stadt wollen gar nicht in Berlins Herz, sie schwärmen am Morgen ins nahe Gewerbegebiet aus: Regeltechnik, Schweißtechnik, GE Power Conversion. Easy Car Logistics, Fensterbau, Bäckereigrundstoffe. Hauptsache, das Wlan funktioniert, und so sitzen dann die Geschäftsreisenden noch spät im gut eingewachsenen Garten und funken ihre Tabellen in die Welt.

Deutschland komme die Mitte abhanden, heißt es. Aber vielleicht ist sie bloß nach Marienfelde geflüchtet. In diese Gegend mit Kombibad, Wohneigentum, Trabrennbahn, Naherholung im Britzer Garten und dem neonleuchtenden Sixties-Diner an der Ausfallstraße nach Teltow-Fläming.

Südlicher wird Berlin nicht

Oder in dieses Landhaus für Leute in ihren mittleren Jahren. Angestellte im Mittelbau mittelständischer Unternehmen mit mittleren Einkommen. Den Mittelklasse-Wagen haben sie in die hauseigene Garage gezirkelt. Drumrum liegt der große Teppich von Mittelstands-Häusern.

Teppichboden im Zimmer, Zierleisten an der Wand, Strukturtapeten, Stoff-Orchideen, sehr gepflegt das alles. Kein Zitat einer vergangenen Zeit, es ist einfach so. Wenn nicht gerade in Brandenburg die Wälder in Flammen stehen, zieht morgens eben jene taufrische Kühle ins Zimmer, die auch über den Gärten der Nachbarimmobilien liegt. Im Aufzug hängt ein Ausdruck der Wettervorhersage für den Tag: mittlere Windstärken West.

Gleichzeitig ist das „Landhaus Alpinia“ die Inszenierung eines voralpinen Südens. Und südlicher wird Berlin ja nicht. Die Gäste mit der spezifischen Genügsamkeit der Geschäftsreisenden wollen nur arbeitsfähig bleiben. Sie fragen deshalb nicht nach Kneipen, sondern nach einer guten Joggingstrecke. Einfach die Säntisstraße entlanglaufen, heißt es, der Säntis seinerseits der höchste Berg des Appenzeller Alpsteins. Die Tauernallee entlang durch die vollkommen flachen, jedoch nach Alpengipfeln benannten Straßen bis zum Britzer Garten. In der Mitte liegt ein See.