Hotelkolumne: In fremden Federn : Wedding für Romantiker

Brautmodengeschäfte an jeder Ecke und junge Paare in den Lokals: Unser Autor übernachtet im Steps Hotel und muss ständig ans Heiraten denken.

Das Steps Hotel in Wedding.
Das Steps Hotel in Wedding.Foto: www.steps-hotel.de

Brautmodengeschäfte, das lernen Ortsfremde rund um den Leopoldplatz recht bald, sind disziplinierter als Friseure und Burger-Restaurants. Weiße Kleider in Schaufenstern gibt es zuhauf, und keines ist der Versuchung erlegen, einen „Wedding“-Witz zu machen.

Vielleicht nehmen sie Hochzeiten hier einfach zu ernst, um sie für Wortspiele zu missbrauchen. Jedenfalls würde es erklären, warum ständig jemand hupt: Wenn jemand bremst, wenn jemand nicht bremst, wenn jemand es wagt, eine Straße überqueren zu wollen. Alles nur Generalprobe für den Autokorso nach der Trauung.

Gleich bei der U-Bahn bauen ein paar Markthändler ihre Stände ab. Es ist dunkel und nass, Kunden kommen da sowieso kaum. Nur aus einem Fenster der Neuen Nazarethkirche flackert buntes Licht wie aus einer Disko. Wirkt nicht wie eine Hochzeit. Links abbiegen in die Turiner Straße, wo die Spätis flimmern und ein paar Meter weiter ein Blaulicht vorbeiblitzt. Amsterdamer, Ecke Utrechter. International hier, nicht nur auf den Schildern. Vorbei am Schrader’s, einem der ältesten Restaurants in der Gegend, das war schon da, als der Wedding noch viel rauer war, wie es heißt. Rein in die Liebenwalder und rein ins Steps Hotel, das schon fast so lange besteht, seit 2001 nämlich.

Mehr Klassenfahrt-Feeling als Flitterwochen

Erst übersieht man beinahe den Eingang, weil die Fassade eingerüstet ist: Im Herbst 2017 hatte ein Sturm das Dach abgedeckt, und der Regen ließ die obere Etage zwischenzeitlich unbewohnbar werden. Innen fällt gleich die Ruhe auf. Ungewöhnlich, sind gerade vor allem Schülergruppen in den Zimmern aus hellem Holz eingebucht. Sportlich geht es über exakt 100 Stufen statt mit dem Aufzug ins Dachgeschoss. Mehr Klassenfahrt-Feeling als Flitterwochen. Im Innenhof stehen Holztische unter Eschenbräu-Sonnenschirmen. Biergartenwetter wäre jetzt gut.

Stattdessen eine Runde um den Block drehen, die Pizza bei Stranero ist fabelhaft, das hat sich rumgesprochen. Der Ofen steht im Raum und heizt gefühlt den ganzen Kiez. Die Kellner sind tatöwierte Italiener, die Gäste junge Paare und Männergruppen im Anzug. Dazwischen offenbar erste Dates. Noch weit weg von einer Verlobung, doch irgendwo muss man schließlich anfangen. Man will als einzelne Person nicht stören, also satt wieder raus aus dem Lokal, runterkühlen. Vorbei an Umzugsfirmen, vorbei an einer Firma für Wohnungsauflösungen. Klingt nach Scheidung. Schnell weiter.

Vor dem Schlafen noch ein Bier im Kugelblitz. In der Hertha-Kneipe sitzen ältere Männer neben ihren Ehefrauen. Eher rau als romantisch, aber beständig. Wedding bleibt stabil.

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