Interview mit Amy Wilkinson : „Ich würde auch auf den Mars umziehen“

Elon Musk gestand ihr seine Angst, mit dem Dropbox-Gründer sang sie Karaoke. Amy Wilkinson über Geschäfte und Geheimnisse im Silicon Valley.

Autorin und Stanford-Dozentin Amy Wilkinson hat für ihr Buch "The Creator's Code" 200 Gründer befragt.
Autorin und Stanford-Dozentin Amy Wilkinson hat für ihr Buch "The Creator's Code" 200 Gründer befragt.Foto: Thilo Rückeis

Frau Wilkinson, das Silicon Valley wird in Deutschland oft verklärt. Die ARD versah eine Dokumentation über San Franciscos Gründerszene mit dem Titel „Go West, Ihr Genies!“. Dabei sind die Geschäftsfelder der meisten Start-ups trivial: Möbel übers Internet verkaufen oder Essen mit Fahrradkurieren ausliefern. Sind die Tech-Unternehmer vor allem geschickte Selbstdarsteller?

Nein, ich habe mich mal mit Sheryl Sandberg darüber unterhalten …

… die ja selbst bloß Angestellte von Facebook ist …

… genau. Sandberg findet, dass Gründer wie Zuckerberg nicht nur die außergewöhnliche Fähigkeit besitzen, eine Lücke zu erkennen, sondern, was genauso wichtig ist, andere hochqualifizierte Menschen um sich zu scharen. Keiner kann ein Unternehmen dieser Größe alleine aufbauen.

Sie haben für Ihr Buch 200 Gründer befragt, deren Unternehmen mehr als 100 Millionen Dollar Umsatz machen. Darunter Stars der Szene: Pierre Omidyar von Ebay oder Howard Schultz von Starbucks. Was haben Sie von ihnen gelernt?

Aus den sehr persönlichen Geschichten habe ich eine Systematik herausdestilliert, wie man gute Geschäftsideen generiert. Howard Schultz erzählte mir zum Beispiel, wie er einmal in Italien seinen Cappuccino in einem Café trank, in dem sich die ganze Nachbarschaft traf. Amerikaner hatten damals nichts Vergleichbares: einen dritten Ort neben der Wohnung und der Arbeitsstelle, an dem sie sich täglich aufhalten konnten. Schultz hat also etwas Existierendes genommen und auf andere Umstände übertragen. Er hat die Kaffeekultur ja nicht erfunden.

Gründer sind also gute Plagiatoren.

Das reicht nicht. Die erste Starbucks-Filiale in Seattle war die exakte Kopie eines italienischen Kaffeehauses – mit livrierten Kellnern und Opernmusik. Der Laden lief nicht, das Konzept musste erst auf Amerikas Nordwesten zugeschnitten werden: mit Selbstbedienung, freier Platzwahl.

Amy Wilkinson

Amy Wilkinson ist Dozentin an der Stanford Graduate School of Business, der Kaderschmiede des Silicon Valley. In Hongkong geboren, wuchs Wilkinson in der Nähe von Seattle auf. Sie studierte Soziologie, anschließend Management. Wilkinson arbeitete unter anderem bei der Bank J. P. Morgan im Bereich Unternehmensfusionen und im Weißen Haus unter George W. Bush als Beraterin für Handelspolitik. Für ihr Buch „The Creator’s Code“ befragte sie 200 Gründer nach ihren Strategien. Wilkinson lebt in San Francisco, wo sie die Beratungsgesellschaft Ingenuity gegründet hat, die alteingesessenen Unternehmen die Qualitäten von Gründern beizubringen versucht.
Zum Interview in der American Academy kommt Wilkinson eine Viertelstunde zu spät: Sie steckte im Berliner Berufsverkehr. Sie ist eine große Frau mit schnellen Schritten. In der Bibliothek der Wannsee-Villa setzt sie sich an die Stirnseite des Holztischs und faltet ihre Hände. Ihren ersten Kaffee hat sie heute bei Starbucks am Ku’damm getrunken. Auf ihren vielen Reisen sei die Kaffeekette „ein Stück Heimat“, sagt sie. Ihre Mutter war eine der ersten Aktionärinnen.

Mittlerweile stellt Schultz’ Variante das italienische Original in den Schatten. Mögen Sie Starbucks?

Sehr! Erst heute morgen habe ich in der Filiale am Ku’damm meinen „Nonfat Latte“ getrunken. Aber worauf ich hinaus will: Bei Gründungen ist entscheidend, darauf zu achten, was anders läuft, als man es sich vorgestellt hat und schnell nachzujustieren. Youtube war zunächst als Dating-Plattform mit bewegten Bildern geplant. Die Gründer testeten die Beta-Version in einem Zoo. Sie schnitten Kurzfilme von Elefanten zwischen die Selbstdarstellungsclips und stellten fest, dass die Elefanten-Videos besonders gut ankamen. Deshalb öffneten sie die Plattform für andere Inhalte.

Dieses Jahr hat der Nimbus des Silicon Valley stark gelitten. Im März kam heraus, dass Facebook Nutzerdaten unrechtmäßig weitergegeben hat.

Man kann doch nicht im Ernst glauben, Facebook sei genauso umsonst wie die Luft, die wir atmen! Es handelt sich um einen Kommunikationskanal – wie ein Telefon. Dafür bekommt man ja auch eine Rechnung. Bei Facebook bezahlt man mit seinen Daten. Vielleicht hat der Skandal dazu beigetragen, dass Unternehmen ihre Geschäftsmodelle künftig deutlicher kommunizieren.

Elon Musk von Tesla sah das Ganze weniger gelassen als Sie. Aus Protest kündigte er seinen Facebook-Account. Kurz darauf geriet auch seine Firma in Turbulenzen. Erst wegen Lieferschwierigkeiten, dann bekam Musk Ärger mit der Börsenaufsicht, die ihm Kursmanipulation vorwarf und ihn aus dem Verwaltungsrat drängte. Geht seine Ära zu Ende?

Aber es ist doch nicht das erste Mal, dass Musk erledigt scheint! Er erzählte mir, dass er sich in der Gründungsphase seiner Start-ups permanent so gefühlt habe, als würde er Glas kauen. Ständig habe er in den Abgrund geblickt. In den Nachwehen der Finanzkrise hat er sogar ein staatliches Darlehen annehmen müssen – und es vorfristig zurückgezahlt. Plus Zinsen. Immer begleite ihn eine relativ starke Angst vor dem Scheitern, sagte er mir. Er mache trotzdem weiter, weil er die Umstellung auf nachhaltigere Energien als zwingend ansehe. Wer ihn jetzt abschreibt, unterschätzt ihn.

Es gibt sogar einen echten Kriminalfall in der Gründerszene: Elizabeth Holmes, die angeblich 700 Millionen Dollar für einen neuartigen Bluttest eingesammelt hat, drohen 20 Jahre Haft. Bevor herauskam, dass sie Testergebnisse fälschte, interviewten Sie Holmes. Deutete irgendetwas darauf hin, dass Sie es mit einer Hochstaplerin zu tun hatten?

Im Nachhinein fiel mir auf, dass ich in Holmes’ Firma keinen einzigen Angestellten zu Gesicht bekommen habe. Ich wurde von einem Raum in den nächsten geschleust. Im Gespräch fand ich Elizabeth Holmes einnehmend: eine ambitionierte Stanford-Absolventin mit stechend blauen Augen, blondem Haar und schwarzem Rolli, den sie immer trug – wie Steve Jobs. Damals gab es keinen Grund, misstrauisch zu sein. Einige Stanford-Professoren saßen bei ihr im Aufsichtsrat, zudem die politische Elite wie Henry Kissinger.

Raumfahrt. SpaceX-Chef Elon Musk träumt davon, dass Menschen andere Planeten besiedeln.
Raumfahrt. SpaceX-Chef Elon Musk träumt davon, dass Menschen andere Planeten besiedeln.Foto: imago/UOi Photo

Kissinger soll extra für Holmes einen Limerick gereimt und bei einer Party vorgetragen haben. Finden Sie es nicht übertrieben, wie sehr vermeintlich erfolgreiche Start-up-Gründer hofiert werden?

Holmes schien eine revolutionäre medizinische Methode entwickelt zu haben: binnen Sekunden aus nur einem Blutstropfen unzählige Krankheiten herauszulesen – auf genetischer Basis.

Als ihr Verfahren nicht klappte, ließ sie das Blut heimlich in den üblichen Ampullen und mit normalen Siemensgeräten untersuchen.

Das wissen wir jetzt. Ein Soforttest wäre für Soldaten im Kriegsgebiet mitunter lebensrettend gewesen. Da ist doch nichts dagegen einzuwenden, wenn sich andere Menschen dafür begeistern.

Holmes’ Freund, der Vorstandschef Ihres Unternehmens war, fuhr in einem Lamborghini mit dem Nummernschild „Veni Vidi Vici“ durch die Bay Area. Wird im Silicon Valley mittlerweile genauso geprotzt wie in Palm Beach, wo Trump seine Villa hat?

Nein, Gründer sind meist unscheinbar. Letztens war ich mit ein paar Freunden in einer schrabbeligen Karaoke-Bar. Auf einmal bemerkte ich: Da steht ja Drew Houston auf der Bühne, der Gründer von Dropbox. Ein Milliardär. Houston hielt sich wahrscheinlich für einen besseren Sänger, als er ist, aber das Singen machte ihm großen Spaß. Niemand im ganzen Laden nahm Notiz von ihm.

Sie arbeiteten als Investmentbankerin, im Weißen Haus und in Harvard. Mittlerweile lehren Sie in Stanford. Unterscheiden sich Tech-Gründer von Bankern und Politikern?

Ja, in ihren Prioritäten. Geld gibt es im Silicon Valley zuhauf, Technologie kann immer neu erfunden werden. Zeit ist die knappste Ressource. Gründer wollen ihre Zeit einsetzen, um etwas zu erfinden, dass das Verhalten der Menschen auf der ganzen Welt verändert. Die zentrale Frage ist: Lebe ich lang genug, um mein Werk vollendet zu sehen?

Wer hat einen derart langfristigen Businessplan?

Elon Musk, der ja auch den Raketenbauer SpaceX gegründet hat, sorgt sich, ob er es noch erlebt, dass Menschen andere Planeten besiedeln. Die durchschnittliche Lebensspanne beträgt 80 Jahre, Musk ist Ende 40. Die Zeit läuft ihm davon.

Der Google-Gründer Larry Page lässt daran forschen, das Altern aufzuhalten. Die Weltverbesserungsanstrengungen der Tech-Milliardäre klingen manchmal, als hätten Kinder sie sich ausgedacht.

Von Pages Forschungen hat man schon länger nichts mehr gehört. Musks Überlegungen finde ich faszinierend. Im Gespräch fasste er die Menschheitsgeschichte zusammen: vom Einzeller zum Mehrzeller, vom Leben, das sich erst in den Ozeanen entwickelte und sich dann aufs Land ausbreitete. Er, Musk, nehme jetzt den nächsten Schritt der Evolution in Angriff. In Zeiten von Klimawandel und Ressourcenausbeutung sei es zwingend, dass die Menschheit weitere Planeten erschließt.

Nur, was ist das noch für ein Leben – abgeschirmt unter Kuppeln ohne Bäume oder Vögel?

Ich lebe auch lieber in San Francisco als auf dem Mars. Aber wenn auf der Erde das Wasser ausgeht, würde ich schon umziehen.

Im Jahr 2016 haben die großen Unternehmen aus dem Silicon Valley erstmals mehr Geld für republikanische als für demokratische Kongressabgeordnete gespendet: also für Mitglieder der Partei, die in Teilen den Klimawandel und die Evolution leugnet. Wie geht das zusammen?

Das kann ich mir nicht vorstellen. Woher haben Sie die Zahl?

Sie stand in der „New York Times“. Unter der Abkürzung PAC waren die Spenden von Microsoft, Facebook, Google and Amazon zusammengefasst.

Ich kann mir das nur so erklären, dass der Libertarismus im Silicon Valley verbreitet war: die Idee, dass die Politik einen am besten in Ruhe lassen sollte. Diese Einstellung hat sich seit Trump geändert.

Spanx-Gründerin Sara Blakely ist die jüngste Milliardärin der Welt.
Spanx-Gründerin Sara Blakely ist die jüngste Milliardärin der Welt.Foto: imago/Zuma Press

Der Venture-Capital-Unternehmer Peter Thiel, der als erster Externer in Facebook investierte und mittlerweile ein Privatvermögen von 2,7 Milliarden Dollar angehäuft haben soll, plant unter dem Label „Seasteading“ künstliche Inseln – außerstaatliches Terrain, auf dem er die Regeln bestimmen kann. Sie sind mit ihm befreundet …

… wir haben zusammen in Stanford studiert. Thiel wurde im Valley übrigens derart angefeindet, weil er Trump unterstützt, dass er nach Los Angeles umzog. Die unpolitischen Zeiten sind vorbei.

Thiel kann seinen Geschäften von überall in der Welt aus nachgehen.

Aber man kann ihn doch nicht einfach aus seiner Heimatstadt vertreiben, weil er eine missliebige Meinung hat! Abgesehen davon glaube ich, dass das Lokale in der digitalen Wirtschaft sehr wohl von Bedeutung ist. Bei neuen Gründungen handelt es sich oft um so komplexe Geschäftsmodelle im Bereich von Künstlicher Intelligenz oder Blockchains, die sich nur verwirklichen lassen, wenn Spezialisten in Gruppen zusammenarbeiten. Ich bin jetzt ein paar Tage in Berlin, und mein Eindruck ist, dass die Stadt das Tech-Zentrum von Europa wird. In London, wo ich vorher war, ist in der Hinsicht viel weniger los.

Nur jedes zehnte deutsche Start-up wird von einer Frau gegründet. In den USA sollen es sogar nur zwei Prozent sein. Warum herrscht in der Gründerszene ein derart krasser Frauenmangel?

Weil in den Venture-Capital-Firmen, die in die Digitalfirmen investieren, fast nur Männer sitzen. Und die fördern ihresgleichen.

Das ist eine häufige Unterstellung. Gibt es Belege?

Die Risikokapitalunternehmen sind unerforschtes Terrain. Doch psychologische Studien besagen, dass wir Menschen mehr vertrauen, wenn sie uns ähnlich sind.

In Ihrem Buch kommen auch einige Frauen zu Wort. Erzählen Sie bitte, wie es ihnen gelang, sich in der Männerwelt durchzusetzen.

Nehmen Sie Sara Blakely von SpanX, einem Wäsche-Label. Blakely klapperte als Vertreterin für Fax-Geräte in Atlanta Büros ab. Dabei trug sie auch im Sommer Nylonstrumpfhosen, weil die ihr einen schönen Hintern formten. Sara erzählte mir, wie sehr sie darin schwitzte. Schließlich erfand sie beinfreie Strumpfhosen: „Power Panties“. Die machten sie zur jüngsten Milliardärin der Welt.

Nur wenn Frauen halb transparente, figurbetonende Unterwäsche designen, geben ihnen die Männer in den Risikokapitalunternehmen Geld?

Sara Blakely hat gar kein Venture Capital bekommen. Sie musste ihr Unternehmen mit Ersparnissen von 5000 Dollar aufbauen. Ihr Glück. Heute ist sie die alleinige Besitzerin. Hier zeigt sich eine weitere Regel: Es erweisen sich oft die Geschäftsideen als erfolgreich, die aus einem eigenen Problem heraus geboren sind.

Auf welche Unternehmen trifft das noch zu?

Joe Gebbia von Airbnb erzählte mir, dass die Idee für das Vermietungsportal entstand, als ihm und seinen Mitbewohnern eines Tages eine 25-prozentige Mieterhöhung angekündigt worden war. Die konnten sie als Designstudenten nicht bezahlen. Damals stand eine Konferenz in der Stadt an, die Hotels waren ausgebucht, und so nahmen sie erstmals auswärtige Konferenzteilnehmer gegen Geld bei sich auf: auf Luftmatratzen. Bis heute ist Gebbia mit seinen ersten Gästen befreundet.

Mittlerweile vermieten kommerzielle Anbieter über Airbnb Wohnungen an Touristen, auf Kosten des Wohnungsmarkts. Als in Berlin vor einiger Zeit ein Gesetz für die Begrenzung solcher Ferienwohnungen verhandelt wurde, wehrte sich Airbnb mit einer Anzeigenkampagne. Geschäftsinteressen gehen also doch vor Weltverbesserung.

Die Grundidee von Airbnb ist, dass Menschen auf Reisen in einem persönlichen Setting unterkommen. Das finde ich nach wie vor sympathisch. Außerdem hat das Unternehmen seine Homepage so umgestaltet, dass bei Naturkatastrophen Zimmer umsonst vergeben werden können.

Auch Sie haben ein Start-up gegründet: eine Beratungsfirma, die Unternehmen die Kompetenzen von Gründern beibringt. Haben Sie einen Tipp für die Alteingesessenen?

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Nicht immer so freundlich zueinander zu sein. In der Gründungsphase stehen Unternehmen oft knapp vor dem Aus. Da bleibt den Inhabern nichts anderes übrig, als sich gegenseitig die Meinung zu sagen. Diese mitunter schonungslose Ehrlichkeit geht später meist verloren.