"Mein Onkel war für die deutschen Besatzer unersetzlich"

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Interview mit Anatol Gotfryd : „Schneeweiße Zähne sind grässlich“
Gotfryd lebt in einer von Muthesius erbauten Villa in Berlin-Nikolassee.
Gotfryd lebt in einer von Muthesius erbauten Villa in Berlin-Nikolassee.Foto: Thilo Rückeis

Haben Sie jemals Leute abgewiesen?

Selten. Danka hatte mal einen Anwalt in Behandlung, der war Mitte 40. Plötzlich klingelt es: eine Mutter mit kleinem Kind, das heult, Schmerzen hat. Meine Frau entschuldigt sich bei dem Mann, das Kind hat Vorrang. Da stellt sich der in die Tür, schimpft laut auf die „Scheißpraxis“ und stampft mit dem Fuß. Völlig infantilisiert. Womöglich hatte er Geschwister, die ihm als Kind vorgezogen worden waren, und nun fand er sich in einer ähnlichen Situation wieder. Als er später auf dem Stuhl lag, sagte meine Frau: Ich kann Sie leider nicht behandeln, weil ich so eine Wut auf Sie habe, dass das schiefgehen könnte. Kommen Sie ein anderes Mal – oder besser gar nicht. Er kam auch nicht mehr.

Wie nimmt man Patienten die Angst?

Die Atmosphäre ist alles. Es gibt keine schnellen Maßnahmen. Die Planung der Behandlung haben wir im amerikanischen Armeekrankenhaus gelernt. Der Zahnarzt muss Zeit haben, Vertrauen schaffen. Manchmal hatten wir einen ganzen Tag lang nur einen Patienten, haben Pausen eingelegt, erst dann ging es weiter.

Klingt gut, zahlt bloß keine Kasse.

Wir hatten nur Privatpatienten. Als ich nach Berlin kam, 1958, gab es noch nicht genug Zahnärzte, da habe ich Vertretungen in großen Praxen gemacht, mit 100 Patienten am Tag. Es gab keine Zeit für Gespräche.

Heutzutage haben erstaunlich viele junge Menschen makellose Gebisse wie Hollywood-Schauspieler. Der Traum jedes Zahnarztes?

Grässlich! Die lassen sich so schneeweiße Zähne machen. Dabei sind das teilweise vernünftige Leute, und dann lächeln sie einen an, und man geht in die Knie. Sind die blind? In der Natur gibt es so was gar nicht. Zähne sind doch elfenbeinfarben, und da gibt es immer Übergänge.

Ihre erste Erinnerung ist ein Mund voller fauler Zähne – stimmt das wirklich?

Na ja, diese Szene entspringt meiner Fantasie. Aber es ist etwas Wahres daran.

Sie schreiben darüber in Ihrer Autobiografie. Sie seien eine Woche alt gewesen, als Sie 1930 Ihren Beschneider anblickten.

Die Beschneidung gab es, aber den Mann habe ich erst mit sechs Jahren bewusst wahrgenommen. Und ich war wirklich entsetzt über seine Zähne!

Offenbar hat Sie das nicht von Ihrem späteren Beruf abgeschreckt.

Galizien, wo ich groß geworden bin, ist eine Sackgasse Europas gewesen. Die einzige Chance, etwas zu erreichen, war, dort herauszukommen. Als meine Mutter das zweite Mal heiratete, hatten wir plötzlich lauter Zahnärzte in der Verwandtschaft. Das waren für die damalige Zeit welterfahrene und gebildete Leute, die besaßen eine Aura, die mir imponierte. Ein Onkel war Professor für Zahnmedizin in Wien, ein anderer, Onkel Filip, hatte eine Art-déco-Praxis und Schauspielerinnen als Geliebte. Filip ist ein so bedeutender Arzt gewesen, dass er später, als die SS kam, nicht ins Ghetto von Kolomyja musste. Er war für die deutschen Besatzer in hohen Positionen unersetzlich. Ohne seine Hilfe hätte ich den Krieg ganz sicher nicht überlebt. Er hat mich immer auf sehr diskrete Weise gefördert.

Sie überlebten den Holocaust mit viel Glück. Ein ukrainischer Polizist ließ Sie laufen, auch andere halfen Ihnen. Warum gingen Sie nach dem Krieg ausgerechnet nach Deutschland?

Das war Zufall. In Polen herrschte der schlimmste Stalinismus. Danka, die ich während des Zahnmedizinstudiums in Breslau kennengelernt hatte, und ich wollten eigentlich nach Kanada. Das klappte nicht sofort. Stattdessen kamen wir nach West-Berlin und fassten hier schnell Fuß. Warum nicht? Mich haben auch Deutsche gerettet. Das lässt sich nicht pauschal sagen, alle sind so oder so. Den ersten Teil meiner Autobiografie habe ich für die Menschen geschrieben, die ihr Leben und das ihrer Familien aufs Spiel gesetzt haben. Man kann nie prophezeien, wie sich jemand in Krisenzeiten verhält. Wenn plötzlich ein Kind vor der Tür steht, das Hilfe braucht.

Anfangs arbeiteten Sie im Krankenhaus der US-Armee. Unterschied sich die Welt dort stark vom Rest der Stadt?

Vollkommen. Die Deutschen waren arm, selbst bei den Professoren gab es auf Partys höchstens Salzstangen und ein Glas Wein. Amerika war reich. Wenn ich den Helfer nach einem Stück Kuchen schickte, kam der mit einem ganzen Blech zurück.

Betrieben die Amerikaner eine andere Art der Zahnheilkunde?

Ja, wir haben im US-Krankenhaus viel Modernes gelernt, das in Deutschland noch nicht bekannt war. Vor allem, was den Umgang mit Patienten angeht: Am ersten Tag wurde der Status quo aufgenommen und ein Plan gemacht für die ganze Behandlung bis zum Ende. Für unsere Praxis besorgten wir aus den USA Stühle, auf denen die Patienten liegen konnten während der Behandlung. Da waren wir die Ersten, die so was hatten.

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