"West-Berlin war ein Biotop, wo jeder jeden kannte"

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Interview mit Anatol Gotfryd : „Schneeweiße Zähne sind grässlich“
Schachspielen ist Gotfryds große Leidenschaft.
Schachspielen ist Gotfryds große Leidenschaft.Foto: Thilo Rückeis

Sie haben bald die Kunst- und Galeristenszene entdeckt, wurden Teil der Gesellschaft. Wie war das Lebensgefühl im West-Berlin der 60er, 70er Jahre?

Die 70er Jahre waren biederer. Die 60er hatten wirklich was Glamouröses, das galt auch für die Frauen. Damals waren wir praktisch die Zahnärzte für Pan Am, das war die Zeit, als man den Flugbegleiterinnen noch die Taille maß, um sicherzugehen, dass sie durch die engen Gänge kommen. Ich erinnere mich an eine Party, die Dietrich Garski …

… ein Berliner Bauunternehmer und Architekt, der in den 1980er Jahren in eine Immobilienaffäre verwickelt war …

… für die Scheichs aus Saudi-Arabien gab. Bei so was waren wir immer dabei. Genau genommen waren wir Raumfüller: Es gibt noch Platz, dann nehmen wir die Gotfryds. West-Berlin war ein Biotop, eine geschlossene Stadt, wo jeder jeden kannte.

Hier in Ihrem Zehlendorfer Haus gibt es überall Kunstwerke. Auch die Villa selbst ist eines, sie stammt von dem Architekten Hermann Muthesius. Wie sind Sie an die gekommen?

Das war 1972, damals als die Mauer noch stand, wollte niemand in Berlin Häuser kaufen, alles war wahnsinnig billig.

Was ist noch übrig von Ihrem West-Berlin?

Wir leben in unserem Kiez. Wenn wir im Ost-Teil der Stadt waren, und erreichen dann wieder die andere Seite des Brandenburger Tors, fühlt sich das nach Heimkommen an. Es gibt noch ein paar alte Freunde von früher. Da Danka und ich aus großen Familien kommen, sind wir es von Hause aus gewohnt, viele Leute am Tisch zu haben. Zu Heiligabend haben wir immer Künstler, einsame Freunde, eingeladen. Machen wir nach wie vor.

Jedes Volk, schreiben Sie, hätte seine ganz eigenen Probleme: die Polen mit ihrem nationalen Trauma, die Juden müssten sich immer in Acht nehmen und die Deutschen stets andere belehren. Welcher der drei Welten fühlen Sie sich am nächsten?

Der polnischen, seltsamerweise bin ich dort stärker verwurzelt als meine katholische Frau. Vor einem Jahr habe ich an der FU ein Semester „Polnische Kunst des 19. Jahrhunderts“ belegt. Da gab es Bilder zu sehen, auf denen die Polen mit den Russen kämpfen, im Hintergrund kann man den kalten Winter sehen, gleichbedeutend mit der Drohung: Wenn ihr verliert, kommt ihr nach Sibirien. Das bewegt mich.

Sind Sie noch mal in Ihr Heimatstädtchen zurückgekehrt?

Nein, das wäre wahrscheinlich eine zu große Enttäuschung. Ich fürchte, da bricht die ganze Vision, die ich von diesem Ort behalten habe, zusammen. Neulich hat mir jemand von seiner Tante erzählt, die aus dem Baltikum stammte und unbedingt noch einmal dorthin reisen wollte. Er hat sie begleitet, und natürlich stimmte überhaupt nichts mit ihrer Erinnerung überein. Sie ist zusammengebrochen und kurze Zeit später gestorben. Der Mann, ein gestandener Unternehmer, sagte mir: Machen Sie das auf gar keinen Fall! Und dann fing er an zu heulen.

Sie sind 61 Jahre verheiratet, obwohl Sie sich angeblich in nichts einig sind. Womöglich das Rezept für eine lange, glückliche Ehe?

Absolut. Sie ist Trotzki, ich bin Lenin. Trotzki war Pragmatiker, Lenin war ein fantasierender Theoretiker. Ein Überbleibsel der marxistischen Bildung.

Weitere Ehetipps?

Es braucht Rituale. Ich stehe früher als Danka auf, dann mache ich einen Tee, bringe ihn ihr ans Bett und lese ihr eine Stunde laut vor; im Moment Julian Barnes’ Roman „Der Lärm der Zeit“ über Schostakowitsch. Und anschließend sprechen wir darüber, das ist das Wesentliche. Wenn man das 60 Jahre lang macht ... dann kann man mit der Weltliteratur von vorne anfangen. Es tut gut, immer etwas Neues gemeinsam zu lernen.

Herr Gotfryd, wer ist eigentlich Ihr Zahnarzt?

Ja meine Frau natürlich.

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