„Jetzt dürfen Anwohner mit Styroporklötzchen Städtebau machen“

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Interview mit Andreas Becher : „Dass Berlin mal fertig ist, können Sie vergessen“
Wohnungen statt Schrebergärten? Im Bild Kleingartenanlage am Plänterwald.
Wohnungen statt Schrebergärten? Im Bild Kleingartenanlage am Plänterwald.Foto: imago/Arnulf Hettrich

Wenn der „Economist“ seine Liste der lebenswertesten Städte präsentiert, ist die Grünfläche der Stadt ein entscheidendes Kriterium.

Natürlich. Aber mit Augenmaß. Letztendlich gilt die Vorschrift: Baurecht geht vor Baumschutz. In der Realität wird dieser Grundsatz oft umgedreht.

Wie würden Sie das Wohnungsproblem angehen?

Eine Idee wäre, Mischformen fürs Wohnen zuzulassen. Wir haben keine rauchenden Schlote in Berlin. Warum sollen die Start-up-Leute nicht neben oder im Büro leben? Wohnen und Arbeiten unter einem Dach ist die archaischste Wohnform überhaupt und würde jede Menge Berufsverkehr ersparen. Das geht derzeit nur selten, weil die Baunutzungsverordnung Gewerbe und Wohnen am selben Ort nicht zulässt, die neue Baugebietskategorie „Urbanes Gebiet“ ist immerhin ein Schritt in diese Richtung. Und wenigstens denkt man in Berlin jetzt mal über Hochhäuser nach. In zwei Jahren soll endlich ein Entwicklungsplan vorgelegt werden.

Wo wäre noch Platz?

Wir haben etwa 6000 Hektar Kleingarten auf dem Berliner Stadtgebiet. Das ist ziemlich genau die gleiche Fläche wie der Grunewald. Wenn wir den Mut hätten, die Kleingärten, die zu mehr als 70 Prozent im Eigentum der Stadt sind, neu zu ordnen, hätten wir Platz für mindestens 300 000 bezahlbare Wohnungen. Wir bräuchten nur ein Drittel der Fläche zu bebauen, der Rest blieben Kleingärten, Frei- und Grünflächen.

Für die Siedlungen Bornholm I und II hat die BVV Pankow das kategorisch ausgeschlossen.

Ja, weil das auch das Weltbild ihrer Wähler ist, mit denen sie sich nicht anlegen wollen. Berlin hat aber „nur“ 67.000 Kleingärtner, und fast vier Millionen Einwohner. Wenn die Stadt wächst, müssen die Häuser eben zusammenrücken. Tatsächlich ist es 82 Prozent unserer Nachbarn jedoch egal, oder sie sind dagegen, dass neue Bürger kommen und Wohnungen gebraucht werden. Das wissen wir aufgrund einer aktuellen repräsentativen Umfrage. Deshalb werden Entscheidungen auch ständig wieder auf den Prüfstand gestellt, sobald Neuwahlen anstehen oder ein Baustadtrat wechselt. Wir sollten den Menschen klarmachen, dass eine wachsende Stadt mehr Steuerzahler bedeutet. Wir könnten endlich den Nahverkehr und die Schulen auf Vordermann bringen, Feuerwehrleute, Polizei und Pflegepersonal anständig bezahlen. Das sehen die Leute nicht. Die beschweren sich nur, wenn wir bauen: „Ich kann gar nicht mehr auf die Kleingartensiedlung gucken!“

Solche Sorgen kann man nicht einfach ignorieren.

Selbstverständlich! Schließlich bauen wir ja für die Menschen. Aber sind Anwohner die besseren Städtebauer? Ich bezweifle das. Ich habe einige Bürgerbeteiligungen mitgemacht, da kommen die wildesten Vorschläge. „Warum baut ihr nicht einen Turm. Eine Wohnung pro Geschoss. 150 übereinander?“ Das lässt sich weder darstellen noch bezahlen. Trotzdem werden solche kruden Vorschläge ernsthaft diskutiert. Bei einem anderen Projekt dürfen jetzt die Anwohner mit Styroporklötzchen Städtebau machen. Stellen Sie sich mal vor, Ihre Tochter hat eine Blinddarmentzündung. Da kommen Sie doch auch nicht auf die Idee: Lass uns mal bei Youtube gucken, wie man sowas behandelt.

Der Bürgerentscheid Tempelhofer Feld war falsch?

Man hätte die Wahlurne in die Mitte auf das Gelände stellen und alle auf dem Weg zur Abstimmung einmal drüber laufen lassen sollen. Einfach, damit jeder ein Gefühl dafür bekommt, wie riesig dieses Areal ist. Das Tempelhofer Feld ist größer als das Fürstentum Monaco! Dort wohnen auf etwa 200 Hektar 40.000 Menschen. Wir wollten nur die Randbereiche mit etwa 3000 Wohnungen und insgesamt bloß zehn Prozent der Fläche bebauen. Die Politiker hätten viel klarer sagen müssen, was sie wollen, und das auch gegen Minderheiten verteidigen.

Wie viel Platz ist in Berlin noch?

Wir haben das Privileg, dass wir jede Menge freien Raum haben. Rund zehn Prozent des Stadtgebiets. In Paris sind es noch drei, in London gerade mal 1,5 Prozent.

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