„Wie viel Geld wollen wir für Baukultur ausgeben?“

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Interview mit Andreas Becher : „Dass Berlin mal fertig ist, können Sie vergessen“
Das Tempelhofer Feld ist größer als das Fürstentum Monaco. Die Berliner entschieden sich trotzdem gegen dessen Bebauung.
Das Tempelhofer Feld ist größer als das Fürstentum Monaco. Die Berliner entschieden sich trotzdem gegen dessen Bebauung.Foto: imago/Bernd Friedel

Die Stadt lebt wie kaum eine andere vom Mythos des Unfertigen. Braucht Berlin nicht die Brache für seine kulturelle Identität?

Hier wird seit Jahrhunderten gebaut, abgerissen, neu gebaut. Die Sorge, dass Berlin irgendwann fertig ist und aussieht wie ein frisierter Vorgarten im Schwabenländle, können Sie vergessen.

Auffällig ist die Zahl von Ruinen in bester Lage. Das Haus der Statistik direkt am Alexanderplatz zum Beispiel. Warum sind die nicht längst saniert?

Es gibt Leute, die kaufen Grundstücke und warten ab, Spekulanten eben. Aber diese Leute tragen auch ein großes Risiko, wenn zum falschen Zeitpunkt viel zu teuer eingekauft wurde. In einigen Fällen weiß man tatsächlich nicht, wem gewisse Liegenschaften gehören und wie diese finanziert wurden. Firmengeflechte und Tarnfirmen mit Sitz im Ausland. Kein echter Ansprechpartner zu finden.

Und das ist legal?

Grundstücke unbebaut liegen zu lassen? Das wird auf Bundesebene gerade heiß diskutiert und soll durch eine entsprechende Steuer eingedämmt werden. Eine ähnliche Maßnahme gab es schon mal in den 1960er Jahren. Die wurde nach kurzer Zeit wieder abgeschafft. Wenn man auf den Grundstückshandel nachhaltig einwirken möchte, hätte man auch in Berlin ein probates Mittel zur Hand: Städtische Flächen nicht mehr veräußern, sondern nur mit Erbbaurecht vergeben. Aber ich bin mir nicht sicher, ob der politische Wille hierfür vorhanden ist.

Also trägt die linke Bausenatorin Katrin Lompscher Schuld an der Misere?

Es sind die Bezirke und alle Politiker, die sich nicht trauen, ein drängendes Problem über Parteigrenzen hinweg anzugehen. Im Moment hat man Frau Lompscher im Fokus, eine gelernte Stadtplanerin. Stadtplaner denken aber lieber heute über die bessere Stadt von übermorgen nach. Das ähnelt den Zeitabständen, mit denen Geologen arbeiten. Offensichtlich hat die mediale Begleitung der Themen „Nichtstadtentwicklung“ und „lahmender Wohnungsbau“ dazu geführt, dass sich nun auch der Regierende Bürgermeister angesprochen fühlt und die Angelegenheit zur Chefsache machen will. Wie man hört, sind das Tempelhofer Feld, die Elisabethaue, Straßenbäume und Waldflächen nicht mehr sakrosankt. Gut so!

Der Neurowissenschaftler Colin Ellard schreibt in seinem Buch „Psychogeographie“, Kanten stießen Menschen ab. Warum sind dann alle neuen Gebäude in Berlin, vom BND bis zum Innenministerium, eckig und haben diese schmalen hohen Fenster?

Das ist ein Diktat des wirtschaftlichen Bauens. Mit einem rechten Winkel lässt sich viel günstiger planen. Es gibt optimierte Ausbauraster für Büros, genormten Flächenbedarf für jeden Beamten und von Kontrollgremien festgesetzte Kosten. Letztendlich entscheiden diese Excel-Tabellen-Typen über den Hochbau. Architektur möchte ich das nicht nennen. Für Laien wirken Verwaltungsgebäude dann schnell monoton. Aber fragen Sie doch mal den geneigten Bürger, wie viel Geld wir für Baukultur ausgeben wollen? Selbst beim Bundeskanzleramt, einem Repräsentationsbau einer der führenden Industrienationen, wurde über einen zu großen Ehrenhof und die Kosten gemeckert.

Gibt es sowas wie einen Berliner Stil?

Den sehe ich nicht. Wir haben das Glück, dass in Berlin viele Architekten aus der ganzen Welt mit unterschiedlichen Ansätzen tätig sind. Ich brauche nicht Fortissimo an jeder Straßenecke. Was man im Wohnungsbau sieht, ist das, was irgendwann mal die Zehnerjahre-Architektur genannt werden wird. Balkone werden nur bis zu einer bestimmten Größe gefördert. Deswegen sind die alle gleich groß und die Fenster alle gleich breit.

Und wenn man davon abweicht?

Werden wir mitunter von unerwarteter Seite ausgebremst. Wir haben kürzlich ein Wohngebäude für eine städtische Wohnungsbaugesellschaft in der Innenstadt geplant. Wir wollten Abstellräume auf einem begrünten Dach bauen. Zum Feierabend gucken die Leute da beim Bier gemeinsam dem Sonnenuntergang zu. Diese Idee wurde von den zuständigen Behördenvertretern als „beispielgebend“ abgelehnt. Da frage ich: Was spricht dagegen, dass alle Leute in Berlin auf ihren Dächern ihre Nachbarn treffen können? Das Problem ist, dass bereits verschiedene Ablehnungsbescheide erteilt wurden, und nun hat man Angst vor Schadenersatzklagen. Aber das Beste an der Geschichte kommt erst noch. Beim Richtfest war Senatorin Lompscher zugegen, und als wir sie auf das Dach geführt haben, sagte sie: „Mensch, hier oben wäre doch ein schöner Platz für eine Dachterrasse!“

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