"Wir trainieren uns den letzten Rest Geschmackssinn ab"

Seite 3 von 3
Interview mit Autorin Sophie Passmann : „Krawallige, sich selbst überschätzende Frau? Here I am!“
Sophie Passmann postet auf Instagram gern Bilder von sich mit einem Flutschfinger-Eis.
Sophie Passmann postet auf Instagram gern Bilder von sich mit einem Flutschfinger-Eis.Foto: www.instagram.com/fraupassmann

Kennen Sie Selbsthass vor dem leeren Blatt Papier?

Bei mir gibt’s kein weißes Blatt. Ich schreibe alles voll. Allein deswegen kann ich keine große Schriftstellerin werden, ich quäle mich nicht genug. Ich denke aber auch nie: Hat meine Lektorin mich lieb? Sondern: Wird sich das auf Twitter teilen?

Sie kommen aus dem badischen Kaff Ettenheim, 1800 Einwohner. Wir war das, dort aufzuwachsen?

Ich war ein sehr unglücklicher Teenager, was zum Teil mit einer leidenschaftlich wegignorierten manischen Depression zu tun hatte. Ich wurde auch nicht warm mit den Leuten, war an der Schule unterfordert, wollte nicht existieren, habe nach Größerem gestrebt – komische Mischung.

Bereits mit 15 sind Sie als Poetry-Slammerin deutschlandweit auf Bühnen aufgetreten. Hat das Gefühl, ein Außenseiter zu sein, Ihre Arbeit befördert?

Da hilft jede Art von Leidensdruck, Liebeskummer, psychische Krankheiten. Jenseits von Slam war ich nicht so mitteilungsbedürftig. Ich war nicht das Kind, das Blockflöte für den Besuch spielen wollte. Die Punchline in meiner Familie ist bis heute: Sophie hasst Menschen.

Ihre Eltern haben ebenfalls Instagramprofile, manchmal kommentieren Sie bei Ihnen.
Sie sind super Showeltern! Sie haben echt Sinn für Timing. Und meine Mutter kann irre gut die doofe Mama spielen, einfach, weil sie weiß, wie lustig das bei anderen ankommt. Ich hab mal ein Skateboard gekauft, mit dem Verkäufer gefachsimpelt, ah ja der Trick, der Pop Shove it ... Meine Mutter so: ist das der, wo du immer hinfällst? Man muss lustig sein, um in der Familie Passmann zu bestehen.

Trinken Sie eigentlich so viel, wie Ihr Instagram-Profil suggeriert?

Im Vergleich zum durchschnittlichen Instagrammer interessiere ich mich überdurchschnittlich viel für Politik und trinke überdurchschnittlich viel Wein.

Welcher Wein hilft gegen Liebeskummer?

Deutscher Riesling aus dem Rheingau, weil er so anstrengend ist, dass man sich nur noch auf ihn konzentriert, und einem spätestens nach dem zweiten Glas klarmacht, es gibt Wichtigeres als den Menschen, der einen nicht mehr möchte. Nämlich zum Beispiel Riesling aus dem Rheingau.

Sie mögen kein Bier, keine Möbel, hassen Radiohead – gefallen Sie sich in dieser Anti-Pose?

Voll. Anfangs habe ich wirklich vieles nicht verstanden, was andere mögen. Auf Partys zu gehen beispielsweise, als Teenager habe ich da Panikattacken bekommen. Nach und nach versuchte ich, mein Außenseitersein in etwas Cooles umzuwandeln. Mittlerweile trage ich selbstbewusst vor mir her, was ich nicht mag. Jedenfalls in meiner äußeren Person. Privat bin ich sehr umgänglich.

Es sei denn, es geht um Remoulade?

Oh, danke für diesen Jürgen-Dollase-Moment: Natürlich kann Remoulade zum Fisch oder Roastbeef fantastisch sein, aber meist ist sie dazu da, Käse, der scheiße schmeckt, zu übertünchen. Alles schmeckt nur noch nach Remoulade. Wir trainieren uns damit den letzten Rest Geschmackssinn ab.

Als Veganerin verzichten Sie doch darauf sowieso.

Man muss radikalem Konsum radikalen Nichtkonsum entgegensetzen. Es braucht ein paar Veganer, die jedes Mal fragen, ob es auch veganes Essen gibt. Ich bin gern die, die nervt. In einem gewissen Rahmen ist es okay, Fleisch zu essen, aber den haben wir vor Jahrzehnten überschritten. Außerdem ist es ungesund, schlecht für die Umwelt und am Ende eine Frage der Gerechtigkeit: Es sind arme Leute, die an Feinstaubstraßen wohnen, in der Nähe von Schlachthöfen, die die schlechteste Wurst essen.

Sie sind 24 und wurden kürzlich in einem Interview von der „Welt“ permanent geduzt. Hat unsere Gesellschaft keinen Respekt vor jungen Menschen?

Ja, dieses Kevin-Kühnert-Syndrom. Über ihn hat man sich zwei Wochen lustig gemacht, und inzwischen ist er der Typ, der bei „Hart aber Fair“ jeden Milliardär rasiert, weil er viel schlauer ist als die meisten. Es ist super abgefahren, dass wir jungen Leute keine Lobby haben ... Moment: vielleicht wegen solcher Sätze: „Es ist super abgefahren ...“

Sie schreiben gerade an einem Buch. Worum geht’s?

Um alte weiße Männer. Die Stimmung zwischen jungen Feministinnen wie mir und denen ist ja momentan eher mittel. Ich treffe prominente Männer und versuche zu verstehen: Wird man, wenn man älter ist und Privilegien hat, automatisch jemand, der schmierlappige Komplimente macht und sich beschwert, man dürfe Frauen heutzutage ja nicht mal mehr die Tür aufhalten? Es soll eine Reise werden – ich hoffe auf Versöhnung.

Autoren

25 Kommentare

Neuester Kommentar