"Ich habe beim Zivildienst mehr rausgehabt als bei Viva"

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Interview mit Klaas Heufer-Umlauf : „Jeder hat das Recht, verarscht zu werden“
Mit Mark Tavassol (rechts), Bassist bei „Wir sind Helden“, hat Heufer-Umlauf vor sechs Jahren die Band Gloria gegründet.
Mit Mark Tavassol (rechts), Bassist bei „Wir sind Helden“, hat Heufer-Umlauf vor sechs Jahren die Band Gloria gegründet.Foto: imago/Future Image

Wenn Sie an Fernsehabende Ihrer Kindheit denken, fällt Ihnen da auch die Show ein?

Mit „Wetten, dass ..?“ sind wir alle aufgewachsen. Um Viertel nach acht geht’s los, und die letzte Stunde schläft man. Mein Vater thronte in seinem Sessel, meine Schwester und ich haben uns möglichst geräuschlos drum herum aufgereiht. Je weniger man von sich gab, umso größer war die Chance, dass man bis zum Ende gucken konnte. Und Sonntagabend lief „Lindenstraße“. Diese Serie gewordene Depression hat mir schon als Kind klargemacht, wie schön wir es haben, dass wir nicht dort wohnen müssen.

Was haben Sie heimlich geschaut?

Die Bumsfilme auf Sat.1, abends um zehn. Die frühen 90er waren die Zeit des aufkommenden Privatfernsehens, wo anfangs alles gesendet wurde. Wenn draußen die Eltern grillten, saß ich mit den Nachbarkindern drinnen bei „Liebesgrüße aus der Lederhose“. Meine frühkindliche Prägung. Und Wrestling! Bret „The Hitman“ Hart, Ultimate Warrior, Macho Man Randy Savage – alle inzwischen tot, zu viele Steroide. Das hat meine Mutter erst verboten, als einige Wrestler anfingen, sich absichtlich mit versteckten Rasierklingen die Haut aufzuschneiden, damit sie bluteten.

Konnten Sie sie austricksen?

Über uns wohnte eine Familie, jeden Tag fuhr die Mutter mit einem Mofa zur Videothek an der Ecke, hat zwei Videos ausgeliehen, sie am selben Tag überspielt und nachmittags noch „Raumschiff Enterprise“ aus dem Fernsehen aufgenommen. Auf die Weise hatte sie drei neue Videos pro Tag, fein säuberlich katalogisiert. Das war ihre Arbeit. Da konnte man hochgehen und sich „Freddy Krueger“ Teil 1 bis 7 auch mit acht Jahren angucken. Ich vermute, die Familie ist später von der Digitalisierung ziemlich überrascht worden.

Haben Sie sich damals in Shows hineingeträumt?

Ich hatte die grobe Idee, dass ich mal Fernsehen mache oder auf einer Bühne stehe. Als Schauspieler, nicht als Moderator, das war kein greifbarer Beruf für mich. Erst als ich Mitte der 90er Jahr Viva gesehen hatte, dachte ich: Neben dem Faxgerät bei Mola kann ich auch sitzen.

Viva galt damals als ziemlicher Chaoshaufen.

Moderator war dort ein Ausbildungsberuf. Da gehst du hin und wirst direkt vor eine Kamera gestellt. Ich hatte sonntags den letzten Tag im Krankenhaus beim Zivildienst und montags die erste Livesendung. Bei einem Casting mit Gesichtskontrolle, etwa 500 Leute in Köln, habe ich mich durchgesetzt. Als ich den Vertrag bekam, durfte ich meinen Zivildienst um zwei Monate verkürzen.

Das hat Viva-Chef Dieter Gorny durchgeboxt?

Er hat leider immer vergessen, wer ich nochmal war. Ihm habe ich mich, glaube ich, drei Mal vorgestellt. Und immer wenn ich ihm auf irgendeiner Veranstaltung entgegenkam, schaute er mich entgeistert an. Seine Frau kannte das schon. Die lief dann rum wie die Feuerwehr und musste seine Brände löschen. „Ja ja, der Dieter, ein bisschen vergesslich. Aber du hast super moderiert.“

War die Bezahlung bei Viva oder MTV dem öffentlichen Bild eines Teenie-Stars angemessen?

Nein. Ich habe beim Zivildienst am Ende mehr rausgehabt als bei Viva. Klamotten gab es immer umsonst, ich will mich nicht beschweren. Jeden Tag stand ich in einem quietschbunten Studio, das aussah wie für das Kinderprogramm von Super RTL, habe eine Livesendung moderiert und konnte machen, was ich wollte. Da hat nie jemand reingeredet. Die Viva-Chefs haben sich gar nicht darum gekümmert. Die haben das Programm immer ohne Ton laufen lassen.

Eine Leistung aus dieser Zeit: Sie haben in einem Video von Scooter mitgewirkt.

Mir gefiel die Idee, dass Sänger HP Baxxter vor Boxentürmen steht, wie gewöhnlich in sein Mikro schreit, und plötzlich werde ich für drei Sekunden eingeschnitten und brülle seinen Text.

Weil er ein Idol Ihrer Kindheit war?

Ach, das war eine Meta-Verehrung, aus der Zuneigung wurde. Wenn Scooter in Hamburg spielen, kommt auch Rapper Jan Delay vorbei, und das macht er nicht, weil er zu Hause die Musik hört.

Sondern weil HP Baxxter ein toller Typ ist?

Er hat mich einmal auf seinen Geburtstag eingeladen, das ganze Haus war eine Party, das Wohnzimmer eine Tanzfläche. Ich habe HP begrüßt, „du bist irre“, hat er gesagt und weitergetanzt. Klaus Meine von den Scorpions kam auf mich zugestürzt, der war froh, einen normalen Menschen zu sehen, und wich mir nicht mehr von der Seite. Nach drei Stunden tanzte HP immer noch vor seinem Bücherregal, ich bin los, und HP rief nur: „Du bist doch irre.“