"Ja, es gibt Psalmen, die gewalthaltig sind"

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Interview mit Margot Käßmann : "Die Bibel ist kein Frage-Antwort-Buch"
Jakob Buhre Daniel Schieferdecker
Socken mit Luthermotiven in Wittenberg.
Socken mit Luthermotiven in Wittenberg.Foto: dpa

Die Bibel ist, selektiv gelesen, ungefährlich?

Für mich ist das Neue Testament da ganz klar. Und ich kann die gewalthaltigen Stellen des hebräischen Teils der Bibel aus der Geschichte des Volkes Israel in seinem Kampf ums Überleben verstehen.

Bei der Bibel ist das kein Herunterbrechen auf zwei Stellen. Wenn man die Bibel im Gesamten sieht, auch mit dem längeren Alten Testament, findet man viele fragwürdige Passagen.

Deshalb ist die Bibel ja ein Buch, das würde auch Luther sehr klar sagen, das gedolmetscht und interpretiert werden muss. Es gibt auch wunderbare Passagen über die Liebe, im Hohelied der Liebe, die selten zitiert werden, die Konfirmanden aber sehr gerne lesen. Die Frage lautet daher immer: Wer liest die Bibel mit welchem Ziel? Geht es darum, die Bibel zu benutzen oder darum, mit der Bibel zu leben und aus der Bibel Lebensweisheit zu gewinnen? Für mich ist das Neue Testament entscheidend, denn ich bin Christin, nicht Jüdin.

Und dass die Bibel so viele Widersprüche hat...

…macht es so spannend! Nehmen Sie mal das Grundgesetz: Das wird von Richtern auch sehr unterschiedlich ausgelegt, ist immer wieder ein Diskussionspunkt. Etwa die Debatte um das NPD-Verbot, das war ja auch eine Interpretationsfrage.

In der deutschen Verfassung finden Sie aber an keiner Stelle einen Gewaltaufruf.

Den sehe ich in der Bibel auch nicht. Ja, es gibt Psalmen, die gewalthaltig sind.

Es gibt Evangelikale in den USA, die die Todesstrafe mit dem Wort Jesu begründen.

Mit Jesus können Sie keine Todesstrafe rechtfertigen. Ich wüsste nicht, mit welchem Vers von Jesus.

Matthäus 26, 52: „Wer durch das Schwert nimmt, der soll durchs Schwert umkommen.“

Diese Stelle wird gerne zitiert, ist aber auch ganz anders interpretierbar, nämlich als Warnung, weh dem, der Krieg anfängt – hat übrigens schon Luther gesagt.

Anders Breiviks Mordanschlag ist nicht so lange her. In Deutschland gibt es heute Personen wie die radikale Christin Heidi Mund, die sich auf das Wort Gottes beruft und damit gegen die massenhafte Einwanderung muslimischer Männer ausspricht.

Die Kirchen, sowohl die Katholische als auch die Evangelische, haben sehr deutlich erklärt: Es gibt keinen gerechten Krieg. Es können keine Kriege mit dem Evangelium begründet werden. So weit sind wir inzwischen.

Wissen Sie noch, wann Sie die Bibel das erste Mal durchgelesen haben?

Ich habe sie nie hintereinander weg an einem Stück gelesen. Das ist auch nicht die Art und Weise, wie die Bibel sinnvoll zu lesen wäre. Ich erinnere mich, dass ich mich als Jugendliche daran gestoßen habe, dass es zwei Schöpfungsgeschichten gibt. Irgendwann habe ich begriffen, dass diese Schöpfungsgeschichten in unterschiedlichen Kontexten entstanden sind und fand es faszinierend, dass die eine erklärt, wie aus dem Chaos Ordnung entsteht, und die andere, wie aus der Ordnung Chaos entsteht – als Versuch zu interpretieren, wie die Welt ist. Durch fromme Juden, die diese Geschichte aufgeschrieben haben.

Sie sind für Frauenordination, Akzeptanz von Homosexuellen und die Möglichkeit, sich scheiden zu lassen. Andere Christen lehnen all das ab – aufgrund desselben Buches. Sind die auf dem falschen Weg?

Ich glaube eben, dass die Bibel kein Frage-Antwort-Buch ist, sondern ich versuchen muss, von der Bibel her zu interpretieren.

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