Wie die CSU die Bibel falsch interpretiert

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Interview mit Margot Käßmann : "Die Bibel ist kein Frage-Antwort-Buch"
Jakob Buhre Daniel Schieferdecker
Der Playmobil-Luther ist ein Bestseller.
Der Playmobil-Luther ist ein Bestseller.Foto: dpa

Das tun diese Leute ebenfalls.

Ja, aber ich kann nicht verstehen, dass die das anders interpretieren – genauso, wie die mich nicht verstehen können. Die Vertreter der russisch-orthodoxen Kirche geben mir nicht mal mehr die Hand, weil ich ordinierte Frau bin. Ich sehe in der Bibel ganz klar, dass schon Junia Apostelin ist. Im 3. Jahrhundert wurde ein S an den Namen angefügt, aus der weiblichen Junia wurde also ein männlicher Junias gemacht. Heute ist klar, dass das eine Frau war, und dass Frauen die ersten Gemeinden geleitet haben. Und auch, dass Paulus sehr deutlich gesagt hat: Wer getauft ist, ist Christ, dass es also keine Hierarchie von Männern und Frauen gibt – obwohl er im 1. Korintherbrief geschrieben hat, die Frau solle ihr Haupt bedecken. Das wird gerne dagegengehalten. Ich finde das einen spannenden Prozess und bin überzeugt, dass wir die Bibel nicht kontextfrei lesen können.

Ist es Verrat an der Bibel, wenn die CSU sagt: Wir bevorzugen Flüchtlinge aus dem christlich-abendländischen Bereich?

Jedenfalls eine Fehlinterpretation. Der barmherzige Samariter hat nichts mit Volksgemeinschaft oder Religionsgemeinschaft zu tun. Barmherzigkeit bedeutet da immer, wie es dem Nächsten geht – und nicht bloß dem Nächsten, der meiner Partei, meiner Familie oder meinem Volk angehört.

Sie orientieren sich an Jesus. Dabei würden ein gutes Herz und gesunder Menschenverstand reichen, um ein anständiger Mensch zu sein. Braucht es dazu überhaupt eine Religion?

Nein, das kann auch ein Humanist sein. Ich habe neulich mit Gregor Gysi diskutiert, er ist nicht religiös, aber wir würden uns sicher in der Friedensfrage schnell einigen. Ein schönes Symbol dafür war die Demonstration am 15. Februar 2003 in Berlin: Damals haben wir im Dom mit 4 000 Menschen eine Friedensandacht abgehalten, draußen demonstrierten 500 000 Menschen gegen den Irakkrieg. Nach der Andacht sind wir aus dem Dom raus, und die Christen haben sich in dieser Antikriegsdemonstration verloren. Für mich war das ein gutes Symbol: Wir können für dieselbe Sache eintreten – ich aus christlichen Motiven, andere aus ihren religiösen oder eben auch nicht-religiösen Motiven.

Können Sie Kritik gegenüber Religion und deren Interpretation nachvollziehen?

Ich werde die Geschichte der Kirche nicht beschönigen. Es gibt massive Irrwege, die gibt es auch bei Ideologien. Alles ist missbrauchbar. Der Sozialismus hat, wie ich finde, eine tolle Grundüberzeugung und wurde in der Umsetzung entsetzlich missbraucht, immer wieder. Insofern: Vor der Verführbarkeit zu Missbrauch und Größenwahn sind wir nicht gefeit. Das mit der Verführbarkeit weiß übrigens schon die Bibel, siehe Adam und Eva. Und Größenwahn sehen wir beim Turmbau zu Babel.

Gab es mal einen Punkt, wo Ihr Glaube ins Wanken geriet?

Für mich sind das keine Ereignisse, Katastrophen und Unglücke. Gott ist nicht der, der irgendwelche zornigen Strafen schickt, sondern Gott gibt dir die Kraft, mit dem Leid zu leben. Es gibt jedoch große Texte wie „Die Rede des toten Christus“ von Jean Paul, in dem Jesus auferstanden ist, in den Himmel geht und Gott nicht findet – Gott ist gar nicht existent. So ein Text oder auch Texte von Nietzsche, die fordern dich heraus. Ist Gott tot? Ist es am Ende eine Ideologie? Ich finde, Christen müssen sich damit auseinandersetzen.

US-Präsident Donald Trump zeigte sich bereits mit der Bibel in der Hand und nennt sie sein Lieblingsbuch. Beruhigt Sie das?

Ganz und gar nicht. Das bereitet mir eher Magenschmerzen. Weil ich überhaupt nicht sehe, dass seine Ablehnung der Fremden biblisch haltbar ist.

Es gibt mittlerweile eine Playmobil-Figur von Luther. Finden Sie das okay?

Da darf die Evangelische Kirche ruhig ein bisschen Humor zeigen. Soziologen erklären: Wenn eine Figur zur Playmobil-Figur wird, dann ist sie in der Mitte der Gesellschaft angekommen. Luther in der Mitte der Gesellschaft finde ich ganz gut.

Und Jesus als Playmobil-Figur?

Von Luther haben wir Bilder, durch Lucas Cranach. Wir wissen also ungefähr, wie er ausgesehen hat. Von Jesus wissen wir es nicht. Ich wüsste schlicht nicht, wie er dargestellt werden könnte.

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