Interview mit Martin Grubinger : „Meine Tür ist mit Blei gefüllt“

Er gilt als der beste Schlagzeuger der Welt. Der Österreicher Martin Grubinger über Rassismus auf dem Land und den eigenen Fußballplatz vor der Haustür.

Schlagfertig. Martin Grubinger gilt als einer der besten Perkussionisten der Welt.
Schlagfertig. Martin Grubinger gilt als einer der besten Perkussionisten der Welt.Foto: imago/Rudolf Gigler

Herr Grubinger, Sie Schlagzeug spielen zu sehen, ist ein Spektakel. Bei manchen Klassikkonzerten wirbeln Sie mit den Sticks herum, machen irre Verrenkungen und rennen wild über die Bühne. Ist das noch Entertainment oder schon Angeberei?

Das ist bei den Zugaben so und keine Kunst, sondern etwas Zirzensisches – Virtuosentum, Sport. Aber es hat seine Berechtigung, ist Teil der Schlagzeuggeschichte, des amerikanischen „Marching Drummings“. Im eigentlichen Programm geht es um zeitgenössische Musik mit meist hohem intellektuellen Anspruch und der Suche nach einer musikalisch entsprechenden Interpretation.

Sind Sie von Natur aus hyperaktiv?

Mit dem Instrument kommt die Unruhe. Das trägt sich dann in den Alltag, man kann es nicht ablegen.

Auf Ihren Touren gastieren Sie meist in großen Städten, obwohl die Ihnen zuwider sind. Stört Sie der Rhythmus der vielen Menschen?

Klingt komisch, doch es ist mir zu laut. Ich bin ein Landei, lebe in Oberösterreich im Nirgendwo. Als kleiner Junge bin ich nicht in den Kindergarten gegangen, sondern habe auf dem Bauernhof gespielt. Wenn ich von einer Tournee heimkomme, gehe ich in die Blasmusikprobe. Zu einem typischen Ensemble gehören ja auch Trommeln. Von 800 Einwohnern im Ort spielen in der Kapelle 70 mit.

Das ist nicht viel leiser.

Aber ein anderer Zugang. Da sieht man als Profi, was echte Passion ist. Der Opa spielt Tuba, der Vater Trompete, der Sohn Flügelhorn. Das ist für uns Österreicher so wie für die Brasilianer das Kicken am Strand. Wenn ich nach der Probe beim Zipfer-Bier mit den anderen Musikanten rede, erfahre ich, was die Leute wirklich beschäftigt. Gerade auf dem Land, wo die rechtsnationalen Parteien besonders stark sind.

Sie bezeichnen sich als überzeugten Sozialdemokraten. Vor einigen Jahren verweigerten Sie ein Konzert in Kärnten, damals Haider-Herzgebiet. Wird die Welt für Sie kleiner, was Auftrittsorte angeht?

Würde ich heute noch die Parameter von damals anlegen, könnte ich in Österreich gar nicht mehr spielen, weil die FPÖ in der Regierung sitzt ...

Martin Grubinger

Martin Grubinger, 35, spilet bei einem einzigen Auftritt im Extremfall 50 Trommeln. Zeitgenössische Komponisten wie Peter Eötvös schreiben für ihn eigene, technisch komplizierte Werke. Zu Hause hat er mehr als 700 Schlaginstrumente, von Xylofon bis Pauke, Marimba bis Vibrafon, ihm gehören Fellinstrumente aus Afrika und Südostasien. Nach dem Abbruch der Schule lernte der Österreicher am Salzburger Mozarteum, an dem sein Vater Schlagzeug unterrichtete. Die „FAZ“ bezeichnete Martin Grubinger als „Retter des E-Musik-Abendlandes“, weil er auch ein junges Publikum begeistert. Für den Bayerischen Rundfunk moderiert „der Erklärbär der Moderne“ („Spiegel“) das Musikmagazin „KlickKlack“. Mit seiner Frau Ferzan Önder und dem gemeinsamen Sohn lebt er in Oberösterreich.

Beim Gespräch im Frankfurter Hotel, zwischen zwei Konzerten, trägt Grubinger eine Jacke seines Vereins FC Bayern München und kann seine Energie nur schwer zügeln. Anschließend fährt er mit einem Lastwagen voller Schlagzeuge nach Baden-Baden, zum nächsten Auftritt. Am 28. Februar sowie am 1. und 2. März tritt der Schlagzeuger in der Berliner Philharmonie auf.

... die rechtskonservative Schwesterpartei der AfD.

Ich habe damals einen Fehler gemacht. Heute gehe ich gezielt in die kleinen Orte und spiele dort Musik, wo ich die FPÖ-Wähler vermute. Jenseits der Städte gibt es immer weniger Zugverbindungen, keine Ärzte mehr, kein schnelles Internet. Die Leute haben in dieser Region das Gefühl, abgehängt zu werden. Manche sind offen rassistisch. Aber ich halte dagegen.

Wie fühlt sich das für Ihre Frau an, die türkischstämmige Pianistin Ferzan Önder?

Manches, was man vor einigen Jahren nicht offen ausgesprochen hätte, empfinden einige plötzlich als völlig normal. Dennoch, meine Frau liebt es da. Es erinnert sie an eine türkische Familie: Man schaut aufeinander, hilft sich. Wenn sie zum Kochen eine Packung Mehl braucht, geht sie zum Nachbarn.

Das ist doch ein Widerspruch zum Rassismus, wie Sie ihn geschildert haben.
Ja. Wir haben eine Reinigungsdame im Proberaum. Die erzählt mir ganz offen, sie wählt FPÖ, weil die gegen die Ausländer ist. Gleichzeitig ist sie eng befreundet mit meiner Frau. Wir versuchen mit Zuneigung, mit Liebe etwas zu verändern. Die Antwort kann nicht sein: „Wir wollen nichts mit euch zu tun haben.“ Aber ich kann auch nicht ein Instrument spielen, das so multikulturell aufgestellt ist, und gleichzeitig zusehen, wie mein Land sich in einen Orban-Staat verwandelt.

Ihre Frau ist 18 Jahre älter als Sie und tritt regelmäßig auf. Sie haben angekündigt, in fünf Jahren die Drumsticks beiseitelegen zu wollen. Was hält sie von Ihren Plänen?

Sie fragt sich, warum ich das mache. Doch Schlagzeug ist physisch anstrengender. Ich merke jetzt schon: Ich habe nicht mehr die Möglichkeiten wie mit 25 und möchte nicht als „Elder Percussionist“ auf der Bühne rumtrödeln. Die Leute sollen immer wegen der besten Qualität kommen und nicht aus Nostalgie.

Für Ihr Spiel müssen Sie extrem durchtrainiert sein.

Im Winter fahre ich Ski oder gehe Langlaufen, außerdem habe ich mir ein eigenes Fitnessstudio eingerichtet. Im Sommer schwimme ich oder setze mich aufs Rennrad, und ich spiele Fußball. Zu Hause habe ich einen eigenen Platz, samt Flutlichtanlage und Rasendrainage.

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