"Acht Vorstellungen pro Monat auf der großen Bühne, ich bitte Sie"

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Interview mit Milan Peschel : „Die Volksbühne erinnert mich an einen Sarg“
Aus der Volksbühne weht Leichengeruch, sagt Milan Peschel.
Aus der Volksbühne weht Leichengeruch, sagt Milan Peschel.Foto: imago/Schöning

Sie können auf der Bühne stehen, weil es Menschen woanders schlecht geht?

Darauf beruht doch unser Wohlstand. Unser Lebensstandard hier ist die Folge der Armut vieler Menschen dort.

Das können Sie ja ändern und sich engagieren.

Ich versuche zum Beispiel, weniger zu verbrauchen, alles, was Plastik ist, zu vermeiden. Diese ganze Umweltverschmutzung ist eine Folge der Massenproduktion. Den Menschen in der ersten Welt wird es immer bequemer gemacht. Ich habe auch meine schwachen Momente, wenn ich mir was im Internet bestelle, und bin da nicht konsequent. Meine zwei Kinder aber nerve ich beispielsweise damit, nicht bei Edeka die abgepackte Wurst zu kaufen, sondern – verdammt noch mal – zum Fleischer zu gehen. Ich habe angefangen, sämtliche Joghurtbecher aufzuheben und mehrmals zu benutzen, um etwas in unserem Garten anzupflanzen oder auszusäen.

Sie beziehen gern klar Stellung. Als der Vertrag von Frank Castorf an der Volksbühne nicht verlängert wurde, haben Sie dies scharf kritisiert.

Weil keine Notwendigkeit bestand. Frank Castorf ist einer der wesentlichen Theatermacher der letzten 30 Jahre. Wie er das Publikum angesprochen hat, wie Theater politisiert wurde, immer wieder neue Medien eingeflossen sind. Damit ist die Volksbühne zu einem Wahrzeichen von Berlin geworden. Und das wird nach 25 Jahren de facto geschlossen. Das ist totaler Unsinn!

Man könnte auch sagen: Das Haus ist lediglich unter eine neue Leitung gestellt worden.

Es findet doch nicht mal Theater statt, jetzt kommt die dritte Eigenproduktion, acht Vorstellungen pro Monat auf der großen Bühne, ich bitte Sie. In meinen Augen gleicht das einem Vertragsbruch.

Es gab großen Widerstand gegen Intendant Chris Dercon. Im September besetzten Aktivisten das Haus. Wo waren Sie?

Ich wäre gern dabei gewesen, war aber nicht in Berlin. Ansonsten habe ich keinen Grund mehr, in das Haus zu gehen. Neulich bin ich daran vorbeigelaufen, es erinnerte mich an einen Sarg. Da weht schon ein Leichengeruch raus. Vom Panzerkreuzer zum Totenschiff, habe ich auf Instagram gepostet.

Wo Sie noch der Volksbühne folgen. Sind Sie Masochist?

Keine Ahnung, kann sein. Ich überprüfe das gleich mal.

Beobachten Sie in den sozialen Medien, was Ihre Kollegen gerade treiben?

Ich bin selbst ganz überrascht, dass ich mir einen Account eingerichtet habe. Naja, ich langweile mich manchmal. Das ist wahrscheinlich die Aufmerksamkeit, die man als Schauspieler braucht. Ah, so viele Likes schon wieder. Erschreckend, dass ich die meisten Kommentare bekomme, wenn ich ein Bild von mir poste.

Verwundert nicht. Schauspieler sind die Idole unserer Zeit. Brad Pitt, Til Schweiger, Julia Roberts …

Vielleicht brauchen wir solche Superhelden, die Stellvertreter sind. Dahinter steckt auch die Frage, wie viel Aufmerksamkeit brauche ich. Ist ein bisschen wie eine Droge. Viele Schauspieler kriegen alles hinterhergetragen, werden umsorgt, aber vom echten Leben da draußen bekommen sie gar nichts mit. Manager, Agenten, Produzenten sind dann ihre Familie.

Auch in Deutschland?

Eigentlich sind wir in Deutschland sachlicher. In Amerika ist der Markt größer. Viel mehr Umsatz, höhere Gagen, größere Entourage, es gehört dazu, dass du einen eigenen Fahrer, Personenschützer, Koch und Make-Up-Artist hast.

Wäre manchmal ganz schön.

Auf gar keinen Fall. Ich bin froh, dass ich unentdeckt U-Bahn fahren kann.