Interview mit Patrick Döring : „Alligatoren haben in deutschen Wohnzimmern nichts zu suchen“

Als Haustierversicherer kennt Patrick Döring die Liebe der Deutschen zu Hund und Katze. Als Ex-FDP-Generalsekretär vermisst er seinen Freund Guido Westerwelle.

Der frühere Bundesaußenminister Guido Westerwelle (links) mit Patrick Döring 2013 in Berlin vor der Sitzung des FDP-Bundesvorstandes.
Der frühere Bundesaußenminister Guido Westerwelle (links) mit Patrick Döring 2013 in Berlin vor der Sitzung des...Foto: Soeren Stache/dpa

Herr Döring, seitdem die FDP bei der Bundestagswahl 2013 die Fünf-Prozent-Hürde nicht schaffte und Sie wie alle anderen 92 Abgeordneten ins normale Berufsleben zurückmussten, leiten Sie eine Krankenversicherung für Haustiere. Sind Sie so ein großer Tierfreund?

Es ist mir eine Freude, von Tieren umgeben zu sein. Bei uns im Büro in Hannover laufen mindestens fünf Hunde herum.

Sie selbst haben keinen?

Nein. Ich bin zu viel unterwegs. Er müsste permanent von fremden Leuten gesittet werden. Als Kind hatte ich Kaninchen und Hasen. Ich bin auf dem Land groß geworden.

Die Kaninchen wurden an Festtagen gegessen?

Auch wenn man auf dem Land lebt, muss man nicht alles verzehren. Das war reine Tierliebe.

Warum versichern Sie dann keine Kaninchen?

Ich tue mich schwer damit, eine monatliche Prämie für die Behandlung eines Tieres zu nehmen, das in der Anschaffung 20 oder 30 Euro kostet. Wir beschränken uns auf Hunde und Katzen. Für Kaimane, Alligatoren oder Kreuzottern bekommen wir regelmäßig Anfragen. Die lehne ich ab, weil wir die Haltung dieser Tiere nicht fördern wollen. Ein Alligator hat in deutschen Wohnzimmern nichts zu suchen.

Patrick Döring

Patrick Döring, 45, zwischen 2012 und 2013 Generalsekretär der FDP, leitet die Agila Haustierversicherung AG, in der 280 000 Hunde und Katzen krankenversichert sind.
Döring ist in Himmelpforten bei Hamburg aufgewachsen. Sein Vater leitete einen Herrenausstatter im benachbarten Dollern. Zum Studium der Wirtschaftswissenschaften zog Döring nach Hannover, wo er 1999 als Assistent der Geschäftsführung bei der Wertgarantie Group begann, für die er die Versicherung für Haustiere aufbaute. Seit 2002 leitet er sie auch.
Döring war noch Schüler, als er 1991 der FDP beitrat. Zwischen 2005 und 2013 saß er für die Partei im Bundestag. 2011 wurde er Schatzmeister der FDP und im Jahr darauf Generalsekretär – auf Vorschlag des damaligen Parteivorsitzenden Philipp Rösler, den Döring seit seinem Studium kennt und mit dem er bis heute befreundet ist. Als die FDP 2013 aus dem Bundestag flog, kehrte Patrick Döring in seinen Versicherungsjob zurück, den er nie aufgegeben hatte. Politik macht er nur noch ehrenamtlich, zurzeit als FDP-Chef von Hannover. Dort lebt er auch mit seiner Ehefrau. Das Paar hat keine Tiere.

Wie sind Sie auf die Idee gekommen, eine Krankenversicherung für Haustiere aufzuziehen?

Die Idee ist bereits in den 80ern in Großbritannien entstanden, als Maggie Thatcher die Gebührenordnung für Tierärzte abschaffte. Damals fürchteten die Menschen, die Behandlungskosten für ihre Haustiere könnten aus dem Ruder laufen. Ich war Ende der 90er Jahre Vorstandsassistent bei der Versicherungsgruppe Wertgarantie, als meine Chefs die Idee auf Deutschland zugeschnitten haben. Ich habe das Ganze umgesetzt.

Was sind die gängigen Erkrankungen, die Sie auf den Tisch bekommen?

Bei den Katzen sind es Blessuren, die sie von Raufereien davongetragen haben: mit Hunden, Füchsen, Wildschweinen. Bei Hunden sind es oft Schnittverletzungen – wenn das Tier irgendwo in eine Scherbe getreten ist – oder Unfälle aller Art. Als es im Sommer so heiß war, ist beispielsweise in Berlin ein Hund vom Balkon im zweiten Stock gesprungen. Das war ein Neufundländer, 60 Kilo schwer. Der ist nicht fürs Springen gemacht. Der Hundehalter hat bei unserem Kundendienst angerufen: Was mache ich jetzt? Sie können ja ein verletztes Tier nicht so einfach transportieren.

Waren Ihre Telefonistinnen überfragt?

Nein, die meisten meiner Mitarbeiter sind ehemalige Tierarzthelferinnen, die kennen sich aus. Bei schwer verletzten Tieren raten wir, den Haustierarzt zu rufen.

Beschäftigen Sie überwiegend Frauen, weil sie für weniger Geld arbeiten?

Nein, das liegt an der Branche. In den veterinärmedizinischen Unis sitzen zu 80 Prozent Studentinnen. Großtierpraxen suchen händeringend Nachwuchs. Kälber und Ferkel auf die Welt zu bringen und zu behandeln, ist harte körperliche Arbeit …

… die außerdem oft in einem deprimierenden Umfeld stattfindet.

Ich hatte in meiner politischen Zeit mit der Lebensmittelindustrie zu tun und war deshalb gelegentlich in Ställen. Ein schlechtes Gefühl, was die Tierschutzstandards angeht, hatte ich dort nie – aber natürlich werden diese Tiere gezüchtet, um Nahrung zu produzieren. Die Ansprache ist völlig anders als in einer Kleintierpraxis, wo jemand ein Familienmitglied bringt.

Sie selbst waren Trainee in einer Versicherung. Saßen Sie da mal bei fremden Leuten am Küchentisch?

Klar, das gehört zur Ausbildung dazu. Zu Anfang kostete es mich Überwindung, weil man immer in eine unvorhersehbare Situation kommt. Das ist ein bisschen wie beim ersten Date, nur dass Sie das sieben Mal am Tag haben.