„Guido Westerwelle fehlt mir jeden Tag“

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Interview mit Patrick Döring : „Alligatoren haben in deutschen Wohnzimmern nichts zu suchen“

Sie sind zurzeit FDP-Chef von Hannover, ein Ehrenamt. Vermissen Sie die Spitzenpolitik?

Ich war gerne Bundestagsabgeordneter, aber hatte nie Entzugserscheinungen. Ein hohes politisches Amt ist eine intensive Aufgabe. Morgens ging ich aus dem Haus und war für alle der FDP-Generalsekretär. Das änderte sich schnell, als ich das Amt nicht mehr hatte. Seitdem werde ich wieder mehr als Mensch wahrgenommen.

Haben Sie sich manchmal selbst beschränkt?

Mir war die Wirkung von Bildern sehr bewusst. Deshalb habe ich beherzigt, was Guido Westerwelle mir riet: „Lass nie ein Foto machen, wie du eine Treppe heruntergehst. Dieses Bild wirst du nie wieder los.“ Ich habe vermieden, mich von einem Fernsehteam filmen zu lassen, wie ich mit einem Fahrstuhl abwärtsfahre. Das sitzt tief drin.

In Ihrer Amtszeit als Generalsekretär ging es für die FDP abwärts: Eine Wahl nach der anderen haben Sie verloren.

Mit Ausnahme der Niedersachsen-Wahl war es keine gute Zeit für uns.

Damals stand sogar im Raum, dass die Partei ganz verschwindet. Wie gingen Sie mit dem Druck um?

Wir waren ja von unseren Positionen überzeugt, und wenn die dann kaum Resonanz finden, ist das schon unglaublich ernüchternd. Mich hat das aber auch angespornt. Politik ist ein hektisches Geschäft. Sie müssen jeden Morgen aufstehen und sprechfähig sein. Eine strategische Neuorientierung ist bei laufendem Regierungsbetrieb nicht möglich, schon gar nicht in einem Wahlkampf.

Erschwerend kam hinzu, dass Rainer Brüderle, eine der zentralen Figuren für die Bundestagswahl 2013, einer Journalistin ein anzügliches Kompliment gemacht haben soll.

Wir waren natürlich alle erst mal komplett hilflos, denn es war niemand von uns dabei. Man sieht an diesem Vorfall – egal was sich tatsächlich zugetragen hat –, wie schnell alle Verdienste eines Mannes, der 25 Jahre als Politiker immer einen tadellosen Ruf hatte, entwertet werden können. Damals habe ich von Nahem gesehen, was versicherungstechnisch als Reputationsschaden bezeichnet wird.

Gibt’s den Begriff wirklich?

Unternehmen versichern sich dagegen, ja klar.

Hatten Sie eigentlich später noch Kontakt zum kranken Guido Westerwelle?

Bis zuletzt.

Sie standen ihm nahe?

Er fehlt mir jeden Tag.

Ja?

Wir kannten uns mehr als 20 Jahre. In meinen acht Jahren im Bundestag standen wir fast täglich in Kontakt. Wir haben uns gemocht, deshalb vermisse ich seinen Rat.

Schließlich kam die FDP bei der Bundestagswahl 2013 nur auf 4,8 Prozent. In Amerika sagt man, dass man auch mal gescheitert sein muss, um daran zu wachsen. Haben Sie Ihre Zeit als Generalsekretär als Scheitern verbucht?

In der Politik sind Wahlergebnisse nun mal das, was in der Wirtschaft Umsätze und Gewinne sind. Das war schon eine Erfahrung, die hätte ich nicht gebraucht. Aber ich bin danach jedenfalls in keine Lebenskrise gefallen. Das hatte auch viel damit zu tun, dass ich meinen Beruf nie aufgegeben hatte: Ich saß die ganze Zeit im Vorstand der Agila.

Und wie schätzen Sie die Alphatiere der heutigen FDP ein?

Christian Lindner führt die Partei sehr erfolgreich, er hat mit Wolfgang Kubicki und Hermann Otto Solms zwei starke „Silberrücken“ an seiner Seite, und er ist souverän genug, zunehmend profilierten Kollegen „im Rudel“ wie Johannes Vogel, Nicola Beer, Alexander Graf Lambsdorff oder Christian Dürr Raum zu geben.

Wenn man Sie so hört, sind Sie wieder ganz in Ihrem alten Beruf angekommen. Der Haustiermarkt wächst immer weiter. Der Schokoriegelkonzern Mars hat sich gerade für zwei Milliarden Euro eine Kette von Tierkliniken mit Niederlassungen in ganz Europa gekauft. Haben Sie Expansionspläne?

Nein, denn in weiten Teilen Europas hat der Hund nicht denselben Stellenwert wie bei uns. In Italien und Frankreich ist er meist Hof- oder Wachhund. In Deutschland schläft er eher im Bett als im Zwinger, und das finde ich sehr sympathisch.

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